06.05.2017

BrasilienFrau ohne Tränen

Vor knapp einem Jahr wurde Dilma Rousseff aus dem Amt gejagt. Es hat sich gezeigt: Das gesamte politische System ist korrupt. Ist die Expräsidentin also Opfer – oder Mitschuldige?
Es ist ein Tag im März, ein Jahr nach dem Beginn ihrer Absetzung, als Dilma Rousseff in einem Städtchen namens Monteiro auf einer Bühne steht und einer aufgebrachten Menge zuruft, dass das systematische Lügen weitergehe. Rousseff wird bald 70, ihre Augen vertragen das helle Licht nicht mehr so gut. Sie blinzelt in den wolkenlosen Tropenhimmel, aus dem es schon seit Monaten nicht mehr geregnet hat, und schlägt mit ihrer Faust auf einen unsichtbaren Tisch. "Es kann nicht sein", ruft sie, "dass ausgerechnet dieser Mann, der jahrelang keinen Finger krumm gemacht hat, plötzlich hier auftaucht und erklärt, ich bringe euch das Wasser!"
Lange bevor sie Präsidentin von Brasilien wurde, hatte Rousseff als Ministerin unter ihrem Vorgänger Lula da Silva damit begonnen, den Lauf des Rio São Francisco über ein gewaltiges Kanalsystem in die Dürreregionen des Nordostens umleiten zu lassen. Es war ein Projekt, das ihr am Herzen lag wie kaum ein anderes. Zwölf Millionen Menschen sollten von ihm profitieren. Nun sind die Arbeiten abgeschlossen, und die Äcker von Monteiro sind die ersten, die das Wasser erreicht.
Deshalb stand am Wochenende zuvor Brasiliens neuer Präsident Michel Temer auf ebendiesem Marktplatz und ließ sich auf die Schulter klopfen. Darum ist Rousseff heute hier. Sie will etwas richtigstellen. "Dieses Projekt", sagt sie, "war so gut wie fertig, als der Verräter übernahm."
Der Verräter. Der Name Temer kommt ihr heute nicht mehr über die Lippen.
Am 12. Mai ist es ein Jahr her, dass Rousseff von ihrem Präsidentenamt suspendiert wurde. Ende August wurde sie endgültig abgesetzt. In einem quälenden, sich über Monate hinziehenden Verfahren, das sie selbst als Putsch bezeichnet, hatte sie sich gegen Vorwürfe wehren müssen, das wahre Ausmaß des Haushaltsdefizits mit Zahlentricksereien kaschiert zu haben. Es waren formale Kniffe, über die in normalen Zeiten niemand die Nase gerümpft hätte. Präsidenten vor ihr hatten es getan, und Präsidenten nach ihr werden es tun. Aber darum ging es nicht.
Schon damals befand sich Brasilien in einer schweren Wirtschaftskrise; der irrwitzige Korruptionsskandal um die halbstaatliche Erdölförderungsgesellschaft Petrobras hatte zudem große Teile einer lange als unantastbar geltenden Elite hinter Gitter gebracht. Jede Woche, schien es, tauchten neue Kronzeugen auf, neue Geheimkonten und schwarze Kassen, die weitere Abgeordnete, Senatoren und Minister ins Gefängnis brachten. Die Hauptstadt war zu einem Ort der Angst geworden – und Rousseff tat nichts, um dieses "Blutvergießen" zu verhindern. Dieses Blutvergießen, so hatte es ein Vertrauter des damaligen Stellvertreters Michel Temer, der ins Visier der Korruptionsermittler geraten war, in einem aufgezeichneten und später veröffentlichten Telefongespräch erklärt.
Deshalb musste Rousseff weg. Damit die Ermittlungen aufhörten.
Das ist die Erzählung, mit der Rousseff nun durch Brasilien und die Welt reist. Gemeinsam mit ihrem Vorgänger Lula, der 2018 wieder kandidieren will, kämpft sie in Orten wie Monteiro um die Deutungshoheit über die 13 Jahre, in denen das Schicksal Brasiliens in beider Hände lag. Es geht darum, was bleibt von diesem großen linken Projekt, mit dem sie von Lateinamerika aus die Welt neu denken wollten.
In Monteiro sagt sie, dass das Wasser nicht nur für die Menschen sei. Es solle auch die beschmutzte Seele der jungen Demokratie reinigen. Es ist, als ginge die Bürgerin Dilma Rousseff 45 Jahre nach ihrer Entlassung aus den Folterknästen der Militärdiktatur zurück in den linken Widerstand.
Als sie an einem heißen Morgen in Rio de Janeiro im Fahrstuhl eines Mittelklassehotels steht, sieht sie aus wie eine Kluburlauberin. Sie trägt eine geblümte Bluse und hält ihr rosa Smartphone in der Hand. Eine junge Frau mit sonnenverbranntem Dekolleté wünscht ihr auf Spanisch einen guten Morgen.
"Woher kommen Sie?", fragt Rousseff.
"Mexiko", sagt die Frau. "Und Sie?"
Rousseff lächelt, dann gibt sie Tipps, welche Cremes am besten gegen die Sonne schützen. Wenig später betritt sie im zehnten Stock ein enges, spärlich möbliertes Zimmer. Rousseff stört es nicht. Sie steuert auf das Fenster zu und lässt den Blick über das Meer schweifen, die Promenade, wo sie früh um sechs schon mit dem Fahrrad unterwegs war.
"So schön", sagt sie.
Eine Weile lang verharrt sie am Fenster. Dann dreht sie sich plötzlich um und blickt herausfordernd. "Glauben Sie mir", sagt sie. "Ich vermisse nichts."
Nach ihrer Absetzung, sagt Rousseff, sei Angela Merkel eine der wenigen gewesen, die sich gemeldet hätten, um ihre Anteilnahme auszudrücken. Dann wurde es still um sie. 1600 Euro Rente stehen ihr zu. Sie hat ein Haus von ihrem Vater geerbt, einem Kommunisten, der aus Bulgarien geflohen war und es Ende der Vierzigerjahre in Belo Horizonte als Anwalt zu einem gewissen Wohlstand gebracht hat.
Sie sagt, sie verbringe jetzt mehr Zeit mit ihren Enkeln. Sie lese viel und habe einen neuen Hund. Im Februar war sie auf einer Podiumsdiskussion in Spanien, im März sprach sie in Genf. Weil man sie in der Heimat kaum noch bucht, wendet sich Rousseff vor allem aus der Ferne an ihr Volk, um vor einer Regierung alter, reicher Männer zu warnen, die nun versuche, die Zeit zurückzudrehen.
In diesen Wochen, in denen die Arbeitslosenzahlen immer neue Rekordhöhen erreichen, hat ihr Nachfolger Michel Temer damit begonnen, den Kündigungsschutz zu lockern. Er hat Pläne für eine Rentenreform vorgelegt, die in Rousseffs Augen nur die Ungleichheit vergrößert, und es ist für sie kein Zufall, dass bei den weitreichenden Privatisierungen staatlicher Betriebe häufig Firmen aus den USA zum Zuge kommen. Temer, das weiß sie aus den WikiLeaks-Depeschen, diente amerikanischen Diplomaten als Informant.
"Die neue Regierung nutzt den Ausnahmezustand unseres Landes", sagt sie, "um ein auf der Strecke gebliebenes neoliberales Projekt zu vollenden." Rousseff überlegt, ein Buch darüber zu schreiben. Doch für ihre Geschichte des Jahres 2016, sagt sie, sei es noch zu früh.
Es war dieses vergangene Jahr, das bei ihr alte Wunden wieder aufriss. Es erinnerte sie an ihren Kampf gegen die Militärdiktatur und die drei Jahre, die sie deshalb im Gefängnis verbrachte.
Da war dieser Abend im April, als sie im Präsidentenpalast vor dem Fernseher saß und glaubte, sich mitten in Dantes "Inferno" wiederzufinden: Politiker, gegen die weit Schlimmeres vorlag als ein paar geschönte Haushaltszahlen, erklärten ihr Votum für Rousseffs Amtsenthebung mit den bizarrsten Gründen: dass sie gegen soziales Schmarotzertum seien oder für ein Recht auf Waffen. Als ein rechter Abgeordneter seine Stimme brüllend einem Coronel namens Carlos Alberto Ustra widmete, verschlug es ihr die Sprache. Neben ihr saß Lula, dem die Tränen über das Gesicht liefen.
Ustra war der Mann, der im Auftrag der Militärdiktatur die Aufsicht führte über die Foltereinheit im Gefängnis Tiradentes. Dort wurden Rousseffs Brustwarzen an Elektrokabel angeschlossen, um ihr Stromschläge zu versetzen. Dort wurde sie wie ein Stück Fleisch kopfüber an eine Eisenstange gehängt. Dort versuchten die Schergen während ewiger Verhöre, die Namen ihrer Kameraden aus ihr herauszuprügeln. All dies war plötzlich wieder da. Die Minuten tauchten wieder auf, die Rousseff zählte, bis es vorüber war. Die Schmerzen und der blinde Hass.
Lula, erzählt sie, habe sie in den Arm genommen. "Warum weinst du nicht?", habe er sie gefragt, aber Rousseff schwieg, stand auf und holte eine neue Schüssel Popcorn. "Ich weine nicht, wenn mich etwas bewegt", sagt sie jetzt.
Sie lehnt sich zurück und verschränkt die Arme vor der Brust. Aus der Widerstandskämpferin, die sich in ihren Essays gegen die Diktatur auf Marx berufen hatte, ist über die Jahre eine nüchterne Pragmatikerin geworden, die zahllose Statistiken im Kopf hat. Rousseff kann stundenlang dozieren über die wachsende Ungleichheit in der Welt, aber wenn es um ihre Gefühle geht, wird sie einsilbig. Wer Schwäche zeigt, der wird gebrochen, diese Lektion hat sie für immer mitgenommen, als sie das Gefängnis verließ.
Nur einmal, sagt sie, habe sie fast geweint. Es war, als sie am Tag ihres Umzugs von der Hauptstadt Brasília nach Porto Alegre, wo ihre Tochter lebt, schweren Herzens ihren kranken Labrador einschläfern ließ – und ihr die Zeitungen das Wort "Hundemörderin" nachriefen.
Rousseff war immer stolz auf den Weg, den sie zurückgelegt hat. Auf das Wirtschaftsstudium, das die einstige linke Kämpferin nach ihrer Haft nachholte. Auf ihre Karriere in der Verwaltung. Auf die Jahre dieses wundersamen Booms, in denen Millionen Brasilianer aus der Armut aufstiegen in eine neue Mittelschicht. Damals investierte Rousseff als Lulas Stabschefin die Einnahmen aus dem Verkauf staatlichen Öls in Kanalsysteme und in Staudämme, die das Land mit Wasser und Energie versorgen sollten, und in Zehntausende Sozialwohnungen. Vor allem aber ist sie stolz darauf, 2011 als erste Frau in den Präsidentenpalast eingezogen zu sein.
"Dilmas Amtsenthebung", sagt ihre Freundin Eleonora Menicucci, "war wie eines dieser Militärtribunale, bei denen das Urteil lange vorher feststand." Menicucci hatte einst die Zelle mit ihr geteilt. Während Rousseffs letzten Wochen im Palast katalogisierte sie dort dann mehr als 300 000 Gegenstände, damit niemand später sagen konnte, dass Rousseff etwas gestohlen habe.
Das Verfahren zu Rousseffs Amtsenthebung gipfelte in einer 15 Stunden langen Anhörung vor dem Senat. Die Ministerialbeamten, die mit vorgeschobener Gewissenhaftigkeit die Haushaltszahlen auseinandernahmen, all die Verfassungsrechtler, die dem Verfahren den Anstrich demokratischer Legitimität verleihen sollten, sie waren Teil einer "bananenrepublikwürdigen Inszenierung". So nannte das später ein früherer Bundesrichter. Es war ein politischer Prozess gegen eine Präsidentin, die am Ende isoliert dastand. Rousseff hatte es nicht geschafft, Allianzen mit ihren politischen Rivalen zu schmieden.
Anders als Lula, der nach seinem Amtsantritt im Garten des Palasts einen großen Grill anlegen ließ, um Politiker zum Arbeitsessen einzuladen, hatte Rousseff dort nur ein paar Blumen gepflanzt. Über all die Jahre bewahrte sie immer eine misstrauische Grunddistanz gegenüber einem politischen System, in dem Parlamentsmehrheiten durch den Handel mit einträglichen Posten organisiert werden. Das machte es Rousseff schwer, als Brasilien vor drei Jahren in die Rezession glitt und sie darauf mit einer aus zwölf Parteien bestehenden Koalition reagieren musste.
Das Geld, das sie nun ausgab, um das Wachstum zu stimulieren, vergrößerte das Haushaltsdefizit. Der Sparkurs, auf den sie nach ihrer knappen Wiederwahl 2014 umschwenkte, führte zu wütenden Protesten.
Brasilien suchte einen Schuldigen für die Misere, das war das eine. Das andere, vielleicht Entscheidendere, war der Korruptionsskandal: kaum ein Abgeordneter, dessen Name nicht im Zusammenhang mit Schmiergeldzahlungen genannt wurde, die über die Kassen von Petrobras abgewickelt wurden; kaum ein Minister, der nicht um seine Zukunft fürchtete. In dieser Gemengelage erkannte ihr Stellvertreter Michel Temer seine Chance. Er wusste, dass er im Falle einer Amtsenthebung an Rousseffs Stelle rücken würde.
Rousseff sagt heute, sie habe Temers Schachzüge erst nach und nach verstanden. Das Flirten mit der Opposition. Den Rückzug seiner Partei aus der Regierung, flankiert von einem Strategiepapier, das den Titel "Brücke in die Zukunft" trug. Dann diese angeblich aus Versehen an die Öffentlichkeit gelangte Audiodatei, in der Temer dazu aufrief, eine "Regierung zur Rettung Brasiliens" zu bilden; als übte er vor einem Spiegel schon mal Präsident.
Seit fast einem Jahr ist Temer nun im Amt, er ist so unpopulär wie Rousseff selbst in ihren schlimmsten Zeiten nicht. Im Fernsehen laufen derzeit Tag und Nacht Berichte, in denen Angestellte des großen brasilianischen Baukonzerns Odebrecht darüber auspacken, wie sie über Jahre Politiker aller Parteien systematisch bestochen haben, um an öffentliche Aufträge zu gelangen. Unter anderem beschuldigen sie 8 Minister aus Temers Regierung; außerdem 24 Senatoren, 37 Parlamentarier, 12 Gouverneure und die letzten 5 Staatspräsidenten – darunter Lula und Rousseff. "Operation Weltuntergang" nennen die Medien diese Zeugenaussagen.
Marcelo Odebrecht, der zu 19 Jahren Haft verurteilte ehemalige Chef des Konzerns, erklärte, dass ihm kein brasilianischer Politiker bekannt sei, der es ohne Geld aus schwarzen Kassen in ein Amt geschafft habe. Im Zuge seiner Vernehmung erinnerte er sich auch an Gespräche, in denen er Rousseff über die Zahlungen an ihre Partei informiert habe.
Auch wenn in Brasilien kaum jemand glaubt, dass Rousseff sich persönlich bereichert hat, sieht es immer mehr so aus, als wäre auch sie über die Jahre Teil dieses korrupten Systems geworden. Eines Systems, das heute vieles repräsentiert, aber nicht mehr unbedingt das Volk. Viele zweifeln daran, dass die Arbeiterpartei, die so vieles anders machen wollte, tatsächlich besser war. Das blendet Rousseffs Erzählung aus – und es wirft einen immer größeren Schatten auf ihre gesamte Amtszeit.
Auch ihr Nachfolger wird in den Aussagen der Odebrecht-Zeugen mehrfach erwähnt. Aber solange Michel Temer Präsident ist, darf nicht gegen ihn ermittelt werden. Er besitzt jetzt Immunität.

"Der Verräter" – sein Name kommt ihr heute nicht mehr über die Lippen.

Von Marian Blasberg

DER SPIEGEL 19/2017
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