06.05.2017

Ethik„Mir flog ein Stein an den Kopf“

Tübingens grüner Oberbürgermeister Boris Palmer, 44, über seine Fehde mit radikalen Tierschützern
SPIEGEL: Das Max-Planck-Institut (MPI) für biologische Kybernetik hat die Versuche an nichtmenschlichen Primaten beendet. Ein Erfolg der Tierschützer?
Palmer: Nein. Auch wenn Mitglieder radikaler Organisationen wie der "Soko Tierschutz" dies als eigenen Erfolg feiern. Diese Macht hatten sie nicht. Wahr ist aber: Der Direktor und viele Mitarbeiter sind jahrelang aggressiv bedroht worden. So etwas hinterlässt Spuren. Ich weigere mich zu akzeptieren, dass mittels Einschüchterungsversuchen gegen Wissenschaftler bestimmt werden kann, was in Deutschland erforscht wird und was nicht. Das muss zivilisiert und demokratisch entschieden werden.
SPIEGEL: Kürzlich mussten Sie sogar eine Bannmeile um die Privatwohnungen von Forschern ziehen lassen ...
Palmer: ... weil Tierversuchsgegner dort demonstrieren wollten. Vorausgegangen waren anonyme Todesdrohungen: "Ihr gehört in die Luft gejagt", hieß es zum Beispiel. Sollen die Kinder und Nachbarn der Wissenschaftler solche Auseinandersetzungen erleben müssen?
SPIEGEL: Haben Sie Verständnis dafür, dass viele Menschen Unbehagen empfinden, wenn mit unseren nächsten Verwandten medizinische Versuche gemacht werden?
Palmer: Natürlich. Tierversuche abzulehnen ist eine legitime Haltung – aber in letzter Konsequenz müssen ihre Vertreter auch auf den medizinischen Fortschritt verzichten, der nur durch Tierversuche erreichbar ist. Ich bin vom Nutzen dieser Art von Grundlagenforschung überzeugt. Es ging am MPI zum Beispiel um ein besseres Verständnis von Krankheiten wie Parkinson oder Schizophrenie. Das kann man nicht an Insektengehirnen oder allein im Reagenzglas erforschen. Ich würde den Kampf gegen Tierversuche lieber auf das Ende der Erprobung von Kosmetika richten und mehr Geld für die Erforschung tierversuchsfreier Methoden einsetzen.
SPIEGEL: Haben Sie auch mit den Tierschützern gesprochen?
Palmer: Ich habe es versucht, etwa auf Demonstrationen. Diese radikalen Gruppen wollen aber keine Argumente von Andersdenkenden hören. Ich habe das mitunter als sehr bedrohlich empfunden; einmal flog mir sogar ein Stein an den Kopf.
SPIEGEL: Halten Sie die Mehrheit der Tierversuchsgegner für so radikal?
Palmer: Natürlich nicht. Aber soziale Medien wie Facebook führen dazu, dass sich Menschen mit dieser extremen Haltung schnell organisieren können. Ich würde mir wünschen, dass sich Tierversuchsgegner und Tierschützer, die Gewalt ablehnen, klarer von brachialen und menschenverachtenden Methoden distanzieren.
Von Jko

DER SPIEGEL 19/2017
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