13.05.2017

WeißrusslandZug nach nirgendwo

Jeden Morgen um 7.04 Uhr verlässt der Zug nach Westen die weißrussische Grenzstadt Brest. Er ist voll mit Flüchtlingen aus Tschetschenien, die in die EU wollen, für sie sind eigene Waggons reserviert. Der Zug braucht 19 Minuten bis Terespol im EU-Land Polen. Die Tschetschenen müssen aussteigen, polnische Grenzschutzbeamte geleiten sie in einen Verhörsaal und geben ihnen einige Minuten Zeit, ihre Geschichte vorzutragen. Die allermeisten werden sofort zurückgeschickt, sie haben keine Chance auf Asyl. Um 11.21 Uhr sind sie wieder in Brest. Am nächsten Tag versuchen sie es erneut. Hilfsorganisationen schätzen, dass sich derzeit mindestens tausend Tschetschenen in dem Grenzort befinden. Manche campen, die meisten haben sich in überteuerten Wohnungen eingemietet. Sie sind vor der Gewaltherrschaft des Diktators Ramsan Kadyrow geflohen, der Tschetschenien mit Billigung Moskaus regiert. Als russische Bürger erreichen sie die weißrussisch-polnische Grenze leicht – um dann dort festzusitzen. Polen hat das Grenzregime vor Kurzem verschärft. Warschau möchte sich nicht aus Berlin vorwerfen lassen, Tschetschenen einfach durchzuwinken. Innenminister Mariusz Błaszczak von der nationalkonservativen Partei Recht und Gerechtigkeit fürchtet, nach der Schließung der Balkanroute werde nun eine neue Trasse "muslimischen Zuflusses" nach Europa entstehen: "Solange wir regieren, wird Polen nicht mit der Gefahr des Terrorismus infiziert."
Von Jpu

DER SPIEGEL 20/2017
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