03.06.2017

LandwirtschaftDie Blut-Schande

Um Schweinefleisch zu Billigstpreisen produzieren zu können, werden trächtige Stuten zur Ader gelassen. Viele verenden elendiglich.
Pünktlich zur Grillsaison wollte Aldi Süd die Fleischeslust der Deutschen anheizen: mit Schweinenackensteaks, 600 Gramm zum Preis von 1,99 Euro. Die Kundenreaktion fiel anders aus als geplant: "Das ist einfach nur billigster Dreck, für dessen Produktion alles und jeder bis zum Anschlag ausgebeutet wurde – am meisten die, die sich am wenigsten wehren können: die Tiere. Ich bin kein ideologisch verblendeter Ökofaschist, aber das, was ihr tut, ist einfach nur KRANK!!", schrieb Dominik Boisen auf der Facebook-Seite des Einzelhändlers.
Sein Wutausbruch wuchs sich zum Shitstorm aus, die Medien berichteten bundesweit. Aldi Süds unmoralisches Angebot platzt mitten hinein in eine Ethikdebatte über industrielle Tierhaltung, den Wert von Fleisch und den Preis, den Mitgeschöpfe dafür bezahlen sollen.
Dabei beschränkt sich das Leid nicht auf die heimischen Nutztiere.
Um die Schweineproduktion in den Tierfabriken effizient zu gestalten, wird den Sauen oft ein Hormonpräparat gespritzt, damit alle gleichzeitig trächtig werden und gleichzeitig werfen. Etwa jede dritte Zuchtsau in Deutschland erhält das Medikament. Das Mittel wird aus dem Blut trächtiger Stuten gewonnen: Pregnant Mare Serum Gonadotropin, PMSG. Es ist ein riesiges Geschäft: 100 Gramm des Grundstoffs kosten knapp eine Million Dollar.
Der Großteil des Stoffes kommt aus Argentinien und Uruguay, wo fernab der Öffentlichkeit Blutfarmen mit Tausenden Tieren betrieben werden. 2015 enthüllte die deutsche Animal Welfare Foundation (AWF), unter welch grausamen Umständen die Pferde dort leben. Weil PMSG nur in einem frühen Stadium der Trächtigkeit abgenommen werden kann, holen die Blutfarmer zwei, drei Monate lang ein Maximum an Blut aus den Stuten heraus – bis zu zehn Liter pro Woche. Manche Pferde können sich nach dem Brachial-Aderlass nicht mehr auf den Beinen halten, beobachteten die Tierschützer, es kommt zu Anämie, Schwächeanfällen und Fehlgeburten. Viele verenden.
Die Stuten sind unterernährt, oft verletzt, ohne Wetterschutz und ohne Stallungen. Bei der Blutentnahme werden die ungezähmten Tiere schwer misshandelt – das zeigen Videoaufnahmen von 2015 auf einer Farm des argentinischen Großanbieters Syntex, der EU-zertifiziert ist. Nach der PMSG-Gewinnung werden Aborte eingeleitet, damit die Stute sofort neu gedeckt werden kann. Sind sie ausgelaugt, kommen sie zum Schlachter.
Die Recherchen der Tierschützer sorgten für Aufsehen. Der Bund praktizierender Tierärzte (bpt) protestierte, die Bundesregierung wies ihre Botschaften in Uruguay und Argentinien an, auf Verbesserungen zu drängen. Das Europa-Parlament und die deutsche Agrarministerkonferenz forderten die Einhaltung europäischer Tierschutzstandards.
Zwei Jahre später hat sich nichts an der erbarmungswürdigen Situation der Pferde geändert. Dies ergaben erneute Exkursionen der AWF 2016 und 2017, in Kürze wird der Bericht dazu veröffentlicht. "Noch immer werden die Stuten in schlechtem Zustand gehalten, geprügelt und gequält. Die Fohlen werden systematisch abgetrieben. Pro Jahr, so unsere Zählung, sterben rund 30 Prozent der Blutstuten durch die viel zu hohe Blutentnahme", so Tierschützer York Ditfurth.
Auf Anfrage des Grünen-Abgeordneten Friedrich Ostendorff gab die Bundesregierung an, vor Ort und auf EU-Ebene um bessere Tierhaltungsbedingungen zu kämpfen.
Gegenüber dem SPIEGEL erklärt das Landwirtschaftsministerium, dass die Möglichkeiten, den Tierschutz anderer Staaten zu beeinflussen, sehr begrenzt seien. Immerhin werde jetzt in Uruguay ein Handbuch für Regeln in der Pferdehaltung erarbeitet. Die Europäische Union sieht keinen Grund für einen Importstopp, solange nach arzneimittelrechtlichen Vorgaben produziert werde. Europäische Rechtsvorschriften würden derzeit nicht verletzt.
Außerdem können EU-Tierschutzbestimmungen in Drittstaaten nicht durchgesetzt werden. Laut AWF haben weder Argentinien noch Uruguay neue Regelungen oder Gesetze erlassen, um die Stuten zu schützen.
In Deutschland stellen drei Firmen PMSG-Produkte her. Die Dessauer IDT Biologika verweigert jede Information. Ceva, die von Syntex Argentinien beliefert wird, behauptet, ein umfassendes Monitoring eingeführt zu haben. Die Intervet-Mutter MSD verurteilt die tierquälerischen Praktiken und bezieht nach eigenen Angaben aus Quellen, die sich an strenge Vorschriften halten müssen.
Für Ostendorff zeugt der Einsatz von PMSG von der "Perversion der industriellen Fleischproduktion": "Das Leid der Stuten wird in Kauf genommen, um gleichmäßige und planbare Betriebsabläufe in der industriellen Ferkelproduktion zu ermöglichen. Wir fordern ein Verbot von Mitteln, die mit Tierleid für mehr Tierleid sorgen."
Die AWF erwägt eine Klage. Geprüft wird, ob der Einsatz von PMSG als Betriebsmittel ein Verstoß gegen das Tierschutzgesetz darstellt.
Von Michaela Schießl

DER SPIEGEL 23/2017
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