03.06.2017

AffärenDas große Schweigen

Cristiano Ronaldo ist der größte Fußballheld der Welt. Er ist so entrückt, dass selbst Vorwürfe einer Vergewaltigung und des massiven Steuerbetrugs an ihm abprallen.
Um einen Fußballer wie Cristiano Ronaldo wird es nie richtig still, die Welt spricht über seine Tore, seine Frisur, seine Steuererklärung. Im Internet und in Zeitungen tauchen Bilder auf von ihm in Unterwäsche oder wie sich seine Freundin im Bikini vor ihm bückt.
Es ist ein Dauerrauschen. Umso irritierender wirkt es deshalb, wenn ein Thema komplett ausgeblendet wird.
Vor acht Jahren begegnete Ronaldo in Las Vegas einer Frau, Susan K. Sie behauptete später, von ihm vergewaltigt worden zu sein. Der SPIEGEL hat im April über die Vorwürfe der Amerikanerin berichtet. Der Fall schlug kurz Wellen. Dann schoss Ronaldo fünf Tore in den Champions-League-Viertelfinalspielen gegen den FC Bayern und später noch mal drei im Halbfinale gegen Atlético Madrid. Die Geschichte der Susan K. war danach vergessen.
Ronaldo trat vor die Kameras und Mikrofone der Reporter und sprach über seine Ziele mit Real Madrid. Niemand fragte ihn nach diesem Fall in Las Vegas. Dafür versendeten seine Fans Posts und Tweets, in denen das Vergewaltigungsthema wie ein vergiftetes Stilmittel auftauchte.
"Dabei zuzusehen, wie Ronaldo die stärksten Teams in Europa vergewaltigt, ist so Ronaldoesque."
"Als Nächstes wird er Juve vergewaltigen."
Fußball ist ein Emotionskino, das manchmal schwer zu begreifen ist. Es wird schneller verziehen, gehasst und wieder verziehen als im normalen Leben. Ein Sieg, eine Niederlage, ein Tor kann alles verändern.
Es gibt auch bedingungslose Verehrung. Diego Maradona ist ein Spinner, aber er wird von seinen Fans geliebt, weil er ein Genie am Ball war. Franz Beckenbauer hat in seiner Laufbahn viel Unfug erzählt, aber seine Anhänger stehen zu ihm, denn er holte für Deutschland als Spieler und als Trainer die Weltmeisterschaft.
Auch Ronaldo ist für seine Fans vor allem eine Märchenfigur. Ein Junge aus einfachen Verhältnissen. Mit 17 Jahren debütierte er im Profiteam von Sporting Lissabon. Mit 18 wechselte er zu Manchester United. Mit 23 fuhr er einen Ferrari zu Schrott. Inzwischen ist Ronaldo 32 Jahre alt, und alles an ihm scheint riesig zu sein. Er verdient fast 40 Millionen Euro im Jahr bei Real und hat 119 Millionen Follower bei Facebook.
Wer zur Hölle ist Susan K.?
Ronaldo bestreitet, die Amerikanerin im Juni 2009 in einer Suite im Palms Place Hotel in Las Vegas vergewaltigt zu haben. Fest steht, dass es zwischen den beiden zu einer außergerichtlichen Einigung kam. Er bezahlte 375 000 Dollar, im Gegenzug verpflichtete sich die Frau dazu, für immer zu schweigen.
Nachdem der SPIEGEL über den Fall berichtet hatte, gab die Agentur von Ronaldo-Berater Jorge Mendes eine Stellungnahme heraus. Sie war voller Unwahrheiten. Unter anderem hieß es, es gebe keinerlei Belege, dass Ronaldo mit der Sache etwas zu tun habe.
Das Statement wurde weltweit zitiert. Und fast wirkte es, als seien alle erleichtert. Sehet! Sie sagen, er war es nicht!
Der SPIEGEL veröffentlichte daraufhin einen zweiten Artikel und zeigte Ausschnitte der außergerichtlichen Einigung zwischen Susan K. und Ronaldo mit der Unterschrift des Fußballers. Diesmal kam kein Statement von der Ronaldo-Agentur. Es war auch nicht notwendig. Denn die neuen Fakten drangen nicht mehr durch bis zum Publikum, sie prallten bei den meisten Medienhäusern ab, als gäbe es da eine unsichtbare Wand. Die große spanische Zeitung "El País" aus Madrid berichtet bis heute nicht über die Vergewaltigungsvorwürfe gegen Ronaldo.
Die Publizistin und Frauenrechtlerin Shireen Ahmed sagt: "Diese Ruhe ist bizarr." Die Aktivistin aus Kanada setzt sich seit Jahren kritisch mit dem Fußballgeschäft auseinander. Die Untätigkeit der Medien im Fall Ronaldo und Susan K. empört sie. "Einige Leute denken wohl, gut, er hat bezahlt, es ist vorbei. Aber so läuft das nicht", sagt Ahmed, "auch wenn die Causa privat geklärt wurde, heißt das nicht, dass es diesen Vorfall nicht gegeben hat und dass er nicht relevant ist."
Beim Champions-League-Finale am Samstag in Cardiff wird sich nicht entscheiden, wo Cristiano Ronaldo als Fußballer einzustufen ist. Egal ob er gewinnt oder verliert, er gehört längst zu den Größten dieses Sports.
Aber ist er auch eine große Persönlichkeit? Oder ist er ein Lügner, ein Betrüger?
Stars wie Ronaldo leben in einer Blase. Den Portugiesen umgibt eine Entourage, die sich um seine Geschäfte, sein Wohlergehen und den Schmutz, der manchmal anfällt, kümmert. Zum Team gehören Finanz- und Marketingexperten, Anwälte, PR-Berater. Sie alle hatten in den vergangenen Monaten gut zu tun.
Vorigen Dezember erschien im SPIEGEL eine Titelgeschichte, die anhand von Dokumenten der Enthüllungsplattform Football Leaks die Steuertricksereien Ronaldos thematisierte. Inzwischen hat Ronaldos Sprecher eingestanden, dass der Spieler nicht alle Steuern bezahlt habe – er hätte aber nicht absichtlich betrogen. Zwischen 2011 und 2014 könnte er 15 Millionen Euro Steuern hinterzogen haben, die Staatsanwaltschaft ermittelt. Sollte es zu einem Prozess kommen, droht dem Superstar eine Haftstrafe.
Ronaldos Abwehrchef ist seit Jahren der portugiesische Jurist Carlos Osório de Castro, ein kühler Kopf, der nicht so schnell den Überblick verliert. Er war auch einer der Ersten, die im Juli 2009 von den Vorwürfen Susan K.s erfuhren – und er reagierte prompt. Er kontaktierte erfahrene Anwälte in den USA, stellte eine juristische Abwehrkette auf.
Ronaldos Truppe agierte mitunter wie Figuren einer Grisham-Verfilmung. Ein Privatdetektiv wurde auf Susan K. angesetzt. Er sammelte Details zu ihrem Lebenslauf, Informationen zu Strafzetteln fürs Falschparken. Der Mann observierte das Haus von Susan K., er beschattete die Zielperson manchmal stundenlang.
Einmal notierte der Detektiv in einem Protokoll, das dem SPIEGEL vorliegt: "Ms K. hat das Haus gestern Abend um kurz vor 20 Uhr verlassen, fuhr zum MGM-Hotel, parkte ihr Auto und traf sich mit einem jungen Mann, den sie am Fahrstuhl umarmte." An einem anderen Tag beobachtete er sie in einem Restaurant: "Susan K. trank Rotwein. Sie hatte mehr als (3) drei Gläser Wein."
Für den Detektiv war der Auftrag lukrativ. Zwischen August und November 2009 berechnete er Honorare in Höhe von 4881 Dollar, 8079 Dollar, 11 152 Dollar, 10 000 Dollar und im Dezember sogar 23 668 Dollar. Die Ergebnisse, die der Mann lieferte, schienen seine Auftraggeber allerdings nicht zufriedenzustellen. Einer der US-Anwälte drängte in einer Mail darauf, einen zweiten Schnüffler einzusetzen, um so die Behauptung des mutmaßlichen Opfers zu widerlegen, es leide psychisch unter den Folgen der Tat: "Hoffentlich erleben wir Momente, in denen sie ausgeht und das Nachtleben und die Männer von Las Vegas genießt."
Susan K. behauptet, Ronaldo habe sie in den Morgenstunden des 13. Juni 2009 anal vergewaltigt. Nach der angeblichen Tat fuhr sie zunächst nach Hause. Dann rief sie die Polizei an und ließ sich von den Beamten in ein Krankenhaus bringen. Dort unterzog sich K. einem "rape kit", einer speziellen Untersuchung für Opfer sexueller Gewalt. Dabei wurden bei ihr Verletzungen im Analbereich festgestellt.
Ronaldos Anwälten war es offenbar besonders wichtig, diesen Befund abzuwerten. Dem SPIEGEL liegt ein Schriftsatz vor, den die Juristen für einen Mediationstermin im Januar 2010 vorbereitet hatten. In dem Dokument wird ein "medical expert" zitiert, der angibt, K.s Verletzungen könnten durch "verschiedene Gegenstände" herbeigeführt worden sein. Es folgen die Ausführungen eines pensionierten Ermittlers, der erklärt, K. habe ausreichend Zeit gehabt, sich die Verletzungen bis zum Eintreffen der Polizei selbst zuzufügen.
In dem Papier steht auch eine Summe, die die Anwälte Susan K. offenbar anbieten wollten: 40 000 Dollar. "Ein sehr großzügiges Angebot", fanden die Juristen. Am Ende zahlten sie fast das Zehnfache.
Warum hat Ronaldo die Amerikanerin nicht verklagt, wenn er sich nichts vorzuwerfen hatte? Warum kam es zu einer außergerichtlichen Einigung? Warum zahlte er ein Schweigegeld?
In den Dokumenten, die dem SPIEGEL vorliegen – sie stammen aus einem Football-Leaks-Datenpaket –, findet sich eine Mail, in der einer der Ronaldo-Anwälte die Einschätzung eines Strafrechtsexperten aus Las Vegas wiedergibt. Der Experte mache sich "große Sorgen", sollte der Vorgang doch vor Gericht kommen. Ronaldos Chancen stünden dann "50/50" – es drohte also eine jahrelange Haftstrafe.
War die Sache womöglich doch nicht so klar?
Nachdem Real Madrid vor knapp zwei Wochen die spanische Meisterschaft gewonnen hatte, gab Cristiano Ronaldo ein kurzes Interview. Er sprach nicht direkt über den Steuerfall, er sprach nicht über Susan K. Er sagte, es gebe da draußen Leute, die hätten "Steine in der Hand", mit denen sie nach ihm werfen wollten.
Ronaldo spricht gern in Andeutungen. Er ist eine Drama-Queen. "Über mich wird geredet, als wäre ich ein Verbrecher", sagt er. Am Ende müssten alle Kritiker schweigen. "Ich mache die Dinge richtig."
Es ist schwer zu sagen, ob der Fall Susan K. überhaupt an ihn herankommt. Sein Verein, seine Sponsoren ignorieren die Affäre. Weder Nike, der Ernährungskonzern Herbalife noch der Uhrenhersteller TAG Heuer antworteten auf eine SPIEGEL-Anfrage. Die Medien in Spanien und Portugal thematisieren lieber das Balltalent von Ronaldos Sohn oder die neueste Garderobe seiner Freundin. Alle machen einfach weiter, als wäre nichts geschehen.
Aus dem Umfeld des Weltfußballers ist zu hören, problematischer als der Vergewaltigungsvorwurf könnte für ihn werden, wie der Vorgang Susan K. finanziell abgewickelt wurde. Die Anwaltskosten damals beliefen sich auf einen hohen sechsstelligen Betrag. Die Rechnungen dafür gingen an die irische Firma MIM, die die Werbeeinnahmen Ronaldos verwaltet. Für die Bezahlung der Einigungssumme an das mutmaßliche Opfer wählten Ronaldos Anwälte das Konto einer Offshore-Firma auf den British Virgin Islands. Eine Anfrage des SPIEGEL dazu blieb unbeantwortet.
Ronaldo hat sich bislang nicht zu dem Vergewaltigungsvorwurf geäußert. Susan K. spricht auch nicht über das, was in der Suite im Palms Place Hotel vorgefallen sein soll. Sie hält sich eisern an die Schweigeabmachung.
Ihre Sicht auf die Nacht hat sie Monate nach der angeblichen Tat in einem Brief an Ronaldo niedergeschrieben. Die Schilderungen K.s sind drastisch, sie war tief verletzt, ihre Wut unermesslich.
In der außergerichtlichen Einigung zwischen Susan K. und Ronaldo wurde festgelegt, dass sein Anwalt Carlos Osório de Castro seinem Klienten dieses Schreiben vorlesen müsse. Ob es dazu kam, ist allerdings unklar. Als der Jurist Ende September 2010 von einem der US-Anwälte an die Vereinbarung erinnert wurde, schrieb Osório de Castro zurück, ja, er habe Ronaldo den Brief vorgetragen.
Wenn das stimmt, war das für Ronaldo kein einfacher Termin. Vielleicht weiß er aber bis heute nicht, was in dem Brief steht. Als Osório de Castro den US-Anwälten bestätigte, dass er das Schreiben vorgelesen habe, sendete er diese Mail in Kopie an einen Anwaltskollegen in Portugal. Der schickte Osório de Castro eine Mail zurück. Darin steht nur ein Wort: "Pinocchio."
Von Rafael Buschmann, Christoph Henrichs, Gerhard Pfeil, Antje Windmann und Michael Wulzinger

DER SPIEGEL 23/2017
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