10.06.2017

So gesehenWohin mit den Händen?

Der Fidget Spinner rettet die Zivilisation.
Der legendäre französische Chansonnier Serge Gainsbourg wurde einmal dafür kritisiert, dass er im Fernsehen immer mit Zigarette auftrete. Er rechtfertigte sich damit, dass er, während er im Studio herumstehe, nichts mit seinen Händen anzufangen wisse. Heute ist das Problem der Hände drängender denn je. Menschheitsgeschichtlich ist die Hand von Irrelevanz bedroht. Vorbei die Zeiten, in denen man Konflikte mit der Faust regelte, den Teig zum täglichen Brot knetete und alle, wie es so treffend hieß, von ihrer Hände Arbeit lebten. Heute reicht ein winziger Teil davon. Digitalisierung bedeutet Verfingerung, die Berührung einer Fingerkuppe reicht aus, um alles Wichtige zu erledigen, und bald nur noch die Stimme – wie für Apples neuen Lautsprecher.
Wozu noch Hände? Berufe, in denen man sie braucht, werden rar, zumal im Westen. Nun aber gibt es Abhilfe: Der Fidget Spinner, eine Art Kreisel, rettet die Zivilisation. Das Kugellagerspielzeug hat längst die Schulhöfe erobert, nun erreicht sein Siegeszug die Büros. Man dreht ihn, während man nachdenkt oder telefoniert. Das sei beruhigend, heißt es, und helfe, Stress abzubauen. Es ist eine meditative und philosophische Übung, symbolisiert das Rad der Zeit und feiert die Absurdität unserer Existenz. Man spürt wieder Daumen und Handmuskeln, quasi die klassischen Abteilungen unserer Hände. Hergestellt werden die Spinner übrigens in Fernost, vermutlich nicht in Handarbeit. Wir spinnen, wir Menschen.
Von Nils Minkmar

DER SPIEGEL 24/2017
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