10.06.2017

LeitkulturHitlers Bart

Alexander Osang über das Image der Deutschen in der Welt
Als ich zehn Jahre alt war, nannte mich ein alter Mann in Prag "Nazi". Ich befand mich auf einer Klassenfahrt und hatte mich mit meinem Mitschüler Jens-Uwe Nitz unterhalten, auf Deutsch, der einzigen Sprache, die wir beherrschten. Ich war blond und blass, es ist gut möglich, dass ich Lederhosen trug, die damals auch in Ostberlin sehr populär waren. Der alte Mann blieb vor mir stehen, sah mir ins Gesicht und sagte: "Nazi". Dann spuckte er auf den Bürgersteig und lief weiter.
Meine Lehrerin erklärte mir, dass es nichts mit mir zu tun habe. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mit meiner Klasse allerdings bereits mehrere Gedenkstätten von Konzentrationslagern besucht, wir hatten vor Verbrennungsöfen gestanden, vor Genickschussanlagen und Fotos von Leichenbergen. Ich hatte eine vage Vorstellung vom Kontext, in dem mich der alte Mann in Prag gesehen hatte. Danach wollte ich lange Zeit kein Deutscher mehr sein, schon gar nicht im Ausland. Am liebsten wäre ich Schwede gewesen, Norweger oder Holländer; ich habe mich gefreut, wenn man mich am Telefon wegen meines Nachnamens für einen Chinesen hielt oder einen Afrikaner.
Inzwischen geht es.
Ich habe acht Jahre in New York gelebt und dort den Frieden mit dem Deutschen in mir gemacht. Ich mag dunkles Brot, Laubwälder und den Herbst. Vor allem aber habe ich in Amerika festgestellt, dass unser Ruf weitaus besser ist, als ich dachte. Meist redeten die Leute über Autos und Fußball, wenn ich ihnen sagte, ich sei Deutscher. Später kam auch noch die besonnene deutsche Außenpolitik dazu. Nachdem sich die Bundesregierung geweigert hatte, den USA in den Irakkrieg zu folgen, gratulierten mir New Yorker Freunde zu Gerhard Schröder.
In jenen Tagen brachte der SPIEGEL ein englisches Dummy heraus, ein Probeheft für die aufgeschlossenen Amerikaner an der Ost- und der Westküste, die der eigenen Presse nicht mehr trauen. Es gab eine schöne Gründungsparty in New York, aber am Ende waren vor allem Deutsche da, Expats, die sich gegenseitig versicherten, wie furchtbar es zu Hause ist. Die Wolken, die Leere und die schlechte Laune. Der SPIEGEL blieb in Deutschland. Unser Image blieb gut. Der VW Jetta und der Sänger Max Raabe, zwei sehr deutsche Produkte, sind in New York City beliebt. Mit Angela Merkel geht es immer weiter bergauf.
Insofern wirkte es überraschend, dass Donald Trump vor ein paar Tagen sagte, die Deutschen seien "bad, very bad".
Ich habe in den letzten 20 Jahren alle Kontinente dieser Welt bereist. Ich habe mich mit unserem guten Image angefreundet. In einem Laden in Buenos Aires fragte mich die Verkäuferin weder nach Kommunisten noch nach Nazis, als ich sagte, ich sei Deutscher. Sie fragte mich, ob ich Breiti kenne, Gitarrist der Toten Hosen. In Japan riefen sie mir lachend "Keeper Kahn!" zu.
Sie mögen uns da draußen. Die Frage ist, ob sie uns wirklich noch kennen.
Vor ein paar Wochen im ecuadorianischen Regenwald erklärte mir eine Indianerin, was sie von Adolf Hitler wusste. Keine Ahnung, wie wir auf den kamen. Die Indianerin hieß Veronica, stammte aus dem Volk der Siona und sagte, Hitler sei ein kleiner Mann mit Bart gewesen, der stotterte und asiatisch aussah.
Asiatisch?, fragte ich.
Seine Eltern stammten aus Jordanien, sagte Veronica.
Ich dachte daran, sie nach der Art des Bartes zu fragen, den Hitler getragen hatte, ließ es aber. Ich war mir sicher, dass sie einen Vollbart vor Augen hatte. Einen zottligen Vollbart. Oder einen zippligen Spitzbart. Ihr Hitler sah bestimmt aus wie eine Mischung aus Osama Bin Laden und Dschingis Khan. Veronica arbeitet als Touristenführerin im tiefen Regenwald. Es gibt keinen Fernseher hier, kein Internet und keine Zeitungen. Sie weiß, welche Ameisen man essen muss, um Verdauungsprobleme zu beseitigen; sie liest gern Bücher über ihre Kolonialgeschichte. Die neueren Nachrichten aus der Welt bringen die Reisenden. Die meisten Touristen kommen aus Deutschland, sagt Veronica.
Wir führen keine Kriege mehr, wir exportieren, und wir reisen.
Gerade bin ich in Odessa. Die Sonne scheint.
Gestern Abend bin ich mit einem Bekannten aus Berlin in Richtung Schwarzes Meer gefahren, um dort Tennis zu spielen. Als der Taxifahrer hörte, dass wir deutsch reden, drehte er den russischen Radiosender weg und spielte Rammstein für uns. Laut. Mein Land.
"Gute Musik", sagte er.
"Du bist hier in meinem Land", sangen Rammstein.
"Meine Welle und mein Strand."
Er liebe Deutschland, sagte der Taxifahrer in den Lärm, sein Vater sei als Soldat der Roten Armee in Jüterbog stationiert gewesen. Fünf Jahre lang. Ich weiß nicht genau, welche Assoziationen er hatte, meine waren nicht gut.
Nach dem Tennis gingen wir ans Meer, wo das Denkmal des Unbekannten Seemanns steht. Wir liefen durch ein Spalier aus Grabplatten, die an die gefallenen sowjetischen Seeleute des Zweiten Weltkriegs erinnern. Auf jedem Grab lag eine Nelke. Die Sonne ging unter. Meine Welle und mein Strand.
Wir mögen neue Deutsche sein, aber die alten Reflexe funktionieren noch. Bei Trump, beim ukrainischen Taxifahrer und bei mir.
Ich trug Turnhosen, einen Tennisschläger und fühlte mich beinahe so fehl am Platz wie damals in Prag.
Von Alexander Osang

DER SPIEGEL 24/2017
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