10.06.2017

JapanMachodämmerung

Yuriko Koike, die neue Gouverneurin Tokios, geht unerschrocken gegen Korruption vor. Sie profiliert sich als politische Alternative zu Premier Abe.
Die Händler auf dem Tokioter Fischmarkt sind bekannt für ihre ruppigen Umgangsformen, hier wird geschrien und geschimpft. Als aber Yuriko Koike, die neue Gouverneurin der Stadt, vor einiger Zeit um fünf Uhr früh die Hallen inspizierte, jubelten die Händler. "Halte durch!", riefen sie. Einige nannten sie sogar bei ihrem Kosenamen: "Yuri-chan".
Seit ihrem Erdrutschsieg vor fast einem Jahr räumt die 64-Jährige in der japanischen Hauptstadt auf. Kaum ein Tag vergeht, an dem sie sich nicht mit jemandem anlegt, gegen Korruption und alte Gewohnheiten vorgeht. Und nun könnte sie sogar Premier Shinzo Abe gefährlich werden, der sich in diesen Tagen des Verdachts erwehren muss, einem Freund Vorteile bei einem Hochschulprojekt verschafft zu haben. Abe bestreitet die Vorwürfe.
Die Medien feiern die Gouverneurin schon jetzt als Gegenentwurf zu dem mächtigen Premier, den sie kaum zu kritisieren wagen. "Bürger von Tokio zuerst", lautet die Parole, die Koike für ihre 13,7-Millionen-Stadt ausgegeben hat, die auch als Hauptstadt des Filzes in Japan gilt. Am 2. Juli wird sie mit ihrer neuen Partei "Tokioter zuerst" bei der Stadtparlamentswahl antreten, vergangene Woche ließ sie sich zur Vorsitzenden wählen.
Das Thema, mit dem Koike die Japaner für sich eingenommen hat, war der nicht enden wollende Skandal um den gescheiterten Umzug des Fischmarkts: Eigentlich hätten die Händler schon im November von Tsukiji im Stadtzentrum auf ein früheres Industrieareal in der Bucht von Tokio umziehen sollen. Doch dann kam Koike und ließ das umstrittene Projekt prüfen. Sie enthüllte, dass die Fundamente des neuen Markts nicht gegen verseuchtes Grundwasser isoliert wurden. Schließlich kam heraus, dass das Grundwasser mit krebserregendem Benzol kontaminiert ist. Und dass die Bauaufträge wohl auf fragwürdige Weise vergeben wurden.
"Koike Gekijo", "Koike-Show", nennen Kritiker den atemlosen Politikstil der Gouverneurin. Unerschrocken attackiert sie den früheren Premier und Olympiachef Yoshiro Mori, der die Kosten für das Sportereignis nicht unter Kontrolle hielt. Oder die alte Garde des Stadtparlaments, die Koike durch Kandidaten ihrer neuen Partei ersetzen möchte.
Die Protagonisten dieser Auseinandersetzungen kennen sich alle aus der Liberaldemokratischen Partei (LDP), die Japan seit 1955 fast durchgehend regiert und zu der auch Koike bis vor Kurzem gehörte. Die unverheiratete Gouverneurin flößt den Politikern in Tokio Angst ein. Denn sie bedroht die wirtschaftlichen Pfründen, die sie in stiller Eintracht untereinander verteilten.
"Bisher hatten wir hier einige Machogouverneure", sagte Koike im Rathaus, einem 48-stöckigen grauen Koloss mit zwei eckigen Türmen. Die Fensterbänke des Besucherzimmers hat sie mit Souvenirs aus Arabien dekoriert, der Region, in der Koike gelernt hat, sich in männlich dominierten Gesellschaften zu behaupten.
Sie hat in Kairo studiert, spricht fließend Arabisch, wuchs in einer weltgewandten Familie auf: Ihr Vater, ein Ölimporteur, handelte mit dem Nahen Osten. Bis heute ist es für viele Japanerinnen undenkbar, die Heimat zu verlassen. Zurück in Japan, ging Koike Anfang der Neunzigerjahre in die Politik, wo sie immer wieder Tabus brach.
Als erste Frau an der Spitze des Verteidigungsministeriums focht sie eine öffentliche Fehde mit einem Spitzenbeamten im Ministerium aus. Zwar wurde sie den Widersacher nicht los, aber später musste der Mann wegen Korruption für zweieinhalb Jahre ins Gefängnis. Nach ähnlichem Muster versucht Koike nun, Tokio umzukrempeln. Und die Front ihrer Gegner bröckelt, bei der Wahl im Juli könnten viele ihr Mandat verlieren. Plötzlich reden alle von Reformen, kaum jemand traut sich noch, gegen den neuen weiblichen Politstar zu rebellieren. Bleibt nur die Frage, wann sie Premier Abe auf nationaler Ebene herausfordern wird.
Koike weist solche Spekulationen weit von sich, sie sagt, sie habe genug zu tun, ihre Riesenstadt zu führen. "Bislang befanden wir uns hier im 19. Jahrhundert, aus diesem Zustand müssen wir nun ins 21. Jahrhundert wechseln. Diese Aufgabe ist groß genug." Und sie muss die Olympischen Spiele 2020 vorbereiten.
Doch falls Abe noch mehr politisches Kapital verspielt, könnte Koike ihm ernsthaft gefährlich werden. Außenpolitisch unterscheiden sich beide Politiker kaum, beide wollen Japan militärisch aufrüsten. Innenpolitisch könnte Koike für mehr Reformen und Transparenz sorgen. Und sie würde sich für die Belange der japanischen Frauen einsetzen, viele bewundern sie als Vorbild. Im Kleinen hat sie schon jetzt die politische Kultur verändert: Als Zeichen gegen chronische Überarbeitung wies sie ihre Beamten an, spätestens um 20 Uhr Feierabend zu machen. In Japan ist das eine Revolution.
Von Wieland Wagner

DER SPIEGEL 24/2017
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