10.06.2017

FußballErsatz für Tore

Der frühere Torjäger und Europameister Stefan Kuntz soll die deutsche Juniorenauswahl als Trainer zum EM-Titel führen. Er sieht sich als Zulieferer für Joachim Löw. Doch im Grunde sucht er immer noch nach seiner Bestimmung.
Wenn sein Team Fußball spielt, trägt der Trainer Stefan Kuntz im Stadion gern zur Jeans eine graue Kapuzenjacke mit dem Stern des Sponsors und dem Bundesadler vorn drauf. Hinten steht auf Schulterhöhe der Schriftzug "Die Mannschaft". Das ist im Grunde ein Etikettenschwindel.
Denn das ist gar nicht der Markenname seiner Elf, sondern der von Joachim Löws Team, dem ranghöchsten des Deutschen Fußball-Bundes, der sogenannten A-Nationalmannschaft. Kuntz, 54, betreut die bedeutendste Auswahl unter den U-Mannschaften, wie in der Fachsprache die Junioren- und Jugendteams heißen, nämlich die U 21.
Die Verwendung von Löws Gütezeichen illustriert schon das ganze Drama. Kuntz' Team hat keine eigenen Jacken. Seine U 21 ist im Prinzip eine Unterabteilung von Löws Ensemble, im Verhältnis zur richtigen Nationalelf ist sie ein Zulieferbetrieb. Ein Zuträger, der in einer Woche bei der Europameisterschaft in Polen zeigen muss, was er taugt.
Aber was ist dann Kuntz?
Der Saarländer war zweimal Torschützenkönig der Bundesliga und der Profi, der gleichzeitig Polizist war. Er wurde deutscher Meister mit dem 1. FC Kaiserslautern und 1996 Europameister mit Deutschland und ist seit dem Ende seiner Spielerkarriere vor 18 Jahren das, was er immer war: auf der Suche nach seiner Bestimmung. Erst war er Vereinstrainer, und nach mäßigem Erfolg in Mannheim und Ahlen sagte er, für den Trainerjob fehle ihm "das Arschlochgen".
Dann war er Manager in Koblenz und beim VfL Bochum, wurde Vorstandsvorsitzender beim 1. FC Kaiserslautern. Er stieg dort in die erste Liga auf und wieder ab, und nach acht Jahren kam er mit seiner Kündigung wohl einem Rausschmiss zuvor. Am Ende verweigerten ihm 72 Prozent der versammelten Vereinsmitglieder die Entlastung. Sie warfen ihm Misswirtschaft vor.
Stefan Kuntz ist einer dieser Alt-Internationalen, deren Fußballkarriere eigentlich nie geendet hat. Derzeit ist der Mann, der einen Torjubel erfand, den man die Kuntz-Säge nennt, Löws oberster Jugendwart. Er hat vor der Europameisterschaft fast 40 Akteure geprüft.
Kuntz steuert am Tag vor dem vorletzten EM-Test gegen England zum Gespräch eine dunkle Sitzecke einer pompösen Bar im Wiesbadener Teamhotel an, einer Luxusherberge am Kurpark. Er trägt ein graues Sweatshirt, Sneaker und Dreitagebart.
Kuntz spricht aus der Perspektive von Löw. Er erwähnt den "Geist von 2009", der jetzt allenthalben beschworen wird, gemeint ist eine Wiederholung jener Entwicklung, die vor acht Jahren mit dem EM-Titel einer U 21 in Schweden begann. Manuel Neuer, Sami Khedira, Jérôme Boateng, Mats Hummels und Mesut Özil bildeten später den Kern der Nationalmannschaft, die dann 2014 in Brasilien mit Löw Weltmeister wurde. In Kuntz' Worten ist so eine Kerntruppe "eine richtig schöne Basis, wie ein Baustein: Da kann man eine herrliche Wand draufzimmern".
Ein Projekt zu betreuen, das der Baustein eines WM-Siegs sein kann, diese Deutung wertet ihn und seine Aufgabe auf.
Kuntz ist wieder Trainer ohne Arschlochgen. Bei Torerfolgen geht er nicht mehr in die Knie und sägt; er schüttelt die Fäuste. Beim Führungstor gegen England in der Stahlrohrtribünen-Arena in Wiesbaden tat er das mit dem Rücken zum Spielfeld und eruptiv in Richtung Rasen. Er trug eine etwas zu enge Jeans.
Der U-21-Trainer nominiert seine Mannschaft nicht. Er bekommt die Spieler quasi zugeteilt aus der wachsenden Schnittmenge von A und U, vom Rest aus der Masse der Begabten, den Joachim Löw übrig lässt – so einen wie den talentierten Serge Gnabry.
Zuletzt beorderte Löw den Dortmunder Matthias Ginter und den Schalker Leon Goretzka, zwei Stützen in Kuntz' Elf, in seinen Kader. Sie fahren mit den Kameraden zum Confederations Cup, der gleichzeitig in Russland ausgetragen wird. Das ist eine Pflichtveranstaltung, bei der das Ergebnis nichts zählt.
Deutschland hat ein großes Reservoir an länderspielreifen Talenten. Weil nicht alle gleichzeitig in der höchsten Auswahl spielen können, bestimmt der Bundestrainer automatisch auch über die zweite Mannschaft.
Bei der gemeinsamen Pressekonferenz mit Löw im vergangenen Monat in Frankfurt am Main bat der Pressesprecher zweimal die Journalistenrunde, auch Kuntz mal eine Frage zu stellen. "Was bringt den einzelnen Spieler mit Blick auf die WM 2018 am weitesten nach vorn?" – dies sei das wichtigste Kriterium für die Entscheidung, wer in welches Team für welches Turnier geschickt werde, sagte Kuntz, als hätte er es auswendig gelernt.
Er hat nicht zu entscheiden. Auch würde er nie seiner Mannschaft eine eigene Spielidee aufzwingen, dafür ist sie zu kurz zusammen. Er hält sich an die Spielidee der A-Mannschaft.
Warum macht so einer diesen Job, der schon hauptverantwortlicher Trainer war, wenn auch nur in der zweiten Liga? Der als Spieler ein Anführer war und zuletzt einen ganzen Verein leitete? "Wir sind die Vorbereiter der A-Nationalmannschaft", sagt er gut gelaunt vor dem Spiel gegen England, in einer typischen Pressekonferenz der U 21. Neben dem Podium steht eine Bürogroßpflanze in einem Hydrokulturgefäß, die aussieht wie aus einer Steuerberaterkanzlei. Es sind gerade mal zwanzig Leute da, ganz hinten brabbelt ein Kind.
Kuntz spricht von einem Alleinstellungsmerkmal seines Teams: Man könne früh Druckresistenz und Verantwortung lernen. Es klingt wie aus der "Wir. Dienen. Deutschland"-Kampagne, mit der die Bundeswehr um Freiwillige wirbt.
Kuntz kann überzeugend reden. Er hat die Fähigkeit zu begeistern. Schnell wird er kumpelhaft und tätschelt einen im Vorbeigehen.
Frühere Mitstreiter beschreiben ihn als Menschenfänger. Andere, Geschäftspartner der Kaiserslauterer Vorstandsjahre, sagen, er könne vor allem täuschen, tricksen und lügen. Ein Spielerberater nennt ihn eine "linke Bazille".
Für den Job bei der U 21 hat er sich selbst ins Gespräch gebracht. Mit dem damaligen DFB-Sportdirektor Hansi Flick redete er bei einem Treffen im Sommer über Nachwuchsausbildung. Flick gab Kuntz kurz danach den Job und verkündete ein halbes Jahr später seinen Rückzug. Jetzt ist Horst Hrubesch, 66, interimsmäßig Sportdirektor und damit Kuntz' Chef. Kuntz selbst hat nur einen Vertrag bis zum Ende der EM. Dann wird beim DFB neu gemischt. Beobachter glauben, Kuntz spekuliere auf Hrubeschs Job. Einer, der Vorstandschef und Auswahltrainer war, würde wohl in jedem Fall einige Kriterien dieses Jobs erfüllen. Kuntz bestreitet, sich bewerben zu wollen, das stimme nicht. Dies schließt nicht aus, dass er sich freuen würde, wenn er gefragt wird.
U-21-Trainer sind häufig junge Fußballlehrer, die sich hocharbeiten wollen. Oder alte Haudegen, denen man vor der Pensionierung noch mal eine schöne Aufgabe gibt. Kuntz ist zu alt für die erste und zu jung für die zweite Kategorie.
Am Spielfeldrand sagt er nicht viel. Im Duell mit England schreit er laut "Raus!" in Richtung seiner Abwehr, aber die Spieler reagieren nicht. Bei der Partie gegen Portugal ruft er den Spieler Goretzka zu sich, erteilt taktische Anweisungen, im Hintergrund wartet der Kotrainer Antonio di Salvo. Als Kuntz fertig ist, erklärt di Salvo dem Spieler alles noch einmal.
Kuntz hat sich für eine DFB-interne Fortbildung in Taktik angemeldet und wollte sich bis zur EM mehr Fachvokabular in Englisch aneignen. In der Pressekonferenz nach dem Sieg gegen England gibt er britischen Reportern ungefragt Auskunft in seinem Schulenglisch, und er lobt Englands Coach für dessen taktisches Geschick. Er gewinnt überall schnell Freunde.
Kuntz kann gut Menschen unterhalten. In Bochum amüsierte er mal ein fast ausverkauftes Schauspielhaus. Gern erwähnt und zitiert er bei öffentlichen Auftritten seine Mutter, er verfällt dann in saarländische Mundart und klingt wie der Kabarettist Gerd Dudenhöffer. Bald fangen die Leute an zu lachen.
Das Sweatshirt spannt über dem Bauch, Kuntz deutet zufrieden an sich herunter. Er sehe doch schon wieder besser aus, sagt der frühere Polizeihauptwachtmeister, ein Jahr nach Beendigung des Stressjobs, dieser Hölle von Kaiserslautern. Seine Gegner beim FCK nannten ihn "die Polizei".
Er nimmt jetzt andere Blutverdünner. Sie wirken nicht so lange wie die alten, machen aber keine ständigen Kontrollen mehr nötig. In seiner Vorstandszeit erlitt er zweimal eine Lungenembolie.
Beim Joggen im Urlaub in Dubai blieb ihm plötzlich die Luft weg. Kaiserslautern, sagt Kuntz, habe ihn am Ende geschafft: "Ich war ziemlich angeschlagen." Es ist sein Klub, die Heimat seiner Eltern. Er konnte es nicht jedem recht machen. "Zum Schluss war es dort so: War die Wurst angebrannt oder kam der Bus zu spät, hieß es: Der Kuntz ist schuld."
Kuntz habe finanziell ein "Desaster ohnegleichen" hinterlassen, meint heute ein Klubgläubiger. Vor allem eine Fananleihe, mit der vorgeblich das Nachwuchsleistungszentrum ausgebaut werden sollte, sorgte für Getöse. Teile des von den Fans geliehenen Geldes, rund 1,6 Millionen Euro, seien weg, riefen Kritiker.
Kuntz räumt ein, mit den Mitteln hin und wieder Engpässe überbrückt zu haben. Aber zum Stichtag am Saisonende sei der Klub hinreichend liquide gewesen. Es kommt darauf an, wie man die Abrechnungsperioden für Transfererlöse und den Dauerkartenverkauf definiert.
Kuntz kennt seine Feinde. Er kennt die Gerüchte, die sie über angebliche Unregelmäßigkeiten bei Spielertransfers streuen. Er wäre doch blöd, wenn er für irgendeinen fünfstelligen Betrag seinen Ruf ruinierte, entgegnet er. Er hat noch jeden einzelnen Vorgang im Kopf und kann jeden Vorwurf wortreich entkräften.
Er habe diese Zeit aufgearbeitet, sagt er, habe analysiert, was er gut und was er schlecht gemacht habe. Und was er nicht habe beeinflussen können. "Aber emotional ist das sehr, sehr bitter. Mein Herz hing an diesem Klub. Ich hätte mir nicht vorstellen können, direkt danach noch mal einen Verein zu führen."
In Bochum nannten sie ihn mal den "Schnäppchenjäger". Früher lobten sie ihn dafür, dass er sich auf jedem Gebiet mit Experten umgab. Das tat er auch in Kaiserslautern, aber dort hieß es später, es seien die falschen gewesen.
Auch privat lief es finanziell nicht immer rund. Als Spieler fiel er auf eine Beraterin herein, die ihn um einen sechsstelligen D-Mark-Betrag prellte. Später verlor er Geld, als er in die Gastronomie eines Kaiserslauterer Kulturzentrums investierte.
Nur wenige erfolgreiche Sportler wissen ihren Ehrgeiz im späteren Leben ähnlich konstruktiv einzusetzen wie in der Athletenkarriere. Kuntz befielen Selbstzweifel, als ihn der Zweitligaklub LR Ahlen vor 14 Jahren als Coach entlassen hatte.
Er war ein Jahr lang arbeitslos. In seiner ersten Trainerzeit habe er eigentlich eine Verlängerung der Spielerkarriere gesucht. Ein Fehler, sagt Kuntz. Er hätte weiter unten anfangen müssen, meint er, im Jugendbereich – eine späte Erkenntnis. Aber als Europameister, "mit dem Namen", da wolle man schnell aufs Profiniveau – ein Los vieler erfolgreicher Fußballer. Seine Frau riet ihm schließlich: "Du musst einen Ersatz für geschossene Tore finden." Den sucht er im Grunde noch heute.
Damals begann er ein Fernstudium in Sportmanagement. Jetzt coacht er wieder eine Mannschaft, vielleicht weil ihm das näher ist. Als Fußballer habe er von seinem Talent leben können, sagt Kuntz. "Das kannst du, hat der liebe Gott gesagt."
In seinem Job als Vorstand habe das einsetzbare Talent nur noch 40 Prozent ausgemacht. Der Rest sei lernen gewesen, sich einlesen. "Betriebsprüfungen, Bilanzen. Merchandising, Marketing, Ticketing, Buchhaltungssysteme." Kuntz spricht das aus wie unter Schmerzen.
Er habe wieder zu einem Job zurückgewollt, in dem er 80 Prozent der Anforderungen automatisch beherrscht. Nun sei er bei 70. Als Fußballlehrer.
Heute, in seinem 18. Jahr auf der Suche nach Ersatz für Tore, zieht Stefan Kuntz eine Zwischenbilanz. Erstens: "Das fehlende Arschlochgen habe ich durch meine Erfahrungen im Vorstand kompensiert." Das ist das Positive.
Zweitens: "Ich bin eine Person, die will sich immer weiterentwickeln, jeden Tag." Das steht ihm vielleicht jetzt im Wege. Man kann nicht überwiegend von seinem Talent leben und gleichzeitig weiterkommen wollen.

Kuntz kann begeistern. Schnell wird er kumpelhaft und tätschelt einen im Vorbeigehen.

Er hätte weiter unten anfangen müssen, meint er, im Jugendbereich – eine späte Erkenntnis.

Von Jörg Kramer

DER SPIEGEL 24/2017
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