10.06.2017

Demografie„Früher sterben in Pirmasens“

Sabine Sütterlin, 60, Autorin einer neuen Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, erklärt, warum der Mensch – trotz stetig steigender Lebenserwartung – wohl doch nicht ewig leben wird.
SPIEGEL: Vor mehr als hundert Jahren lag die Lebenserwartung weltweit im Schnitt bei 30 Jahren, heute bei über 70 – ist das der Entdeckung der Antibiotika zuzurechnen?
Sütterlin: Allein sicher nicht. Zunächst stieg die Lebenserwartung, weil die Kindersterblichkeit zurückging; da waren auch Impfstoffe wichtig. Später haben Wohlstand, Bildung, bessere Ernährung und Gesundheitssysteme dazu geführt, dass die Menschen länger am Leben blieben.
SPIEGEL: Wo steigt die Lebenserwartung am schnellsten?
Sütterlin: In Afrika und Südostasien, allerdings ausgehend von einem viel niedrigeren Niveau.
SPIEGEL: Heißt die Regel schlicht: Reiche leben länger?
Sütterlin: Bildung und Sozialstatus sind die wichtigsten Faktoren, ganz klar. Und da gibt es riesige Unterschiede – selbst innerhalb Deutschlands. Zum Beispiel sterben Männer in Pirmasens im Mittel gut acht Jahre früher als Männer im Landkreis Starnberg. Wenn solche Ungleichheiten bestehen oder wenn sie sogar größer werden, dürfte die Lebenserwartung nicht weiter im gleichen Tempo ansteigen – auch wenn Oberschichtsangehörige weiterhin Altersrekorde brechen.
SPIEGEL: Unser Körper ist sicher nicht für die Unendlichkeit gemacht – gibt es eine Art biologisches Limit?
Sütterlin: Vergangenen Herbst haben Forscher die tatsächliche Lebensdauer in 40 Ländern seit 1900 ausgewertet und schließen daraus, dass sich die Lebenserwartung im höchsten erreichten Alter von knapp über hundert Jahren seit den Achtzigerjahren kaum noch steigern lässt. Vielleicht haben wir da tatsächlich eine biologische Grenze erreicht. Außerdem gibt es Entwicklungen, die den weiteren Anstieg der Lebenserwartung bremsen könnten. Zum Beispiel die rasante Zunahme von Fettleibigkeit auf der ganzen Welt. Das ist wie eine Seuche.
SPIEGEL: Was ist die Zauberformel für ein langes Leben?
Sütterlin: Wer nicht raucht, täglich 10 000 Schritte geht und sich auf ein Netz von Freunden verlassen kann, hat gute Chancen, alt zu werden. Und natürlich ist gesunde Ernährung wichtig. Kürzlich haben Forscher berechnet, dass weltweit jährlich 7,8 Millionen vorzeitige Todesfälle verhindert werden könnten, wenn alle Menschen täglich zehn 80-Gramm-Portionen Obst und Gemüse essen würden.
SPIEGEL: Ist das nicht ein Albtraum, immer älter zu werden? Wie wird das gehen mit der Überbevölkerung? Mit den Ressourcen?
Sütterlin: Solange die Menschen fit sind, werden sie gern alt. Und was das Bevölkerungswachstum angeht: Alternde Gesellschaften haben weniger Kinder, das gleicht sich also aus. Außerdem sind sie friedlicher als junge. Und die Ökosysteme werden eher zerstört, weil sich die Menschen dumm verhalten, nicht, weil sie alt werden.
Von Rbr

DER SPIEGEL 24/2017
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