10.06.2017

HaustiereAsyl für Pünktchen

Tausende Deutsche begnügen sich nicht mit Hund oder Hamster, sie beschaffen sich lieber Pumas, Affen oder Krokodile – und sind damit überfordert. Wohin mit den Exoten?
Igor sieht plüschig und harmlos aus. Träge ruht der Tiger in seinem Käfig; die Besucher am Gitter scheinen ihn nicht zu interessieren. Tierpfleger Olaf Neuendorf kümmert sich seit zehn Jahren um ihn, damals war die 240-Kilo-Großkatze noch ein Baby. Könnte er jetzt einfach die Tür aufschließen und in Igors Gehege steigen? "Schon", sagt Neuendorf, "aber dann würde er mich töten."
Auch Rokko und Anubis, den Eurasischen Luchsen, würde Neuendorf niemals nahekommen. Vor dem Saubermachen schließt er die Schiebetür in ihrem Gehege. Die Tiere sind dann auf der einen Seite, Neuendorf auf der anderen. "Luchse sind unglaublich wendig und haben messerscharfe Krallen", sagt er, "die könnten mich schwer verletzen."
Klar, eine Raubkatze ist kein Kuscheltier, deswegen hält man sie ja auch nicht bei sich zu Hause. Oder?
Leider doch. Viele von Neuendorfs Schützlingen im Raubtier- und Exotenasyl stammen aus privater Haltung. Sie wurden beschlagnahmt oder abgegeben.
Ein Wohngebiet im mittelfränkischen Ansbach: In einem Garten stehen Trampolin und Rutsche, auf der anderen Straßenseite hinter einem Zaun die Käfige von Igor und seinen Brüdern Boris und Ussuri, von ihren Artgenossen Tiger und Kiara, von Pünktchen, dem Pumaweibchen, Finja, der Polarfüchsin, Kalaharia, dem Karakal, und von Nala und Tayo, den Rotgesichtsmakaken. Ab und an verrät das Rascheln in den Plastikrohren zwischen einigen Gehegen, wo das ein oder andere der zehn Frettchen gerade herumsaust. Olaf Neuendorf leitet Deutschlands einzige Auffangstation für Raubkatzen und exotische Tiere.
Neuendorf liebt seinen Job, er ist stolz darauf, dass es den Tieren hier besser geht als bei ihren Vorbesitzern. Puma Pünktchen etwa wurde bei einer Hausdurchsuchung aus einem winzigen Verschlag befreit, mehr tot als lebendig. Tigerdame Rhani, die als Baby auf dem Schwarzmarkt verkauft werden sollte und inzwischen gestorben ist, war von Neuendorf mit der Flasche aufgezogen worden. Doch trotz seiner Faszination für die majestätischen Raubtiere wäre es ihm am liebsten, wenn es für Einrichtungen wie seine weniger zu tun gäbe.
Zusammen mit 29 weiteren Tierheimen und Tierschutzvereinen schrieb Neuendorf Ende April einen Brief an Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt. Der Handel mit nicht heimischen Wildtieren, fordern sie, müsse endlich kontrolliert werden: Sie seien "längst an die Grenze der Belastbarkeit und Aufnahmekapazität gekommen", klagen die Tierschützer.
Die meisten Heime sind schon rappelvoll mit herrenlosen Hunden, Katzen und Kaninchen. Nun müssen sie zunehmend Schlangen und Vogelspinnen, Affen und Chamäleons aufnehmen. Die Reptilien gehören in Terrarien, über die viele Einrichtungen gar nicht verfügen, oft ist ein Neubau fällig; die Strom- und Heizkosten steigen. "Solange in Deutschland jedermann sich nahezu alles als ,Heimtier' kaufen kann, wird sich unsere schwierige Situation noch weiter zuspitzen", schreiben Neuendorf und seine Mitstreiter.
"Exotische Tiere sind seit Jahren ein Riesenboom", sagt Sandra Altherr, Biologin bei der Artenschutzorganisation Pro Wildlife. "Anfangs waren es Reptilien, aber längst sind exotische Säuger dazugekommen." Ein Heimtier, glaubt Altherr, müsse heute eben auch möglichst stylisch sein: "Kaninchen gelten als uncool, Wellensittiche als Haustiere für alte Leute."
Wie viele Affen, Tiger, Krokodile, Anakondas und Papageien Deutschlands Privatbehausungen und -gärten tatsächlich besiedeln, will Tiermedizinerin Maria-Elisabeth Krautwald-Junghanns von der Universität Leipzig herausfinden. Sie leitet die "Exopet"-Studie, die "der Politik endlich profunde Daten liefern soll", sagt sie. Die Vogelexpertin und ihre Mitstreiter haben rund 750 Tierheime und Auffangstationen befragt; auch Hunderte Tierärzte und Tierhalter haben ihre Fragebögen ausgefüllt.
Soeben wurde die Laufzeit der Studie verlängert, doch klar ist bereits: In deutschen Kellern, Gärten und Wohnstuben wimmelt es von exotischen Geschöpfen. Sehr viele Tiere, auch das ergab die Erhebung, fristen kein artgerechtes Dasein.
In kaum einem Tierheim wird der Hang des Menschen zum Haustier ohne Kuschelfaktor so deutlich wie in der Reptilienauffangstation in München. Mehr als 1500 Tiere sind dort untergebracht, in diesem Jahr kamen schon 300 dazu – Schlangen, Echsen, Krokodile, Wasserschildkröten. Viele wurden im Zoohandel erworben, andere aus Urlaubsländern nach Hause geschmuggelt, im Internet oder bei einer Reptilienbörse erstanden.
Welchen Aufwand man treiben muss, um fremdartige Mitbewohner zu versorgen, merkt mancher Halter erst, wenn es zu spät ist. Viele setzen die Tiere dann aus. "Letztes Jahr haben wir mal im Westpark in München Wasserschildkröten eingesammelt", sagt Veterinär Markus Baur, Leiter der Auffangstation, "das sollte eine plakative Aktion sein, um zu zeigen, wie viele das sind." Am Ende konnte das Team 60 der Kriechtiere abfischen.
Auch im Hamburger Tierheim in der Süderstraße drängen sich knapp 200 Reptilien und 90 exotische Vögel. Die meisten wurden irgendwo gefunden. "Kaum ein überforderter Tierhalter hat den Mut, sein Tier bei uns abzugeben", sagt Sandra Gulla, Chefin des zuständigen Tierschutzvereins. Allein in den vergangenen Wochen kamen unter anderem dazu: ein Teppichpython, ein Chamäleon, drei Geckos, eine Wasserschildkröte und eine Kornnatter. "Wir haben auch sehr giftige Tiere wie Schwarze Witwen oder Skorpione", so Gulla.
Landauf, landab lösen Reptilienfunde immer wieder Einsätze von Polizei und Feuerwehr aus: Bei Bad Segeberg entdeckte vor Kurzem ein Radfahrer einen 1,30 Meter langen Königspython, im hessischen Schlitz fand im Februar ein spielendes Kind ein totes Krokodil. Beim Polizeipräsidium Neubrandenburg wiederum ging Ende Mai der Notruf eines Schlangenfans ein, dem seine Boa constrictor entwischt war. Er hatte das Tier ins Freie gesetzt, um es zu beobachten. Die Boa wurde wieder eingefangen, vom Python fehlt jede Spur.
Spaziergängern begegnen auf Deutschlands Feld- und Waldwegen aber nicht nur Riesenschlangen, exotische Giftspinnen oder Krokodile – es könnten durchaus auch Löwen oder Tiger dabei sein. So stieß 2015 ein Handwerker aus Sachsen-Anhalt auf dem Firmenparkplatz auf zwei Löwenjungen: Sie waren dem Betreiber einer Straußenfarm ausgebüxt – erstanden hatte der sie in Rumänien, übers Internet. "Was, wenn das erwachsene Tiere gewesen wären?", fragt Tigerpfleger Neuendorf.
Eine Brandenburger Tierärztin wiederum fand vor zwei Jahren einen Korb vor ihrer Haustür. Inhalt: ein Tigerkind, zurückgelassen möglicherweise von einem Wanderzirkus. Diego lebt jetzt im Felidae Wildkatzen- und Artenschutzzentrum in Sydower Fließ bei Berlin. Dort ist er die einzige Findelraubkatze, allerdings, sagt Mitarbeiter Carlo Kantwerk, "bekommen wir immer wieder Anfragen der Behörden zur Aufnahme von Fundtieren". Doch dafür fehlt den Raubkatzenfreunden der Platz.
Ähnlich unübersichtlich wie die Exotenfauna in privater Hand ist in Deutschland auch die Rechtslage zu deren Haltung, Anschaffung und Import. Nur in acht Bundesländern etwa ist der Besitz gefährlicher Tiere geregelt. Im Rest der Republik dürfe theoretisch jeder ohne jegliche Auflagen "hochgefährliche Arten wie Grüne Mamba, Klapperschlangen oder Tiger halten", beklagten die Grünen Mitte Februar in einer Kleinen Anfrage an die Bundesregierung.
Ihre Kritik: Im Koalitionsvertrag von 2013 hatten sich die Regierungsparteien eigentlich vorgenommen, gegen den Exotenhandel vorzugehen. Gewerbliche Tierbörsen und die Einfuhr von Wildfängen sollten verboten, die Regelwerke der Bundesländer vereinheitlicht werden. Davon sei, das bemängelt auch Sandra Altherr, nichts umgesetzt worden. Stattdessen habe die Bundesregierung lieber die Website Haustier-Berater.de ersonnen, auf der nun Arten wie Kurzkopfgleitbeutler oder Weißbauchigel aufgeführt seien, die, so Altherr, "keinesfalls als Haustiere taugen".
Praktiker wie der Münchner Tierarzt Baur halten dennoch nicht viel von Verboten oder sogenannten Positivlisten, die alles aufführen, was erlaubt ist. "Verbote treffen die seriösen Halter, die sich dann mit ihren Tieren nicht mehr zum Arzt trauen", sagt er, "für die anderen findet sich immer ein korrupter Händler, der ihnen auch weiterhin alles verkauft."
Baur fordert, dass Anbieter auf Internetplattformen nicht mehr unter Pseudonym verkaufen dürften – und dass, wer sich bestimmte Tiere anschaffen möchte, einen Sachkundenachweis vorlegen müsse.
Vorerst sucht der Tierarzt weiter nach einem Zuhause für möglichst viele seiner Schützlinge. Für seine Neuzugänge, hofft er, könnte sich schon bald ein Plätzchen finden. Vergangene Woche holten er und seine Mitarbeiter einen Langschwanzmakaken und ein Stumpfkrokodil in die Station. Der Besitzer war verstorben, die Witwe überfordert. "Das Krokodil kriegen wir im Nachzuchtprogramm einer Uni unter", sagt Baur. Der Makak sei ein schwierigerer Fall: "Der wurde behandelt wie ein kleiner Mensch", sagt Baur, "jetzt muss er erst mal lernen, dass er ein Affe ist."

Mail: julia.koch@spiegel.de

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Von Julia Koch

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