10.06.2017

Elke Schmitter Besser weiß ich es nichtEichhörnchenkönig

Nun ist es passiert, aber wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein, wie der große Satiriker F. K. Waechter schon vor Jahrzehnten prophezeite: 103 StGB, einstmals Majestätsbeleidigungs-, dann Schah-, nun Böhmermann-Paragraf, wurde vom Bundestag in der letzten Sitzung vor Pfingsten kassiert; ein vorzeitiger Triumph der Schwarmintelligenz, auf deren heilsgeschichtlich pünktliches Erscheinen man sich unter der gläsernen Kuppel – sehr schön auch ohne Kreuz – offenbar nicht verlassen wollte. Der Paragraf, dessen Normgeschichte nicht gerade reich an Anwendungsfällen war, siechte schon bald nach der Performance Böhmermanns im vergangenen Jahr, in der sich "Ziegen ficken" auf "Minderheiten unterdrücken" metrisch unvollkommen, doch in seiner Wirkung passgerecht reimte, seinem Ableben entgegen: Die Bundeskanzlerin hatte dem Ersuchen des Gekränkten Erdoğan, damals noch demokratisch unangefochtener türkischer Präsident, auf strafrechtliche Verfolgung zwar stattgegeben, jedoch gleichzeitig erklärt, der angerufene Paragraf sei "für die Zukunft entbehrlich" – selten hat eine harte Endgültigkeit sanftere Worte der Vorbereitung gefunden. Künftig genießt nur noch der Bundespräsident, also ein inländischer Würdenträger, besonderen juristischen Schutz vor Spott und Beleidigung; Monarchen, Potentaten wie tatsächlich in freier Wahl ermittelte Staatsoberhäupter müssen sich mit der Jedermannwürde zufriedengeben, die unsere Verfassung in erhabener Gleichgültigkeit garantiert.
Aber auch der Bundespräsident, in gleich welcher männlichen Verkörperung, machte bisher von seinem juristisch garantierten Recht auf Empfindlichkeit wenig Gebrauch, womöglich eher aus pragmatischer Einsicht denn aus individueller Dickfelligkeit: Die Zentrifugalkraft der modernen Medien sorgt schließlich dafür, dass eine Beleidigung, gegen die man sich wehrt, zunächst einmal weit gestreut, ja geschleudert wird. So konnte sich noch am Anfang dieses Jahrtausends jeder Unbefugte beispielsweise fragen, ob der "Bild"-Chefredakteur sich wirklich einer Penisverlängerung in einer Spezialklinik in Miami unterzogen habe, die dann auch noch missglückt sein soll, oder ob eine solche Behauptung, sei sie denn Satire, ehrenrührig sein könne für einen Mann, unter dessen publizistischer Hoheit die Anschaulichkeit weiblicher sekundärer Geschlechtsmerkmale an der billigen Tagesordnung war. Und so würde auch heute die sachliche Prüfung, ob über der Stirn des Potus tatsächlich ein degeneriertes Eichhörnchen nistet, eher zum Schaden des Amts- und Frisurenträgers gereichen, weshalb selbst ein offensichtlich so leicht erregbares Gemüt wie dieses auf die Verfolgung jenes herabsetzenden Gerüchtes verzichtet.
Womöglich ist die Satire ohnehin nicht auf jene juristische Unterstützung angewiesen, die ein Paragraf, gegen den man verstoßen kann, zuverlässig liefert. Derzeit jedenfalls ist sie das vorzüglichste Antidot gegen jene Mischung aus Unsinn, Fake News und paranoischen Weltentwürfen, die neuerdings Politik heißen darf. Die Entlarvung einer seriösen Lüge ist mittels der Wahrheit möglich, aber der Unsinn lässt sich am besten entblößen, indem man ihn überbietet.
An dieser Stelle schreiben Nils Minkmar und Elke Schmitter im Wechsel.
Von Elke Schmitter

DER SPIEGEL 24/2017
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