10.06.2017

Kino„Ich gelte als Klugscheißerkind“

Die Regisseurin und Schriftstellerin Helene Hegemann über ihren Film „Axolotl Overkill“, starke junge Kinoheldinnen und ihre Erfahrungen als öffentliche Skandalfigur
Hegemann, 25, veröffentlichte 2010 als 17-Jährige den Roman "Axolotl Roadkill", der unter anderem wegen einiger nicht gekennzeichneter Textpassagen aus Blogs des Autors Airen höchst umstritten war. Nun hat Hegemann das bislang in über 100 000 Exemplaren verkaufte Buch unter leicht verändertem Titel selbst verfilmt. Kinostart ist der 29. Juni.
SPIEGEL: Frau Hegemann, warum dauerte es so lange, bis Ihr Buch zum Film wurde?
Hegemann: Ich hätte den Film lieber gleich nach dem Erscheinen des Buchs gemacht. Aber wir hatten Schwierigkeiten, das gar nicht besonders große Budget zusammenzubekommen – ich glaube, es sind 1,1 Millionen Euro. Es gab eine gewisse Skepsis der Hauptperson gegenüber.
SPIEGEL: Buch wie Film handeln von einem 16-jährigen Mädchen namens Mifti, das nach dem Tod der Mutter rauchend, trinkend und Drogen konsumierend durch Berlins Party- und Kulturwelt treibt.
Hegemann: Mifti ist ein Mensch, der sich bewusst dazu entschließt, nicht zu funktionieren. Sie will nicht zum Opfer ihrer Verhältnisse gemacht werden. Sie ist keine, die auf irgendeine schiefe Bahn gerät, die in eine Spirale abdriftet, in der es nur abwärts gehen kann. Natürlich leidet sie unter ihrer Alleingelassenheit. Aber sie bewertet das nicht, versucht die Situation auszureizen und Liebe an anderen Orten zu finden als dort, wo es Teenagern von Hollywoodfilmen vorgeschrieben wird. Und sie analysiert die ganze Zeit, was mit ihr geschieht.
SPIEGEL: Warum hielten viele Filmförderer, bei denen Sie sich um Geld für "Axolotl Overkill" bemühten, diese im Film nun grandios von der Schauspielerin Jasna Fritzi Bauer gespielte, abwechselnd auf Lustgewinn, Erkenntnisgewinn und Selbstzerstörung erpichte Heldin für kinountauglich?
Hegemann: Nach den Regeln des Kinos muss man die Hauptfigur eines Films so konstruieren, dass sie Konflikte provoziert und auf eine Weise handelt, die dich als Zuschauer mitreißt. Dem verweigere ich mich. Die Heldin meines Films ist eine recht passive Figur, die eigentlich immer nur beobachtet. Sie wird von einer Situation in die nächste geschmissen.
SPIEGEL: Heißt das, Sie wollten es dem Kinozuschauer absichtlich schwer machen?
Hegemann: Ich will nur niemandem vorschreiben, was er denken oder fühlen soll. Ich will den Zuschauer nicht abholen. Er muss sich drauf einlassen. Auch Mifti weiß nie, worüber sie traurig sein sollte oder nicht, worüber sie lachen sollte oder nicht, was normal ist und was nicht. Die Willkür und Unberechenbarkeit der Welt, die Mifti wahrnimmt, das ist für mich das Wichtigste, wovon das Buch und der Film erzählen.
SPIEGEL: Der Roman "Axolotl Roadkill" wurde von vielen Kritikerinnen und Kritikern als Porträt einer Generation verstanden.
Hegemann: Das war das große Missverständnis von Anfang an. Als ich das Buch schrieb, dachte ich, das erscheint in einer Nische und wird von einer Minderheit gelesen werden. Die Hälfte der vielleicht 5000 Leser wird den Umgang mit Sprache zu schätzen wissen, die andere wird es hassen. Aber nie wäre ich auf den Gedanken gekommen, das Sprachrohr einer Generation zu sein.
SPIEGEL: Kurz nach Erscheinen des Buchs kam heraus, dass Sie aus Texten des Bloggers Airen und anderen abgeschrieben und Sie die Zitate nicht gekennzeichnet hatten.
Hegemann: Ich habe den Fehler gemacht, dass ich nicht schon in der ersten Auflage des Buchs klar allen gedankt habe, von denen ich Texte verwendet hatte. Der Skandal hat mich aber auch vom Bemühen um Außenwirkung befreit. Plötzlich wusste ich, ich gelte als Klugscheißerkind und sollte besser den Mund halten; ich wusste, wie es ist, als hässlich und unfähig beschimpft zu werden.
SPIEGEL: Hat der Shitstorm Sie am Weiterarbeiten gehindert?
Hegemann: Ich habe nach der Veröffentlichung des Romans ein Jahr lang nicht geschrieben. Das hatte aber nichts mit dem Shitstorm zu tun. Ich hatte meine Unbefangenheit verloren, weil ich plötzlich Geld mit dem Schreiben verdiente. Jeder Satz musste darüber entscheiden, ob ich mein Leben auf die Reihe kriege, organisatorisch und finanziell.
SPIEGEL: Wie erklären Sie sich, dass im deutschen Kino in jüngster Zeit viele wilde, starke junge Frauen zu bestaunen sind, in Maren Ades "Toni Erdmann", in Nicolette Krebitz' "Wild", in Jakob Lass' "Tiger Girl" und jetzt auch bei Ihnen?
Hegemann: Das ist ja nicht nur im deutschen Kino so, sehen Sie sich Jennifer Lawrence in "The Hunger Games" an!
SPIEGEL: Was hat dieses Rollenbild mit der Rolle der Frau in der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu tun?
Hegemann: In der Realität gibt es zwei entgegengesetzte Entwicklungen. Die eine Gruppe von jungen Frauen oder Mädchen entwickelt ihr Selbstbewusstsein und ihren Ehrgeiz, ohne noch darüber nachzudenken, was die Männer davon halten. Die andere Gruppe von jungen Frauen stilisiert sich immer radikaler zum Sexobjekt. Ich glaube, das klafft sehr auseinander. Die Frauen, die sich als Sexobjekte begreifen, perfektionieren ihre Chancen, gut auf dem Heiratsmarkt anzukommen. Auch ein okayer Lebensinhalt. Sie konzentrieren sich darauf, mal eine gute Ehefrau abzugeben. Sie fangen mit 30 an, sich liften zu lassen. Und sie machen jeden Tag Yoga.
SPIEGEL: Lustig, dass Sie Yoga einem eher rückwärtsgewandten Frauenbild zuschreiben.
Hegemann: Ich habe gar nichts gegen Yoga. Das ist total zeitgemäß, aber auch ein bisschen unsympathisch. Die totale Vereinzelungssportart. Yoga ist eine Art von Betätigung, mit der man sich nicht beweisen muss, für die man keinen anderen braucht, bei der nichts von einem erwartet wird. Du kannst in einen Kurs gehen, alles falsch machen, und dafür kritisiert dich niemand, du wirst höchstens in nettem Ton korrigiert. Du hast keine Teamkollegen. Es geht nur um dich selbst. Dass jetzt alle in Deutschland auf Yoga abfahren und nicht Handball oder Beachvolleyball spielen oder tanzen gehen, finde ich schon interessant.
Interview: Wolfgang Höbel
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 24/2017
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