10.06.2017

TheaterWieso, weshalb, warum?

Volker Ludwig schrieb mit dem Musical „Linie 1“ einen Welterfolg und gründete mit dem „Grips“ die erste moderne Kinderbühne. In dieser Woche wird er 80.
Wer sich ein Pseudonym zulegt, hat die Chance, sich zu verbessern. Fraglich, ob Volker Ludwig das gelungen ist. Eigentlich heißt er Eckart Hachfeld, wie sein Vater. Weil ihn die Verwechslungen irgendwann nervten, musste ein neuer Name her. Er habe sich für zwei Vornamen entschieden, sagt er. Das sei die uneitelste Lösung gewesen.
Unter einem Pseudonym, das profaner kaum klingen könnte, hat er über 30 Theaterstücke veröffentlicht, darunter das Musical "Linie 1", das weltweit gespielt und allein in Südkorea mehr als 4000-mal aufgeführt wurde. Er hat mehrere Hundert Songs geschrieben, einige wurden zu Gassenhauern, so das "Sesamstraßen"-Lied.
"Wieso, weshalb, warum? Wer nicht fragt, bleibt dumm." Das war mehr als nur ein flotter Reim. Es war die Aufforderung, nichts stillschweigend hinzunehmen, als Kind nicht, aber vielleicht sogar ein Leben lang. Ein Protestsong, versteckt in einem Kinderlied.
Es wurde auch zur Devise des Grips-Theaters, der ersten Bühne Deutschlands, auf der vornehmlich Stücke für Kinder und Jugendliche gespielt werden. Ludwig gründete es vor fast 50 Jahren. In dem Haus am Berliner Hansaplatz sitzen die Zuschauer auf niedrigen Tribünen, auf Augenhöhe mit den Schauspielern.
Niemand soll auf den anderen hinunterschauen in der Welt von Volker Ludwig, Erwachsene nicht auf Kinder, Gebildete nicht auf weniger Gebildete, Künstler nicht auf Handwerker. Ludwig ist ein großer Linker, geprägt vom Geist der Sechzigerjahre. Die Happy Ends vieler seiner Stücke nennt er "konkrete Utopien".
"Ich sitz dir gegenüber". So heißt einer der Hits aus "Linie 1". Das Stück beruht auf der Idee, dass in der U-Bahn alle möglichen Menschen zusammenkommen, aus verschiedenen sozialen Schichten, Altersstufen, Herkunftsländern. Auf engem Raum entsteht Komik, Gewalt, Leben.
In dieser Woche feiert Ludwig in Berlin seinen 80. Geburtstag. Zu seinen Ehren wird im Grips-Theater Detlef Michels Stück "Eine linke Geschichte" aufgeführt, ein Epos über die Lebenswege mehrerer Altachtundsechziger, eine witzige und melancholische Revue. Ludwig arbeitet noch immer an einem neuen Schluss.
Schon elfmal hat er ihn geändert, seit das Stück 1980 Premiere hatte. Immer wieder musste sie fortgeschrieben werden, die linke Geschichte, vom Aufstieg der Grünen über den Zusammenbruch des Ostblocks bis zur rot-grünen Koalition. "Jetzt gibt es einen Sprung von 1978 bis 2017, die armen Schauspieler müssen in drei Minuten fast 40 Jahre altern."
Ludwigs eigene linke Geschichte begann, als er 1965 mit Gleichgesinnten seine Ersparnisse zusammenkratzte, um ein Kabarett zu gründen. Der aus Thüringen stammende Sohn eines Kabarettautors geriet in Berlin an die Studentenbewegung, an den Kreis um Rudi Dutschke. Ludwigs "Reichskabarett" wurde zu einem politischen Hotspot Westberlins, auch die Journalistin Ulrike Meinhof saß im Publikum.
"Für das Kabarettprogramm ,Bombenstimmung', das sich gegen den Vietnamkrieg richtete, wurden wir unendlich bösartig beschimpft", erzählt Ludwig. "Seit der Luftbrücke waren viele Westberliner glühende Amerika-Verehrer, jede Oma hatte einen Kennedy auf der Kommode. Demonstrierende Studenten konnten in deren Augen nur Agenten aus Moskau sein."
Finanziell sei es ihm nach der Gründung des Kabaretts richtig mies gegangen, aber das sei ihm egal gewesen, denn er war ja dabei, die Weltrevolution in Gang zu bringen. Es ist sehr amüsant, Ludwig dabei zuzuhören, wie er die Achtundsechziger als sympathisch, aber auch mit ziemlich naiven Ideen beschreibt.
Ludwig verleugnet seine altlinke Vergangenheit nicht, er verklärt sie aber auch nicht. Er betrachtet sie mit nüchterner, weiser Selbstironie. Die Arbeiterschaft, die er damals aufklären wollte, habe sich im "Reichskabarett" blöderweise nicht blicken lassen. "Da haben wir uns gedacht: Versuchen wir's doch mal mit den Kindern. Die waren in unseren Augen auch eine unterdrückte Klasse."
Kinder hätten damals beim Bäcker immer so lange warten müssen, bis alle Erwachsenen bedient worden waren. Wenn überhaupt, ging man zum Italiener essen, "weil nur dort Kinder ertragen wurden". Kinder hatten zu parieren, der Gedanke, sie könnten Rechte haben, galt als abwegig, ja, umstürzlerisch.
Als sich Ludwigs Weltverbesserungstruppe der Sorgen der Kinder annahm, versetzte das die bürgerlich-konservativen Kreise Westberlins in helle Aufregung. In einigen CDU-regierten Stadtbezirken wurden Auftritte des Theaters verboten. "Mal war ich Maoist, mal Stalinist, Kinderschänder sowieso." Er hätte von Kindern damals allerdings auch überhaupt keine Ahnung gehabt, sagt Ludwig heute.
"Was sie kapieren, was sie bewegt, was sie begeistert, das mussten wir alles lernen. Mit jeder Vorstellung wurden wir schlauer. Vor allem, wenn uns die Kinder nach der Vorstellung erzählten, worüber wir Stücke machen sollten. Über die doofen Jungs oder die doofen Mädchen, über den Vater, der immer haut. Darüber, dass man im Hof nicht spielen darf. Wir haben uns die Themen direkt bei den Kindern geholt."
Mit seinem wilden Haarkranz, den raumgreifenden Armbewegungen und den weit aufgerissenen Augen wirkt Ludwig wie ein spitzbübischer Opa, der Spaß dabei hat, die lieben Kleinen auf dumme Gedanken zu bringen. Zum natürlichen Anarchismus von Kindern hat er sich wohl immer schon hingezogen gefühlt.
Ludwig ist ein unprätentiöser Mensch. Wenn man ihn fragt, ob er sich als Künstler verstehe, erzählt er, dass man an Dialogen oft qualvoll lange arbeiten müsse, bis sie funktionierten. Am liebsten bastele er an einem Liedtext, stundenlang, wie an einem Puzzle.
Der spielerische Umgang mit der Sprache macht seine besten Texte so kurzweilig. Selbst die "Wilmersdorfer Witwen" in "Linie 1", im Grunde Klischees erzreaktionärer Westberlinerinnen, verwandelte er durch amüsante Songzeilen in liebenswerte Figuren. Von Kindern könne man den Sinn für Wortwitz lernen.
Er habe zwar einen Draht zu ihnen, doch von Erziehung verstehe er nichts. Bei seinem ersten, 1967 geborenen Sohn habe er, jahrelang als alleinstehender Vater, alles falsch gemacht, was man falsch machen konnte. Er habe sich nie als Vorbild gesehen, sondern ihn immer von gleich zu gleich behandelt. Als sein Sohn 13 war, verschwand er in ein besetztes Haus in Kreuzberg.
Aber genau darum ging es ja im Grips-Theater: das Selbstbewusstsein der Kinder zu stärken. Wer ein paar Stunden an der Theaterkasse verbringt, merkt, dass das ganz gut gelungen ist. Frühere Grips-Besucher, die heute erwachsen sind und mit ihren eigenen Kindern oder Schulklassen kommen wollen, fordern oft recht forsch ihre Karten.
Im Archiv stehen viele Ordner mit Zuschriften von Zuschauern und den Antworten des Theaters. Manche Kinder haben immer wieder geschrieben, über Jahre hinweg von ihren Sorgen und Hoffnungen erzählt. Dem Grips, so scheint es, haben sie anvertraut, worüber sie weder mit ihren Eltern noch mit ihren Freunden reden konnten oder wollten.
Vermutlich liegt dies daran, dass sie sich im Grips-Theater immer ernst genommen fühlten mit ihren Problemen. Schlechte Noten, Trennung der Eltern, Cybermobbing – das Theater hat die Ängste der Kinder aufgegriffen und versucht, sie ihnen zu nehmen.
"Die Kunst", sagt Ludwig, "besteht darin, die Kinder nicht zu belügen und sie dennoch mit Hoffnung zurück in ihr Leben zu schicken."
Für trostlose Schlüsse, die den Kindern "den Tag versauen", hat er nichts übrig. Das Theater soll Spaß und Mut machen. Aber müssen Kinder nicht lernen, dass im Leben nicht immer alles gut ausgeht?
Im Jugendstück "Die schönste Zeit im Leben" verstößt ein prügelnder Macho sein Mädchen, das daraufhin auf den Strich geht. Am Ende erlaubt er ihr herablassend, zu ihm zurückzukehren. "Auf der Generalprobe mit 300 Schülern gab's Tumulte, Flaschen flogen auf die Bühne. Die Schauspielerin hatte Angst, diesen Schluss zu spielen. Sie sagte: ,Ich glaube, ich muss erst mal meinen Kopp klar kriegen' und stakste davon. Frenetischer Applaus."
Daraufhin wurde der Schluss geändert. Offenes Ende. Konkrete Utopie.

Das Theater soll Kindern Spaß und Mut machen. Für trostlose Schlüsse hat Ludwig nichts übrig.

Von Lars-Olav Beier

DER SPIEGEL 24/2017
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