10.06.2017

Zeitgeschichte„Ein vollkommener Idealist“

Nach den berühmten Tagebüchern erscheinen nun die Briefe des Romanisten und Holocaust-Überlebenden Victor Klemperer. Sie dokumentieren sein Leben im Nationalsozialismus und in der DDR. Deutlich wird vor allem, dass er die Gefahren beider Diktaturen unterschätzte.
Der Rat eines großen Bruders wird vom jüngeren bekanntlich selten angenommen. Und so missachtete auch Victor Klemperer 1934 die dringende Empfehlung seines älteren Bruders Georg, sich um eine "außerdeutsche Unterkunft zu bemühen". Seine vielen Reisen hätten ihn gelehrt, so antwortete der jüdische Gelehrte dem Bruder, "dass ich ganz und gar und ausschließlich nach Deutschland gehöre, dass ich absolut deutsch bin".
Doch Georg, einen Berliner Arzt, überzeugte das nicht. "Was machen wir mit unserm Deutschtum", erwiderte er drei Tage später, "wenn uns dessen maßgebende Vertreter täglich erklären, dass wir in einem anmaßlichen Irrtum sind, wenn wir uns für deutsch halten?" Georg (1865 bis 1946) beantwortete diese Frage wenig später ganz konkret, er emigrierte in die USA. Victor (1881 bis 1960) hingegen blieb im Nazideutschland und überlebte den Holocaust nur dank der Courage seiner christlichen Frau.
Der Schriftwechsel zwischen den Klemperer-Brüdern findet sich in einem nun erscheinenden Band mit Briefen von und an Victor Klemperer, der den vielen Fans des posthum zum Bestsellerautor gewordenen Zeitzeugen mehr als 600 Seiten neuen Lesestoff verschafft. Klemperers Korrespondenz aus den Jahren 1909 bis 1941 und 1945 bis 1959 kommentiert und ergänzt sein berühmtes Tagebuchwerk: Georgs mahnende Worte, zum Beispiel, wurden in den Tagebüchern nur am Rande erwähnt und als "melancholisch" und "pathetisch" abgetan, Victor wollte damals einfach nicht wahrhaben, was sein hellsichtiger Bruder schon ahnte.
Um so deutlicher zeigen die Briefe, wie sehr der Dresdner Romanistikprofessor auf den guten Rat und die Hilfe seiner Familie angewiesen war. Victor begriff erst viel zu spät, dass er den Nazis als Jude verhasst und als Hochschullehrer untragbar war. Tragisch, ja geradezu wirklichkeitsfremd wirken heute seine Briefe an die Verleger seiner wissenschaftlichen Werke, in denen er auf der Erfüllung alter Autorenverträge beharrte – auch dann noch, als in Deutschland kein einziges Buch eines jüdischen Autors mehr erschien.
Von Anfang an erwies sich Georg als deutlich lebensklüger und realistischer als sein gelehrter Bruder. Georg wusste, dass er in den USA materielle Einbußen erleiden würde, er wolle aber, so schrieb er 1935 an Victor, "lieber in Ehren darben, als in Diffamierung sorglos leben" – wobei es für die in der Heimat Gebliebenen dann mit der Sorglosigkeit auch ziemlich schnell vorbei war.
Von Amerika aus sondierte Georg bald die Möglichkeiten einer Emigration seines Bruders. Er ließ ihm mehrmals Geld zukommen und beschaffte ihm ein "Affidavit", eine Aufenthaltsgenehmigung für die USA, nur das Visum musste sich Victor in Deutschland selbst besorgen. Als der sich Ende 1938 schließlich darum bemühte, war die Chance vertan, die von der Regierung in Washington festgelegten Quoten waren auf Jahre hinaus ausgeschöpft.
Unterdessen sah sich Victor immer schlimmeren Schikanen ausgesetzt. Erst nahm man ihm die Professur, dann das Recht, öffentliche Bibliotheken zu nutzen, er musste sein Haus aufgeben und – zusammen mit Eva, seiner Frau – unter elenden Bedingungen in sogenannten Judenhäusern leben, er wurde von der Gestapo misshandelt und mehrmals inhaftiert. Nur das Chaos nach der Zerstörung Dresdens im Februar 1945 rettete ihn schließlich vor der bereits angekündigten Deportation.
Diese fortgesetzten Demütigungen, das zeigt der neue Briefband, erklären auch seine abrupte Hinwendung zum Kommunismus. Das neue Regime in der sowjetisch besetzten Zone ließ nichts unversucht, um den prominenten Wissenschaftler für sich zu gewinnen. Er bekam sein Haus und seine Professur schnell zurück und wurde mit Ehrenämtern und Preisen überhäuft. "Wir baten beide sofort um Aufnahme in die KPD", schrieb er 1946 einer Freundin der Familie. "Es ist ein Wiederaufleben, dessen Beglückung wir jeden Tag neu empfinden."
Ein weiteres Drama nahm seinen Lauf. Schmeicheleien machten Klemperer blind für die Rechtlosigkeit in der neuen Diktatur, scharfsinnig war er immer nur dann, wenn er persönliche Verletzungen davontrug. "Die Russen meinen es mit uns gut", notierte er 1947, als alle Versuche einer Demokratisierung längst erstickt worden waren. Klemperer selbst profitierte vom neuen System. Er verfügte über einen Wagen samt Chauffeur, man gab ihm Lehrstühle an den besten Universitäten des Landes und förderte auch seine politische Karriere. Als Vertreter des DDR-Kulturbundes zog er in die Volkskammer ein. Über seinen Schreibtisch hängte er ein Stalin-Porträt. Der Sowjetführer, so schrieb er 1950 einem westdeutschen Kollegen, habe erst kürzlich "einen prachtvoll klaren und nicht im geringsten engen Aufsatz über Fragen der Sprachwissenschaft geschrieben".
Victor Klemperer war damals politisch so naiv wie viele linke Intellektuelle Europas. Seinen kritischen Blick lenkte er nur nach Westdeutschland, wo er die neuen Karrieren alter Nazigrößen verfolgte. Hier zeigte er sich kompromisslos. Geisteswissenschaftler etwa, die zwölf Jahre lang zu den NS-Verbrechen geschwiegen, aber auf ihren Lehrstühlen ausgeharrt hätten, nannte er "Verräter" an den Idealen der akademischen Freiheit. Einer Freundin, die ihn von seinem harten Urteil abzubringen versuchte, entgegnete er, dass es ihm völlig und für immer unmöglich sei, "Menschen zu rechtfertigen, die eine Zeit lang auf Hitler hereinfallen konnten oder die es mit den Blubo-Grundsätzen einmal ernst nahmen".
Aus dem fernen Amerika meldete sich sein Bruder Georg zurück. Und wieder hatte der Ältere ein paar Ratschläge parat, die Victor besser beherzigt hätte: "In der unbedingten Verurteilung und Verachtung des Nazismus und dem heißen Wunsche, Deutschland von dieser Pest zu befreien, bin ich mit Dir einig", schrieb er im Juli 1946, "aber ich glaube nicht, dass Männer semitischer Descendenz dazu geeignet sind." Mit anderen Worten: Auch in einem neuen sozialistischen Deutschland hätten Juden in der Politik keine Chance.
Georg riet ihm dringend, sich allein auf die Wissenschaft zu konzentrieren. "Lieber Victor", so schrieb er, "Du bist durch Anlage und Erziehung immer ein vollkommener Idealist gewesen; richte Dich nicht zu Grunde im Kampf für ein Ideal, das durch Kulturbünde und öffentliche Vorträge nicht gefördert wird." Deutschland fehle ein großer Staatsmann, das aber sei er, Victor, mit Sicherheit nicht.
Die Standpauke des großen Bruders zeigte erneut keine Wirkung. Victor Klemperer sammelte so viele Ämter und Würden in der jungen DDR, dass sein schwaches Herz bald rebellierte und ihn zu längeren Auszeiten zwang. Zudem sah er sich plötzlich mit Widerständen konfrontiert, die er überhaupt nicht erwartet hatte.
Die Zensoren nahmen sich nämlich auch seine Bücher vor. Und paradoxerweise hatten sie beim ersten Mal sogar recht. In seinem Buch über die Sprache des Dritten Reiches "Lingua Tertii Imperii" ließen sie ihn jenes Kapitel streichen, in dem der bekennende Antizionist Klemperer den Zionistenführer Theodor Herzl mal eben mit Adolf Hitler verglichen hatte. Ein solcher Vergleich, so schrieb ihm der Sprecher des Aufbau-Verlages, sei dann doch eine "sehr, sehr böse Sache".
Zwischen den Zeilen wurde ihm, dem Holocaust-Überlebenden, sogar Antisemitismus unterstellt. Klemperer war verständlicherweise empört. Weitere Nackenschläge folgten. Sein Buch über "Moderne französische Lyrik" wurde überall da zusammengestrichen, wo er Sympathie für angeblich reaktionäre Dichter gezeigt hatte. "Revolutionäre Zeiten müssen mitunter mit starken Verkürzungen arbeiten", teilte ihm ein Lektor mit. Und als er in seinem Voltaire-Buch wohlwollende Kommentare des französischen Philosophen über Friedrich den Großen zitieren wollte, wurde er erneut gestoppt. "Wir müssen uns bemühen", so schrieb ihm die Mitarbeiterin des Verlages Rütten & Loening, "eine dem heutigen Stand der Geschichtswissenschaft entsprechende Einschätzung Friedrichs II. zu geben."
Klemperer verstand die Welt nicht mehr. Bis zuletzt hatte er geglaubt, dass er seine bürgerliche Wissenschaft auch im real existierenden Sozialismus betreiben könne. Nun rechnete er mit Parteiausschluss und anderen Sanktionen. Als er im Februar 1960 starb, wusste er, dass er auch den Kampf gegen die zweite Diktatur auf deutschem Boden verloren hatte. Seit Jahren, so schrieb er kurz zuvor an seinen Neffen Peter, habe er "nichts anderes getan", als "ständig und ergebnislos zu opponieren".

"Revolutionäre Zeiten müssen mitunter mit starken Verkürzungen arbeiten", sagte der Lektor.

Victor Klemperer: "'Warum soll man nicht auf bessere Zeiten hoffen.' Ein Leben in Briefen". Aufbau; 640 Seiten; 28 Euro.
Von Martin Doerry

DER SPIEGEL 24/2017
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