10.06.2017

PopkritikEs ist kompliziert

Die Sängerin Halsey gilt als Stimme ihrer Generation. Nun erscheint ihr zweites Album „Hopeless Fountain Kingdom“.
Halseys Geschichte beginnt da, wo heute so viele Popstargeschichten beginnen: in den sozialen Medien. Ashley Nicolette Frangipane, 1994 in einer Kleinstadt im Bundesstaat New Jersey geboren, wusste schon früh, was im Internet gut ankommt. Zunächst waren das keine eigenen Songs, sondern Gedichte und Musikparodien, die ihr mit 14 bereits 14 000 MySpace-Freunde und mit 18 sogar 16 000 YouTube-Abonnenten bescherten. "Ich stamme aus einer Generation, in der diese hohen Follower-Zahlen normal sind", sagte sie mal im Gespräch mit der "New York Times", die über sie schrieb, sie sei vor ihrer Popkarriere schon "ein halber Star" gewesen. Bevor Ashley unter dem Anagramm Halsey vollends zum Popstar wurde, hatte sie das Spiel "soziale Medien" also schon fast durchgespielt.
2014 teilte sie mit ihren vielen Onlineanhängern einen ersten eigenen Song, "Ghost", für sie damals "bloß ein weiteres Stück Content". Dieses Stück kam so gut an, dass binnen Tagen die Plattenfirmen Schlange standen, der Vertrag beim Majorlabel war schnell unterschrieben. Und anderthalb Jahre später folgte Halseys Debütalbum "Badlands". Platin in den USA. Der Musikbranchendienst "Billboard" und das Wirtschaftsmagazin "Forbes" etikettierten sie als Stimme ihrer Generation. Im Song "New Americana" beschrieb sie sich und ihre Altersgenossen als "High on legal marijuana / Raised on Biggie and Nirvana", aufgewachsen in einem Zwiespalt der Popkultur; zwischen Kernthemen des Hip-Hop, Selbstbehauptung und amerikanischer Traum, und den Narrativen des Grunge, Selbsthass und amerikanischer Albtraum.
Der Zwiespalt ist bis heute Halseys Leitmotiv. Sie, Tochter eines Schwarzen und einer Weißen, die auf Männer und Frauen steht, nannte sich selbst mal "tri-bi": bisexuell, bipolar und "biracial", keiner Definition von Hautfarbe klar zuzuordnen. Das klang wie ein Slogan für die Anliegen junger Linker, die alte Definitionen von Sexualität, Geschlecht und Rasse als überholt ansehen und sich spätestens seit Lena Dunhams Serie "Girls" in einer Öffentlichkeit wähnen, in der offener über psychische Erkrankungen gesprochen werden sollte.
Nun ist ihr zweites Album da. Würde man Halsey nach dem Hören von "Hopeless Fountain Kingdom" noch als Popstar ihrer Generation bezeichnen? Es beginnt, anders als "Badlands", nicht mit Lamento, nicht mit Kritik, sondern mit dem Prolog aus William Shakespeares "Romeo und Julia", den Halsey in ihrer schön verrauchten Stimme vorträgt. Schon hier wird klar, was "Hopeless Fountain Kingdom" ausmacht: Es sind die Zitate. Und es ist die Liebe.
Meist geht es um das, was Facebook einst so prägend als Beziehungskategorie einführte: "Es ist kompliziert." Halsey singt über die Schwierigkeiten der kaputten Liebe ("100 Letters") und die Schwierigkeiten der aktuellen Liebe (" Now or Never"), über Gefühle für den Ex ("Eyes Closed") und Gefühle für dasselbe Geschlecht ("Strangers") – die schon seit Katy Perrys "I Kissed a Girl" und Lady Gagas "Born This Way" zum guten Ton im Pop gehören.
Der Sound dazu klingt wie ein Mosaik aus Zitaten zeitgemäßer Popmusik. Über vieles könnte auch Rihanna singen, deren letztes Album passend "Anti" heißt und ebenfalls das eine große Thema des Pop behandelt, die Liebe. "Hopeless Fountain Kingdom" nun fußt auf melancholischem, minimalistischem R & B-Pop, etwas greller und damit stadiontauglicher als "Badlands". Diesen Sound prägten in den vergangenen Jahren vor allem zwei inzwischen mit einigen Grammys und Milliarden Spotify-Streams gewürdigte Kanadier: Drake und The Weeknd. Letzterer schrieb auch einen Song für Halseys neues Album, andere stammen von Produzenten, die schon für Adele, Ed Sheeran oder Justin Bieber arbeiteten.
Es mag irritieren, dass Halsey, die sich selbst nicht als Popstar versteht, ein so konventionelles Popalbum rausbringt. Und das soll es wohl auch. Dieser Widerspruch leuchtet ein, wenn man bedenkt, dass Halsey sich in ihrer Musik und ihrem Image an eine Generation richtet, die es gewohnt ist, Persönliches in die Öffentlichkeit zu stellen, und zugleich Facebook als Datenkraken beschimpft; die auf Partys eher ungern darüber spricht, wie viele Herzchen das letzte Selfie auf Instagram kassiert hat, weil in der Realität manchmal andere Maßstäbe gelten als in der digitalen Welt. Für eine Generation, die in solch einem Zwiespalt aufgewachsen ist, scheint Halsey nach wie vor der passende Popstar zu sein. Einer, der die Celebrity-Kultur kritisiert, am Ende aber genau das geworden ist: eine Celebrity. Eine, die die Öffentlichkeit gleichsam sucht und verflucht.
"Ich haue so viel von mir selbst raus", sagte Halsey der "New York Times", "dass ich manchmal Angst habe, mich zu zugänglich zu machen." Einer Generation, für die "Es ist kompliziert" total normal klingt, muss Halseys Zwiespalt sehr zugänglich sein.

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Von Jurek Skrobala

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