10.06.2017

Die AugenzeuginKopf unter

Mehr als die Hälfte der Grundschüler in Deutschland kann nicht sicher schwimmen. Damit sich das zumindest für einige von ihnen ändert, hat Birgit Moosbauer, 48, Vorsitzende der Wasserwacht Oberbayern, in einem Münchner Freibad einen Tag lang kostenlos Schwimmunterricht erteilt. Rund 400 Kinder machten mit.
"Letzte Woche ertrank eine 15-Jährige im Eisbach, der durch den Englischen Garten fließt. Das Mädchen war mit seinen Freundinnen Hand in Hand ins Wasser gesprungen, konnte aber gar nicht schwimmen. Es sieht immer so leicht aus, wenn Menschen im Wasser Arme und Beine bewegen und scheinbar schwerelos sind. Leider ist das ein fataler Trugschluss. Allein im letzten Jahr kamen in bayerischen Gewässern 91 Menschen ums Leben, so viel wie in keinem anderen Bundesland.
Als mich kurz nach dem Unglück im Englischen Garten Mike Thiel, der Moderator der Morgensendung bei Radio Gong München, anrief und fragte, ob wir von der Wasserwacht am Donnerstag kostenlosen Unterricht anbieten würden, habe ich rund 25 Trainer aus ganz Bayern zusammengetrommelt. Jede Stunde zwischen 8 und 18 Uhr begann ein neuer Kurs. Natürlich kann man keinem Menschen an nur einem Tag das Schwimmen beibringen, aber vielleicht die Angst nehmen. Ich habe meine Schüler ermutigt, den Kopf unter Wasser zu tauchen, und ihnen gezeigt, wie man den Körper so anspannt, dass er auf der Wasseroberfläche treibt.
Ich gebe seit 25 Jahren Schwimmunterricht. Wenn Kinder acht Jahre alt sind und noch nicht schwimmen können, wird es häufig schwierig, sie zu motivieren. Viele Ältere schämen sich, mit Schwimmnudeln durchs Wasser zu eiern. Manchmal habe ich auch den Eindruck, die heutige Elterngeneration ist übervorsichtig. Anstatt ihren Kindern selbst das Schwimmen beizubringen, buchen sie Kurse, für die es aber häufig lange Wartelisten gibt.
Dass viele Grundschüler nicht richtig schwimmen können, liegt auch an der abnehmenden Zahl von Schwimmbädern. Auf dem Land müssen viele schließen, in der Stadt werden sie in Spaßbäder umgewandelt. Nach dem 'Seepferdchen' sollten Eltern mit ihren Kindern aber regelmäßig schwimmen und nicht nur planschen oder rutschen gehen. Mit dem Schwimmen ist es leider nicht wie mit dem Fahrradfahren. Man verlernt es schnell wieder."
Von Anna Clauß

DER SPIEGEL 24/2017
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