10.06.2017

HochschulenFlattern im Hühnerhof

Ausgerechnet im großbürgerlichen Berliner Villenvorort Dahlem bildete sich aus einer kleinen Schar linker Studenten die Keimzelle der 68er-Bewegung – mit freundlicher Unterstützung zweier Konservativer und der amerikanischen Besatzer.
Niemand hätte erahnen können, dass in der "Sanatoriumsatmosphäre" Dahlems ein "Tummelplatz für Krawallmacher" entstand, bei dem sich mitunter kaum noch ausmachen ließ, "was Studentenklamauk, was Revoluzzertum und was erfrischender Reformeifer" war. Am wenigsten hatten wohl die amerikanischen Besatzer damit gerechnet, die im Zuge der Re-Education der Deutschen nach dem Krieg an der Freien Universität (FU) das "Berliner Modell" gefördert hatten: In Abkehrung von traditionellen deutschen Universitätsverfassungen sollte ein Gründergeist von universitärer Mitbestimmung und politischer Partizipation entstehen.
Schon bald folgten Tausende dem Ruf von Heinrich Lübke, der nach dem Mauerbau in Solidarität mit der geteilten Stadt der westdeutschen Jugend den Besuch dieser Hochschule empfohlen hatte. Doch anders als vom Bundespräsidenten erhofft, dominierten schon bald linksgerichtete Studenten. Vor allem die berüchtigte "Schwäbische Mafia" machte sich – ganz wie heute – schon bald in Berlin breit. Die Absenz von Wehrdienst und Sperrstunde mag dazu beigetragen haben, sicher aber auch die besondere Atmosphäre der Frontstadt als politischer Kulminationspunkt der Zeit. Zudem bot die Uni die einzige Möglichkeit, den akademischen Grad eines Diplom-Politologen zu erlangen – damals noch heiß begehrt.
Für den Wendepunkt zu einem Zusammenschluss der bis dato zerstrittenen linken Studentengruppen sorgte wiederum ein Konservativer: Eberhard Diepgen. Als herauskam, dass der frisch gekürte AStA-Vorsitzende Mitglied einer schlagenden Verbindung war, fanden sich erstmals der sozialistische (SDS), der sozialdemokratische (SHB) und der liberale Studentenbund (LSD) zusammen, um Diepgen zu stürzen.
Auch wenn später die legendäre Kommune I um Rainer Langhans unser Bild der frühen 68er prägte, so war die vermeintlich freie Liebe praktizierende "Horror-Kommune" eher eine Randerscheinung. Die "akademischen Rebellen" trugen weder "Beatle-Frisuren" noch Gammler-Look; sie waren "proper gekleidete", erfolgreiche Studenten, die "alle Gesellschaftstheorien von Marx bis Marcuse" kannten. Und sie waren in der Minderheit: Nicht einmal ein Drittel der gut 15 000 an der FU Immatrikulierten konnte dem oppositionellen Flügel zugeordnet werden, gerade einmal 367 von ihnen waren Mitglieder im SDS oder SHB.
Gewiss demonstrierten sie mit Inbrunst ebenso gegen den Vietnamkrieg wie gegen die Große Koalition in Bonn, gegen die griechische Militärdiktatur und den Schah von Persien. Das "wichtigste Kampffeld" jedoch war die Hochschule, wie Maoist und "SDS-Stratege" Rudi Dutschke betonte. Sein SHB-Pendant Knut Nevermann, Sohn des früheren Bürgermeisters von Hamburg, brachte die Forderungen auf den Punkt:
"Wir kämpfen gegen die Restauration des deutschen Bildungswesens. Wir kämpfen gegen Schulen und Universitäten, die den Typ des Angepassten produzieren ... und die Entfaltung kritischen Bewusstseins verhindern." Sie wollten "autoritäre Herrschaftsformen in der Hochschule und in der Gesellschaft abbauen und hier wie dort Demokratie praktizieren". Dagegen lässt sich ja kaum etwas sagen, doch damals lösten die Forderungen einen wahren Furor des Establishments aus: Da sei nur eine "lächerliche Minderheit von Verrückten und Böswilligen" am Werke, beschwichtigte Berlins SPD-Bürgermeister Heinrich Albertz. Der Berliner CDU-Chef sprach von "geistiger Knochenerweichung", die Springer-Presse sah einen "immatrikulierten, mobilisierten Mob" am Wirken.
Es war wohl gerade die bedrohte Insellage der "ummauerten Halbstadt", die Politiker, Medien und Bürger empfindlicher reagieren ließ, als die doch recht überschaubaren Vorkommnisse es eigentlich rechtfertigten. "Je enger der Hühnerhof", erklärte Berlins Senatssprecher das Phänomen, "umso wilder flattern die Hühner".

DER SPIEGEL 24/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 24/2017
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Hochschulen:
Flattern im Hühnerhof

  • Brände im Amazonas: Bolsonaro kündigt Strafen für Brandrodungen an
  • Flaschenpost aus Russland: Nach 50 Jahren in Alaska gefunden
  • Jagdtricks von Delfinen: Die "Hau-drauf-hau-rein"-Technik
  • Starkes Gewitter im Tatra-Gebirge: Mindestens fünf Menschen getötet