10.06.2017

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Gastarbeiter: Deutschland auf Zeit?


In einem ruhigen Wohngebiet in Duisburg-Homberg, linksrheinisch, wie man hier gern betont, liegt ein kleines Stück von Deutschlands Zukunft. Und die hat viel mit Deutschlands Vergangenheit zu tun. Zwischen 1955 und 1973, als die Industrie brummte und dringend Arbeitskräfte gesucht wurden, kamen 14 Millionen Gastarbeiter ins Land. Die meisten von ihnen kehrten irgendwann wieder in ihre Heimat zurück. Doch rund drei Millionen von ihnen blieben, und viele holten ihre Familien nach.
Jetzt sind die ehemaligen Gastarbeiter alt geworden – und pflegebedürftig.
So auch Rasit Topyani, ein stiller Mann mit buschigen Augenbrauen und ernstem Blick, der am 1. Januar 1971 als Bergarbeiter nach Deutschland gekommen ist. Langsam schlurft er mit seinem Rollator durch die Gänge eines geräumigen Gebäudes mit großen Fenstern. "Haus am Sandberg" heißt es, das "Multikulturelle Seniorenzentrum", das vor 20 Jahren als Pilotprojekt gegründet wurde und ein Modell für die Zukunft sein soll: Denn die deutsche Gesellschaft altert und mit ihr auch jene Menschen, die nicht hier geboren sind. Schon jetzt, sagen Forscher, sind ausländische Senioren die am schnellsten wachsende Gruppe der über 65-Jährigen. Ihre Anzahl hat sich seit 1990 bereits verfünffacht.
Bis 2030, so haben Modellrechnungen ergeben, könnten es 3,6 Millionen sein.
Doch darauf sind die meisten Altenheime nicht eingestellt. In Duisburg hat man ihn gewagt, den Spagat zwischen Butterkuchen und Baklava: Rasit Topyani und seine Frau Ayse, die gern redet und viel lächelt, leben seit zweieinhalb Jahren im Obergeschoss des Pflegeheims, Wohnbereich E, Raum 223. In ihrem Zimmer stehen zwei Krankenbetten, ein Rollstuhl, ein Rollator. Aber auch ein Kühlschrank, gefüllt mit orientalischem Essen, und ein Fernseher, auf dem eine türkische Kochshow flimmert. Wenn Besucher kommen, schickt Frau Topyani, die seit einem Unfall gelähmt ist, ihren Mann zum Kühlschrank. Sie erzählt, während er Baklava auftischt oder Datteln. Wie es war, nach Deutschland zu kommen. Und warum sie hier geblieben sind:

Die Topyanis sind kein Einzelfall hier im "Haus am Sandberg".


Ein Heim, viele Sprachen

"Unser Haus ist wie ein Mikrokosmos der Gesellschaft", sagt Ralf Krause, der Leiter der Pflegeeinrichtung. Von den knapp 100 Bewohnern haben rund ein Viertel ausländische Wurzeln. Zurzeit stammen die meisten aus der Türkei, wie die Topyanis. Aber das wechselt häufig. Separate Wohngruppen, etwa für Muslime, wären keine Lösung. "Eine 80-jährige türkischstämmige Akademikerin hat wenig gemein mit einem 65-jährigen anatolischen Bauarbeiter", sagt Krause. Deshalb wohnen die ehemaligen Gastarbeiterfamilien Tür an Tür mit deutschen Rentnern.
Manche sind miteinander befreundet, andere leben einfach nebeneinander her.
Viele winken sich freundlich zu, aber können nicht miteinander reden.
Tatsächlich ist das, was manche Gastarbeiterfamilien schon in jungen Jahren isolierte – mangelnde Sprachkenntnisse – eines der größten Probleme, dem sich multikulturelle Heime stellen müssen. Deshalb setzt Ralf Krause auf Personal, das ebenfalls einen Migrationshintergrund hat. Rund 45 Prozent seiner Mitarbeiter haben eine Zuwanderungsgeschichte.
Davon können beide Seiten profitieren: Die Bewohner, die türkisch, polnisch, persisch oder russisch kommunizieren können. Und die Pfleger. Türkische Frauen wie Nuran Meydan, die vorher Schwierigkeiten hatten, Arbeit zu finden:
Mitarbeiter wie Nuran Meydan sind vor allem für die Bewohner wichtig, die nie vorhatten, in Deutschland alt zu werden. Schwer haben es vor allem türkische Frauen, die ihren Männern nach Deutschland gefolgt sind, ohne sich je richtig heimisch zu fühlen. Und die Jahrzehnte später, nach dem Tod ihrer Männer, zurückbleiben. Frauen wie Hatice Keser.
Das Bett gen Mekka, die Moschee im Keller
Traditionell werden im islamischen Kulturkreis alte Menschen von ihren Angehörigen gepflegt. Aber Hatice Kesers Familie kann die Pflege der 91-Jährigen nicht leisten. Die Töchter leben weit weg, die Söhne, die ganz in der Nähe wohnen, arbeiten lange. Dennoch: "Ein normales Altenheim, wo Schweinefleisch aufgetischt und Gebetszeiten ignoriert werden, käme für meine Mutter nicht infrage", sagt Turgut Keser, ihr Sohn.
"Das wäre für sie wie ein Gefängnis."
Dass es türkischsprachiges Personal gibt, war für die Kesers wichtig, aber auch die vielen Kleinigkeiten, auf die man im "Haus am Sandberg" stößt: Türkische Bücher, die sich im Lesesaal an deutsche Romane reihen, Tageszeitungen in der Muttersprache und ausländische Fernsehsender, die die Bewohner empfangen können. Hatice Keser, die kein Bingo spielt oder Mensch-ärgere-dich-nicht wie ihre deutschen Nachbarn, liegt vor allem eines am Herzen: ihre Religion.

„Die Religion ist etwas, das den Menschen Halt gibt“, sagt Nuran Meydan. Demente Bewohner etwa, die längst die deutsche Fremdsprache verlernt und vieles aus ihrem Leben vergessen haben, erinnern sich noch an die alten Verse und Lobgesänge, die sie in ihrer Kindheit auswendig lernen mussten. Das gilt für die Deutschen, die regelmäßig eine christliche Andacht besuchen können, genauso wie für die muslimischen Bewohner. Einmal in der Woche, am Freitag, besucht Nuran Meydan mit ihnen die Moschee im Untergeschoss des Hauses, um gemeinsam aus dem Koran zu lesen:

Beten und zusammensein - für viele Bewohner hier im "Haus am Sandberg" bestimmt das den Alltag. Und so leben in Duisburg-Homberg seit 20 Jahren Migranten und Deutsche unter einem Dach.

Begegnungen am Frühstückstisch

Anfangs, erzählt Heimleiter Krause, wurde er oft belächelt, wenn er von der Einrichtung erzählt habe.
Keiner wollte glauben, dass überhaupt Bedarf an speziellen Altenheimen für Migranten besteht. Mittlerweile sind auch andere Altenheime in Deutschland seinem Beispiel gefolgt. Häufig kommt Besuch aus dem In- und Ausland, um sich das "Haus am Sandberg" anzusehen. Selbst die "New York Times" hat schon über das deutsche Pilotprojekt berichtet. Gäste lädt Krause gern dienstags ein. Denn dann gibt es im Obergeschoss des Hauses ein orientalisches Frühstück – nicht nur für die türkischen Bewohner, sondern auch für die Deutschen:


Deutschland, lebenslänglich? Rasit Topyani und seine Frau Ayse hätten nicht gedacht, dass sie einmal hierbleiben würden. Noch dazu in einem deutschen Pflegeheim. Aber sie sind heimisch geworden.
Fast täglich kommt jemand zu Besuch: Enkel, Nachbarn oder Freunde. Ayse organisiert mithilfe ihrer Töchter große Familienfeiern in der Gemeinschaftsküche. Und Rasit pflegt im Sommer kleine Beete und Blumenkästen auf dem Balkon.
"Begraben werden", sagt Ayse Topyani jedoch, "möchten wir in der Heimat".
Sie meint die Türkei.

Über die Autorin

Die Multimedia-Journalistin Alexandra Frank hat festgestellt, dass die Uhren in einem Altenheim anders ticken als in ihrem üblichen Alltag. Leben in Zeitlupe. Während ihrer einwöchigen Recherche in dem multikulturellen Seniorenzentrum hat sie ein knappes Kilo zugenommen. Dank der türkischen Gastfreundschaft und unzähliger Baklava-Stückchen.

Übersetzung: Dilek Zurnaki
Produktion: Petra Thormann, Martina Treumann
Redaktion: Jens Radü

DER SPIEGEL 24/2017
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