29.11.1999

NIEDERSACHSEN„Feuchtwarmes Biotop“

Nach nur einer Woche mit Affären-Vorwürfen um Lustreisen, Spesen und Gemauschel musste Ministerpräsident Gerhard Glogowski zurücktreten. Der Nachfolger soll den Zusammenbruch nun so aussehen lassen wie eine Frischzellenkur.
Seine prachtvolle Show als Retter des Baukonzerns Philipp Holzmann hatte der Kanzler gerade gegeben, da war Gerhard Schröder schon wieder als Feuerwehrmann gefragt.
Die ganze Woche über hatte er düstere Nachrichten aus seiner Heimat Niedersachsen gehört: "Es geht nicht mehr", signalisierten ihm Genossen schließlich. Die Zeitungen hatten am Freitag, am sechsten Tag in Folge, wieder schwere Vorwürfe gegen Ministerpräsident Gerhard Glogowski verbreitet.
Am Morgen traf sich Schröder mit Edelgard Bulmahn, der Chefin der Niedersachsen-SPD. Mittags rief Glogowski beim Kanzler an: Es sei vorbei. Nachmittags setzte sich der designierte SPD-Generalsekretär Franz Müntefering in den Flieger nach Hannover. Als auch Schröder im Challenger-Jet der Luftwaffe daheim landete, war es schon passiert: Um 17 Uhr war Ministerpräsident Glogowski vor die Presse getreten, um seinen Rücktritt zu verkünden.
Schröders Ziel stand fest: Der Nachfolger musste so gewählt werden, dass der krachende Zusammenbruch schon in kurzer Zeit aussieht wie ein Aufbruch zu neuen Ufern, wie eine Frischzellenkur für die gebeutelte SPD.
Tatsächlich wirkte Glogowskis Rücktritt für die Sozis zuletzt wie eine Befreiung. Viel schlimmer als das Aus war für viele der Gedanke, der konservative Sozialdemokrat könne, schwer beschädigt, womöglich an seinem Amtssessel kleben. Im Februar wählt Schleswig-Holstein, im Mai kommenden Jahres folgt Nordrhein-Westfalen. Ein belasteter Ministerpräsident in Hannover, verstrickt in allerlei unappetitliche Geschichten, würde einen Dauerschatten auf die SPD werfen - gerade zu einer Zeit, in der sie neben einer CDU strahlen könnte, die im Spendensumpf untergeht.
Deshalb hatte der hannoversche Klüngel um den Kanzler in Berlin schon Tage zuvor beraten, wie die Krise daheim schnell zu regeln sei. Unmittelbar nach Schröders Ankunft in Niedersachsens Staatskanzlei um 18.15 Uhr am vergangenen Freitag begann die Kungelei um Glogowskis Nachfolge. Die Mehrheitsverhältnisse im Vorstand der Landes-SPD, wo der künftige Ministerpräsident gekürt wird, waren keinesfalls geklärt. Die elf Mitglieder der Parteispitze haben in der Vergangenheit schon mehrfach im Verhältnis 6:5 abgestimmt.
Der Favorit hatte schon am Abend des Abgangs die Nase vorn: Der füllige Fraktionschef Sigmar Gabriel, 40, wie immer sonnengebräunt, stand mit betretener Miene neben dem Zurückgetretenen, den er noch wenige Tage zuvor "meinen Freund Gerhard Glogowski" tituliert hatte.
Gabriel wollte, eben wegen seiner guten Karten, nicht den Anschein erwecken, er versuche sich als Königsmörder. Dabei hatte er am Donnerstag Schröder in Berlin besucht und das Terrain sondiert.
Glogowski hat Gabriel über Jahre als politischen Ziehsohn in der Landespolitik gefördert. Mit 17 Jahren bereits trat der gebürtige Goslarer in die Partei ein.
Rhetorisch, so gesteht ihm selbst sein schärfster Konkurrent, Umweltminister Wolfgang Jüttner, zu, ist der studierte Lehrer Gabriel schneller. Er kommt bei Wählern und Journalisten mit flotten Sprüchen besser an, tritt aber auch gern mit Schwung in Fettnäpfe. Taktisch gilt Gabriel gleichwohl als Talent, der gründliche Jüttner ist eher der Mann für schwierige Details.
Jüttner hat als Chef des landesweit größten SPD-Bezirks Hannover eine starke Hausmacht. Der Soziologe hat beim Streit mit Jürgen Trittin in Sachen Castor, Schacht Konrad und Atomausstieg von sich reden gemacht. Er selbst wusste, dass er ebenso wenig wie Wissenschaftsminister Thomas Oppermann auf Unterstützung Schröders hoffen konnte, setzte aber darauf, dass nach dem Schock in der Partei Ruhe und Erfahrung gefragt seien.
Doch hat Jüttner nach Auffassung maßgeblicher Genossen Eigenschaften, die manche von ihnen für einen Makel halten: Er gilt zwar als tüchtig und geradeaus, aber als zu wenig machtbewusst. Außerdem ist Jüttner, 51, nur vier Jahre jünger als der Kanzler.
Einen jungen Vormann wie Gabriel können die Sozialdemokraten aber gut brauchen: In Niedersachsen steht Christian Wulff an der Spitze der CDU, einer der "jungen Wilden". Obwohl erst 40 Jahre alt, ist Wulff kein politischer Novize: Seit 1984 bekleidet er hohe Ämter.
Mit Gabriel, so denken Genossen in Berlin und Hannover, sei gut gegen Wulff anzukommen. Gabriel war dem Kanzler, damals noch Regierungschef in Hannover, mit einer Rede zum niedersächsischen Haushalt aufgefallen. Seitdem galt er nicht nur als Glogowskis Liebling, sondern auch als Schröders Hoffnung. Skeptiker freilich befürchten, sein rhetorisches Talent sei auch schon sein größter Vorzug. Prinzipienfestigkeit, bei einfachen Mitgliedern der SPD noch immer im Kurs, trauen Parteifeinde ihm nicht im Übermaß zu.
Vor allem stört Sozialdemokraten seine Nähe zu Glogowski und dem SPD-Bezirk Braunschweig, in dem er als Vorstandsmitglied groß geworden ist. Nirgendwo in Niedersachsen ist der sozialdemokratische Filz so dick wie dort.
Insgesamt neun Jahre war Glogowski Oberbürgermeister in Braunschweig. Das "feuchtwarme politische Biotop", so ein niedersächsischer Sozialdemokrat, "ist tödlich für einen, der anfällig ist". Offensichtlich war Glogowski anfällig. Zur Hybris kam der Durst, und wer ihm zu häufig nachgibt, verliert schon mal die Realität aus dem Blick.
Angefangen hatte der Skandal im Mai dieses Jahres, als Glogowski die Hochzeit mit seiner Lebensgefährtin Marianne Horstkötter feierte. Die Party mit immerhin 160 Gästen hatte sich Glogowski teilweise von den Brauereien Wolters und Feldschlößchen sowie dem Kaffeeröster Heimbs sponsern lassen - "um die niedersächsische Wirtschaft zu stärken".
Die Firmen, so Glogowski, hätten von selbst um die "Marketingmaßnahme" gebeten. In Wahrheit jedoch hatte Braunschweigs Arbeitgeberchef Richard Hartwig für ihn bei den Unternehmen angefragt, ob sie sich auf der Hochzeit präsentieren wollten. Nach Marktpreis berechnet hat Glogowski an die 2000 Mark gespart - Kleinkram bei einem Jahreseinkommen von rund 300 000 Mark, aber es kam immer mehr Kleinkram zusammen.
"Glogo", wie Glogowski von Freunden genannt wird, attestierte sich "ein reines Gewissen", auch wenn er mit der Verquickung der privaten Feier mit Interessen von Unternehmen "etwas arglos" umgegangen sei. Das gilt auch für die Hochzeitsreise, die Marianne Horstkötter und er Ende März in Richtung Ägypten antraten.
Glogowski zahlte den Flug mit einem Euroscheck über 1654 Mark. Die Zahlung ging jedoch erst beim Veranstalter TUI ein, als bereits Gerüchte in Hannover umliefen, Glogowskis hätten sich in Ägypten aushalten lassen und noch immer nicht gezahlt. Jüttner, dem die peinlichen Anwürfe zu Ohren kamen, nahm Ende Mai seinen Kabinettschef beiseite. Erst da sah Glogowski sich bemüßigt, das Geld zu überweisen.
"Glogo hat in manchen Dingen kein Unrechtsbewusstsein", klagte ein leitender Beamter seines Hauses. Nicht einmal die Pauschale von 500 Mark, die Glogowski jeden Monat für seine Übernachtungen in der Landeshauptstadt kassierte, mochte er dem Land zurückgeben, obwohl er monatelang auf Staatskosten im Gästehaus der Landesregierung wohnte.
Dass es nach den ersten Vorwürfen dann so schnell ging, dafür sorgte auch das hilflose Krisenmanagement seiner Entourage. Seit der Rückkehr Glogowskis von einer Dienstreise nach Wien am Dienstag vergangener Woche schlitterten die Verantwortlichen der Staatskanzlei von einem Widerspruch in den nächsten. Glogowskis Regierungssprecher Jürgen Koerth referierte vor laufenden Kameras etwa über Reisen seines Chefs mit Flugzeugen des Preussag-Konzerns Dementis, denen die Firma längst den Boden entzogen hatte.
Nur tröpfchenweise sickerte die Wahrheit über das Gehabe des MP aus dessen Büro der Staatskanzlei. Dort führte vor allem einer Regie: Matthias Wehrmeyer, Leiter der politischen Abteilung.
So war es nach Aussage führender Mitarbeiter der Staatskanzlei der Beamte Wehrmeyer, der im Dienste seines Chefs Unterlagen zur so genannten Edelsause bei den Braunschweiger Stadtwerken auf Belastendes checkte. Glogowski, Aufsichtsratsvorsitzender der Stadtwerke, hatte Bedenken wegen einer Feier, die Ende September mit einem Gesamtpreis von 80 000 Mark allzu luxuriös ausgefallen war.
Der Ministerpräsident hatte nach Darstellung mehrerer Mitarbeiter seines Hauses Anfang dieses Monats von einer Dienstreise nach Kasachstan aus bei der Familie des Party-Ausrichters Frohreich anklingeln lassen, um zumindest eine Rechnung der Edelsause von 57 000 auf 37 000 Mark zu kürzen (SPIEGEL 47/1999).
Wehrmeyer bestreitet, "jemals bei den Stadtwerken Akten eingesehen" zu haben. Er sei in der fraglichen Woche Anfang dieses Monats "gar nicht in Braunschweig gewesen". Doch bestätigt ein Sprecher der Stadtwerke, dass Wehrmeyer am 5. November zur Sondersitzung des Aufsichtsrats in Sachen Edelsause bei den Stadtwerken war.
Unklar ist auch der Hintergrund einer Reise der Glogowskis, wieder nach Ägypten, für die das Ehepaar Mitte Oktober einen Privaturlaub auf Mallorca unterbrochen hatte. Der Flug, organisiert von der TUI und Preussag-Chef Michael Frenzel, führte die Glogowskis zu einem musikalischen Top-Ereignis, einer "Aida"-Aufführung im Schatten der Pyramiden.
Die private Einladung Frenzels vom 21. September dieses Jahres brachte der Staatskanzlei Probleme. Der Trip sollte nicht als Privatvergnügen eingestuft werden, dann hätte das sparsame Pärchen selber zahlen müssen. Deshalb wurde die ägyptische Staatsregierung um eine offizielle Einladung an die Glogowskis gebeten. Die kam prompt, versehen mit dem gleichen Datum wie Frenzels Schreiben und nahezu identischem Text.
Geradezu verzweifelt hat Glogowski nach der "Aida"-Reise getrickst. Denn die Rechnung für den Flug mit Preussag-Chef Frenzel, so die erste Meldung der Staatskanzlei, sei bereits mehrere Male nach dem Trip im Oktober angemahnt worden. Das freilich bestritt Frenzel prompt: Es sei nie geplant gewesen, dass Glogo selbst zahlt.
Auch bei der Dienstreise am vorvergangenen Wochenende nach Wien, während der Glogowskis Hochzeitsaffäre hochkochte, gibt es unschöne Zufälle. Der Ministerpräsident und seine Frau sollten für die Weltausstellung Expo 2000 in Hannover werben. Die ersten dienstlichen Gespräche hatte die Staatskanzlei für Sonntag, 21. November, terminiert.
Eine glückliche Fügung wollte es, dass am Vorabend eine Aufführung von "Don Giovanni" in der Wiener Oper stattfand. Noch ein Zufall: Glogowskis alter Freund, Günter Geisler vom Vorstand der Salzgitter AG, hatte schon Karten besorgt, zum Preis von 424 Mark pro Stück.
Selbst für Reisevorbereitungen blieb Zeit. Glogowskis Frau Marianne meldete sich bei ihrem Arbeitgeber, dem niedersächsischen Wissenschaftsministerium, am Tag vor der Reise krank.
Erfreulicherweise ging es ihr sofort nach dem Trip aber schon wieder gut - den dann herrschenden Umständen entsprechend.
JÜRGEN HOGREFE, HANS-JÖRG VEHLEWALD
Von Jürgen Hogrefe und Hans-Jörg Vehlewald

DER SPIEGEL 48/1999
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