29.11.1999

ELEKTRIZITÄTPopulär bei den Jungen

Umweltbewusste Stromverbraucher sind verwirrt: Nicht alle grünen Kilowatt kommen tatsächlich aus Windmühlen, Wasserkraftwerken oder von der Sonne.
In dem umgebauten Lagerhaus am Hamburger Hafenrand, Deutschlandzentrale der internationalen Umweltorganisation Greenpeace, warten die Ökofunktionäre derzeit sehnsüchtig auf massenhaft Post.
Gut 60 000 Greenpeace-Sympathisanten hatten sich bei einer Aktion der Umweltschützer bereit erklärt, ihren Strom in Zukunft von einem grünen Anbieter zu beziehen. Jetzt sollen die Ökofreunde die Vertragsunterlagen für den Beitritt zur eigens gegründeten Genossenschaft "Greenpeace energy" unterschrieben zurückschicken. Doch bislang sind erst ein paar hundert Rückläufe da.
Beim Geld könne, so fürchtet Greenpeace-Sprecher Fouad Hamdan, das grüne Gewissen ganz schnell schweigen. Und noch ist Ökopower erheblich teurer als andere. Kostet etwa der vorwiegend aus Atomkraft produzierte Strom bei der Energie Baden-Württemberg ("Yello") 19 Pfennig pro Kilowattstunde, verlangen Ökoanbieter knapp die Hälfte mehr. "Hier wird sich die Spreu vom Weizen trennen", sagt Roland Hipp, Energie-Experte bei Greenpeace.
In bundesweiten Umfragen geben sich die Deutschen zwar äußerst umweltbewusst. "20 Prozent" wünschen nach einer Erhebung der Vereinigung Deutscher Elektrizitätswerke den "verstärkten Einsatz" so genannter erneuerbarer Energien aus Biomasse, Wind, Wasser oder Sonne. Aber nur ein gutes Drittel der Bundesbürger, so ermittelte Forsa, wäre bereit, dafür mehr Geld auszugeben, in Ostdeutschland sind es sogar nur 24 Prozent.
Populär ist der Ökostrom insbesondere bei den Jungen. Eine Mehrheit der befragten Abiturienten und Hochschulabgänger befürwortet Aufschläge für Ökostrom.
Mehr als ein Dutzend Firmen bieten inzwischen "sauberen" Strom an - unter so alternativen Namen wie Natur Strom AG oder LichtBlick GmbH. Doch die meisten Stromkunden reagieren angesichts des Tarifgewirrs mit unterschiedlichen Kilowattpreisen, Grundgebühren oder Vertragslaufzeiten nach Erkenntnis der Verbraucherzentralen konservativ: Sie lassen zunächst einmal alles, wie es ist.
Erst rund 30 000 von insgesamt 43 Millionen Tarifkunden haben bei einem Ökoanbieter unterschrieben. Im neuen Katalog des umweltorientierten Otto-Versands wird neben dem umstrittenen Yello-Angebot auch grüner Strom der Ökostrom Handels AG zu ordern sein. Experten wie Shell-Vorstand Fritz Vahrenholt rechnen mit einem wachsenden Marktanteil für die neuen Energien (siehe Interview).
Die Shell hat jetzt in Gelsenkirchen eine der weltweit größten Fabriken zur Produktion von Photovoltaik-Elementen eröffnet. Damit will der Mineralölkonzern die Produktion von Ökostrom billiger machen.
Bei Greenpeace ist mit einer Zuzahlung von durchschnittlich monatlich rund 20 Mark gegenüber dem alten Tarif für einen Vier-Personen-Haushalt der Einstieg in die Energiezukunft zu haben - wenn sich denn genügend Verbraucher finden, die mitmachen. "Unser Ziel ist es, damit viele atomstromfreie Zonen zu schaffen", sagt Greenpeace-Mann Hamdan.
Für Irritationen unter den Wechselwilligen sorgen die ersten Missbrauchsfälle im umkämpften Strommarkt. So untersagte das Landgericht Hamburg dem Cuxhavener Windmühlenbetreiber Plambeck Neue Energien AG den Werbeslogan: "Bügeln für eine gesündere Luft." Tatsächlich verkauft das Unternehmen auch Strom aus Kohlekraftwerken.
Auch die TV-Spots des Bayernwerks für umweltfreundlich erzeugten Strom aus Wasserkraft ("aquapower") hält der Naturschutzbund Deutschland für "Mogelpackungen". Zwar verfüge der Energieriese über jahrzehntealte höchst profitable Wasserkraftwerke. Den Großteil des Stroms lieferten jedoch Atomkraftwerke an Isar und Donau sowie demnächst osteuropäische Meiler.
Der Solarexperte und SPD-Bundestagsabgeordnete Hermann Scheer, 55, argwöhnt, dass solche Dumpingangebote konkurrierender Konzerne den Markt für Ökostrom "kaputtmachen" sollen. Ohne eine Befreiung der Alternativenergien von der Ökosteuer oder die Förderung der kommunalen Stromerzeuger stehe ein neuer Konzentrationsprozess in der Branche bevor. "Wer heute Billigstrom ordert", urteilt Scheer, "zahlt spätestens übermorgen doppelt und dreifach drauf."
Greenpeace will bei seinen Genossenschaftsmitgliedern von vornherein für Transparenz sorgen. Die von Greenpeace als Stromlieferanten ausersehenen Stadtwerke Schwäbisch Hall sollen für den Einkauf von "hundertprozentig sauberem Strom" geradestehen. Die Hälfte des Greenpeace-Stroms darf dabei aus gasbefeuerten Kraftwerken kommen, Kohle und Kernkraft sind tabu.
Die Kunden können via Internet die Zusammensetzung des eingekauften Stroms nachschauen. Zudem ist beim Umweltbundesamt ein "Blauer Engel" als Ökosiegel für eine "umweltgerechte Dienstleistung" beantragt.
Den grünen Tarif wollen die Regenbogenkämpfer auch für ein besonders heikles Versorgungsgebiet durchfechten - für das Greenpeace-Büro in Paris. Ihr Widersacher ist der Monopolist Electricité de France, der einen Großteil seines Stroms für die französische Hauptstadt aus Kernenergie gewinnt. Entscheiden über die Zulassung des Greenpeace-Stroms muss die EU-Kommission in Brüssel. SEBASTIAN KNAUER
Von Sebastian Knauer

DER SPIEGEL 48/1999
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