29.11.1999

„Ausstieg von unten“

Der Shell-Vorstand Fritz Vahrenholt über Schwindel mit dem Ökostrom und den Einstieg in das Solarzeitalter
SPIEGEL: Herr Vahrenholt, welche Farbe hat eigentlich Ökostrom?
Vahrenholt: Leider sieht man dem Strom nicht an, ob er umweltfreundlich erzeugt wird. So mancher gelbe, graue oder blaue Strom kommt aus französischen oder osteuropäischen Kernkraftwerken. Da müssen umweltbewusste Verbraucher schon das Kleingedruckte lesen.
SPIEGEL: Die Deutsche Shell bietet zusammen mit den Hamburgischen Electricitätswerken, die ebenfalls Atomkraftwerke betreiben, grünen Strom an. Was ist daran grün?
Vahrenholt: Wir garantieren, dass dieser Strom ausschließlich aus regenerativen Energiequellen wie Wind, Solar, Biomasse oder Wasserkraft erzeugt wird. Für uns muss grüner Strom absolut CO2-frei sein ...
SPIEGEL: ... also kein Ausstoß von Kohlendioxid wie bei Kohlekraftwerken.
Vahrenholt: Er darf natürlich auch nicht aus Kernkraftwerken stammen.
SPIEGEL: In Deutschland herrscht bei den Verbrauchern eher Verwirrung angesichts der neuen Farbenlehre für den Stromeinkauf.
Vahrenholt: Genau deshalb brauchen wir ein verlässliches Qualitätssiegel für Ökostrom. Das könnte vom Umweltbundesamt als "Blauer Engel" oder als Gütesiegel vom TÜV kommen. Der Verbraucher ist nur zu gewinnen, wenn er nicht das Gefühl hat, behumpst zu werden.
SPIEGEL: Warum kümmert sich denn ein Mineralölkonzern plötzlich um die heimischen Steckdosen?
Vahrenholt: Damit das Klima unseres Planeten nicht aus den Fugen gerät, müssen wir den Kohlendioxidausstoß reduzieren. Um die Folgen der Klimakatastrophe wenigstens zu mindern, brauchen wir einen anderen Energiemix. Grüner Strom ist der langfristige Ausstieg von unten aus der Kohle- und Nuklearenergie.
SPIEGEL: Deshalb bekommen die Shell-Tankstellen jetzt Solardächer, oder bei den Raffinerien drehen sich einige Windmühlen. Sind das nicht nur Showeffekte?
Vahrenholt: Keineswegs, wir haben im Konzern ein eine Milliarde Mark teures Programm für die erneuerbaren Energien aufgelegt, da wir der festen Überzeugung sind, im nächsten Jahrtausend auf diesem Gebiet konkurrenzfähig sein zu müssen. Wir rechnen bis 2050 weltweit mit einem Anteil von 50 Prozent aus den neuen Energiequellen.
SPIEGEL: Wie wollen Sie das erreichen?
Vahrenholt: In China, Indien oder Südafrika ist Solarstrom längst rentabel. Auf
dem europäischen Markt wird Solarstrom zudem als Beimischung für umweltfreundliche Tarife nachgefragt werden. Wir arbeiten mit 70, demnächst 300 Handwerksbetrieben in Deutschland zusammen, um Solarenergie endlich auf deutsche Dächer zu bekommen.
SPIEGEL: Noch ist der Strom aus Siliziumzellen mit 1,50 Mark pro Kilowatt kaum konkurrenzfähig.
Vahrenholt: Das wird sich ändern, wenn erst einmal die Massenproduktion von Solarzellen in Gang kommt.
SPIEGEL: Von den 43 Millionen Stromkunden im Bundesgebiet haben sich erst 30 000 für einen grünen Tarif entschieden. Woran hapert es?
Vahrenholt: Vor allem am Preis. Ökostrom ist einfach teurer als anderer Strom. Daher ist Ökosteuer auf Ökostrom Unfug. Um die neuen Energien wettbewerbsfähig zu machen, brauchen wir - ähnlich wie bei der Kernenergie - eine massive öffentliche Förderung. Die demnächst fälligen vier Pfennig Ökosteuer auf ein Kilowatt grünen Strom verschlechtern drastisch die Absatzchancen.
SPIEGEL: Befreiungen von der Ökosteuer soll es aber nicht geben, dafür Förderung der Kraft-Wärme-Kopplung und des Solarstroms.
Vahrenholt: Von der rot-grünen Bundesregierung erwarte ich, dass sie die vergangene Woche angekündigten Korrekturen zu Gunsten der umweltfreundlichen Energien zügig umsetzt. Dazu gehört, dass das 100 000-Dächer-Programm des Bundes durch die geplante Einspeisevergütung von 99 Pfennig pro Kilowattstunde realisiert wird. Das ist ein wirklicher Durchbruch für die Solarenergie.
* Vor der Shell-Solarzellenfabrik in Gelsenkirchen.

DER SPIEGEL 48/1999
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