29.11.1999

JUSTIZ„Als ob es Dreck wäre“

Hausbesitzer hassen ihn, sein Kürzel „OZ“ prangt in Hamburg und anderen Städten über 120 000-mal. Vor Gericht wird jetzt entschieden, ob Deutschlands bekanntester Graffiti-Sprayer ins Gefängnis muss. Von Bruno Schrep
Er ist sehr leicht zu übersehen, dieser Walter F. Ein kleiner, schmächtiger Mann, hohlwangig, mit herunterhängenden Mundwinkeln im länglichen Gesicht, der zur grauen Hose einen grauen Pullover und graue Schuhe trägt.
Nicht zu übersehen sind die farbigen Zeichen, die Walter F. in Hamburg setzt: Sie finden sich überall; in den noblen Villenvierteln, am Hafen, in den Hochhaussiedlungen am Stadtrand.
Walter F. gilt als der bekannteste Sprayer Hamburgs, ist womöglich auch der bekannteste Sprayer Deutschlands. Dabei beschränkt sich seine Botschaft auf wenige Striche und Kreise.
Es ist meist das gleiche Kürzel, das er mal klein, mal groß, mal rot, mal schwarz, mal grün, mal blau auf Häuserwände und Verkehrsschilder schreibt: OZ. Das von Bussen, U-Bahn-Waggons und Telefonzellen leuchtet: OZ. Immer wieder OZ.
120 000-mal soll er diese zwei Buchstaben gesprüht oder mit Filzstift gemalt haben, vielleicht sogar mehr. Die Stadt ist von ihm gezeichnet. Der Schaden geht in die Hunderttausende. Auch in Bremen und Dortmund prangt das Kürzel inzwischen, sogar in Florenz bekritzelten Nachahmer antikes Gemäuer damit.
Was OZ bedeuten soll, will oder kann der Urheber nicht so genau erklären. "Vielleicht heißt es ja nicht OZ, sondern Oli oder Ossi", orakelt er, "vielleicht auch ganz was anderes" - es ist auch nicht so wichtig.
Hinter OZ verbirgt sich ein Mann, der mit unendlicher Zähigkeit und all seiner Energie gegen die eigene Bedeutungslosigkeit rebelliert: Seht her, es gibt mich! Einer, der einfach nicht aushalten kann, dass er auf der Werteskala tief unten steht: ohne Arbeit, ohne Geld. Nicht gut aussehend, nicht jung. Allein.
Für die Graffiti-Welle, die einst aus amerikanischen Großstadt-Ghettos herüberschwappte, ist er mit seinen 49 Jahren viel zu alt, ein Methusalem. Mit den coolen Jungs zwischen 13 und 20, die HipHop-Musik und Breakdance lieben und nächtens mit ihren Spraydosen Katz und Maus mit der Polizei spielen, verbindet ihn nur das Szene-Bekenntnis: "Graffiti ist mein Leben."
Witzig finden den alten Sprayer nur Menschen mit großem Verständnis für bizarre Selbstverwirklichung. Wut löst OZ hingegen bei denen aus, die sich oft genauso elend und unbedeutend fühlen wie er, sich jedoch nie trauen würden, deshalb Wände zu bemalen.
Der Fall OZ ist zum Test geworden, wie Bürger, Juristen, Polizisten auf Außenseiter reagieren, die sich beharrlich wie er allen Versuchen widersetzen, ihr Verhalten gängigen Normen anzupassen.
Vor Gericht, wo er derzeit zum wiederholten Male wegen Sachbeschädigung, Diebstahl von Spraydosen, Beleidigung von Polizisten und Schwarzfahren angeklagt ist, agiert Walter F. sperrig, mit schwergängigem Humor und viel, viel Wut im Bauch. Dabei entscheidet sich bei dieser Berufungsverhandlung, ob OZ erneut, wie schon 1998, ins Gefängnis muss oder noch einmal mit Bewährung davonkommt.
"Nein, ich bin nur ein armer kleiner Schmierfink", antwortet er auf die Frage des Gerichtsvorsitzenden, ob er sich als Künstler fühle - eine Ironie, die der Richter nicht so richtig versteht. Der Jurist fragt stattdessen weiter: "Warum malen Sie nicht mal ein schönes Bild?"
Tatsache ist: Walter F. kann überhaupt nicht zeichnen oder malen. Jedenfalls nicht im Sinne des Richters. Und auch nicht so wie andere Graffiti-Sprayer, die schon mal atemberaubend grelle, manchmal schockierend brutale Bilder, im Szene-Jargon "peaces" genannt, auf Brückenpfeiler oder S-Bahnhöfe sprühen.
Bevor er OZ malte, traktierte Walter F. Schaltkästen, Ampeln und Laternen jahrelang mit einer Zeichnung, die aus nicht mehr als einem Halbkreis und zwei Punkten bestand. Die so genannten Smileys sollten die Stadt "fröhlicher machen", versichert er - eine Illusion.
Der Mann, der sich das Lachen malen muss, erntet meistens Hass: Hausbesitzer, deren Eigentum beschädigt wird, wünschen ihn zur Hölle oder mindestens für immer in den Knast. Passanten, die ihn beim Sprayen beobachten, alarmieren per Handy die Polizei. Wachleute, die ihn ertappen, prügeln ihn schon mal krankenhausreif.
Wenn er nachts auf der Suche nach geeigneten Objekten durch die Stadt radelt, im Rucksack Sprühdosen und eine Taschenlampe, wird er manchmal observiert und verfolgt wie ein Schwerverbrecher. Beamte einer Graffiti-Sondergruppe beobachten ihn von weitem mit Ferngläsern, veranlassen per Funk seine Festnahme. Dabei gibt es regelmäßig Zoff.
"Er hat mich als Nazi beschimpft", beschwert sich ein Beamter vor Gericht. "Er hat mich in den Finger gebissen", klagt ein anderer. "Wir mussten ihn wegtragen", schildert ein Dritter.
Der Graffiti-Maler lässt sich schnell provozieren, und er provoziert auch selbst. Dabei geht er oft zu weit. Er spürt nicht, wie fahrlässig es klingt, wenn er sich wie einen verfolgten Juden darstellt oder wenn er die Beseitigung von Graffiti mit der nationalsozialistischen Bücherverbrennung vergleicht. Er spürt auch nicht, dass er die Toleranz der anderen oft zu sehr strapaziert.
Der Einzelgänger kann nicht begreifen, dass die Mehrzahl der Bürger seine Spuren nicht als farbige Alternative zu ödem grauem Großstadtbeton empfindet, sondern als unästhetische Schmiererei. Kritiker beschimpft er als "Sauberkeitsfanatiker".
OZ fühlt sich von Feinden umstellt. Den meisten Menschen begegnet er misstrauisch, ja ablehnend. Die Reaktion: Misstrauen, Ablehnung. Ein trauriger Kreislauf.
Walter F. war nie willkommen. Die Mutter gab ihr uneheliches Kind auf Drängen der Angehörigen kurz nach der Geburt in ein katholisches Heim. Blutsverwandte lernte er nie kennen. Die Nonnen seien zwar freundlich gewesen, erinnert er sich. Doch eine Schwester habe ihn immer gequält und gedemütigt, ihn als "Satansbrut" beschimpft, wegen seiner Hasenscharte. Um die Gaumenspalte zu beseitigen, wurde er später mehrfach operiert - der Erfolg ist mäßig.
Was folgt, ist eine Chronologie des Scheiterns. In der Schule wurde der Junge wegen seines Aussehens und seiner undeutlichen Aussprache gehänselt. Den Hauptschulabschluss packte er nicht, gab nach der siebten Klasse auf. Eine Gärtnerlehre brach er ab. Was bleibt, sind Gelegenheitsarbeiten.
Der Versuch, auszubrechen, führte ihn in den Siebzigern als Tramper bis nach Indien, Thailand und Indonesien. Wie arme Einheimische lebte er auf der Straße, schlief in Tempeln. Doch der Traum von einer Welt, in der Behinderung alltäglich ist und Menschen nicht allein nach Leistungsfähigkeit beurteilt werden, endete abrupt: Walter F. wurde aufgegriffen und nach Deutschland abgeschoben. Seit 1992 lebt er in Hamburg.
Ein Sozialfall. Unangepasst, widerborstig, nicht vermittelbar. Ein total isolierter Mensch, verbarrikadiert in einem kleinen Zimmer, ohne Freunde. Ein Mann, der sich eine Beziehung zu einer "starken Frau" wünscht, "nicht mit einer, die so viele Probleme hat wie ich". Doch diese starke Frau, schätzt Walter F., "werde ich sowieso nie finden, bei meinem Aussehen".
Irgendwann vor mehr als zehn Jahren fallen ihm die bunten Graffiti-Malereien in seinem Stadtteil auf, die Farbsignale jugendlicher Subkultur. Da ist er schon fast
40. Aus Walter F. wird erst Smiley und dann OZ. Sonst nichts.
Dass der Sprayer sein Selbstwertgefühl ausschließlich aus seinen Sprühaktionen bezieht, macht die Aufgabe des Gerichts, das im Dezember urteilen soll, so schwer.
Gehört Walter F., dem ein Gutachter verminderte Schuldfähigkeit zugebilligt hat, wirklich hinter Gitter, wie viele Bürger fordern? Oder gar in die geschlossene Abteilung einer Psychiatrie? Oder muss die Allgemeinheit einen Außenseiter, der aufgrund seiner Biographie und einer leichten Hirnerkrankung als eingeschränkt steuerungsfähig gilt, ertragen, im Klartext: sprühen lassen?
Denn die Hoffnung, er könnte plötzlich aufhören, ist eher gering. Mit Sprayen verbindet er seine Existenz.
Schon der verstärkte Einsatz von Reinigungskolonnen, die seine Spuren wegschrubben, macht ihn so verzweifelt, als fürchte er, dadurch selbst zu verschwinden. "Das ist eine Beleidigung, das können die doch nicht machen", klagt er. Und fügt hinzu: "Als ob''s der letzte Dreck wäre."
Da ist es ein großer Trost, dass Anerkennung und Respekt aus der Szene kommen. Die jugendlichen Mitglieder der Graffiti-Crew "DSF", was wahlweise mit "Das System färben" oder "Den Sinn finden" übersetzt wird, loben den alten Mann als Vorbild.
Die Jungs sind selbst oft tagelang unterwegs, um illegal und manchmal unter Lebensgefahr Fernzüge und Bahntunnel mit Farbkaskaden zu überziehen. Das Ergebnis fotografieren sie, bevor es getilgt wird, sammeln die Bilder in Fotoalben. "Etwas Geileres kann man nicht erleben", behauptet Crew-Mitglied Tobias.
Doch an so schwer zugängliche Stellen wie OZ haben sich selbst die Jugendlichen nicht immer getraut, und so oft wie er haben sie sich nicht annähernd verewigt. "OZ ist der King", sagt der 19-jährige Björn anerkennend. "Er ist der derbste Typ, den ich je getroffen habe", ergänzt der gleichaltrige Michael.
Als Walter F. von diesem Urteil hört, hellt sich sein sonst stets trauriges Gesicht plötzlich auf. Für einen Moment ähnelt es einem seiner Smileys.
* Mit seinem Hamburger Verteidiger Christian Helmke.
Von Bruno Schrep

DER SPIEGEL 48/1999
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