29.11.1999

ZEITGESCHICHTEDichter wäre er gern geworden

Der Ost-SPD-Mitgründer Steffen Reiche über den Tod von Ibrahim Böhme
Jetzt kommt er nie hinter die Bühne. Das ist vorbei. Mancher stirbt auf der Bühne und war trotzdem die meiste Zeit seines Lebens hinter der Bühne, backstage. Anders bei Ibrahim, wie er sich nannte.
Ibrahim war immer auf der Bühne und nie backstage, denn da begegnet man sich selbst. Er hat sich gespielt, aber er war nie er selbst. Er hat sich seine Geschichte zurechtgezimmert und bei Bedarf neue Zimmer hinzugefügt. Er hat immer mit großer Geste, mit großer Leidenschaft geredet. Weniger wichtig war, was er sagte, sondern dass er sprach, wie er sprach.
Seine Aura sprach mehr, als die Worte sagten, die er geschickt setzte. Sieht man ihn heute in Filmen, wirkt die Aura nicht mehr. Man weiß zu viel über ihn. Die Spannung, die ihn auflud wie wenige andere, ist nicht mehr da. Ohne Aura ist, was er sagt, banal. Aber damals sprachen noch seine Augen. Zu seinen Freunden, zu seinen Genossen, dann zu Millionen im Fernsehen. "Die Augen". Wie oft habe ich es damals gehört. Er faszinierte, weil man ihm glaubte, wenn er sagte, er wolle keine Macht, sondern Verantwortung. Aber er log wie fast alle, die das sagen. Er log, weil er weder Macht noch Verantwortung wollte. Er wollte geliebt werden. Nur dann vergaß er, dass er kein Geburtsdatum hatte, dass er eine Odyssee durch Heime und Familien hinter sich hatte. Aber die Liebe der Massen ist nicht verlässlich.
Ibrahim war Schauspieler. Er hat die vielen Rollen oft großartig gespielt. Doch er war nie ein großer Schauspieler. Denn der spielt seine Rolle zu Ende. Ibrahim aber schlüpfte ständig in eine neue.
Seine letzte Rolle vor dem Sturz war die größte: Er ist nach dem Fall der Mauer kometenhaft aufgestiegen und dann wie eine Sternschnuppe verglüht. Kaum jemand in der Wendezeit ist so hoch gestiegen und so tief gefallen. Sein Schicksal war das tragischste in jener Zeit.
Genosse Judas empfängt nicht mehr, und wenn er doch empfing, in dem Chaos seiner Wohnung in der Chodowieckistraße, dann erlebten die, die er vorließ oder zu sich rief, dass er beteuerte, abwiegelte, versuchte, die Geschichte neu zu erfinden.
"Der Tod steht vor der Tür, er will rein, aber ich lass ihn nicht." Er glaubte, dass er den Tod verhindern könnte wie seinen Zusammenbruch. Er ist nie zusammengebrochen. Körperlich schon. Seelisch nicht, denn alles, was Ibrahim berührte, wurde zu Ersatz von Verlorenem. Ein Mann ohne Eigenschaften.
Ein Teufel? Weil er gesagt hat, zitierend: "Ich bin die Kraft, die Böses will und Gutes schafft"? Nein, eher ein armer Teufel.
Dichter wäre er wohl wirklich gern gewesen. Aber so las er in einer Berliner Kirchengemeinde eigene Texte, und der einzige, der weinen musste, war er selbst. Alle anderen waren erst froh, als die Musik wieder begann und man etwas anderes hören konnte, um das unterträglich Peinliche zu vergessen.
Die Gründung der SPD in der DDR am 7. Oktober 1989 hat er nicht verhindert oder behindern wollen. Er berichtete darüber seinen Führungsoffizieren. Intensiv zeichnete er Gespräche auf. Das Stasi-Protokoll vermerkt an einem Punkt: "Quelle (IM Ibrahim) wechselt die Batterie."
Unsere erste Begegnung war schizophren. Denn sie fand nicht statt. Sein Name und die Chodowieckistraße im Prenzlauer Berg, wo er wohnte, waren als Kontaktadresse auf dem Aufruf zur Bildung einer SDP-Initiativgruppe verzeichnet. Ich hatte einen Aufsatz über die "Möglichkeit und Notwendigkeit sozialdemokratischer Politik in der DDR" geschrieben. Bei meinem Bemühen, den Vortrag in einer Kirchengemeinde zu halten, wurde mir das Flugblatt gegeben. Zigmal fuhr ich bei ihm vorbei, schob Zettel unter die Tür. Er machte nicht auf. Rief mich nicht an, gab kein Zeichen. Wochen später rief ich meinen Freund Martin Gutzeit an, traf mich mit ihm und bereitete dann die Gründung der SDP mit vor.
Mein Verhältnis zu Ibrahim war sehr herzlich, er faszinierte mich, und sein ständiges Unterwegssein war mir Indiz, dass er ständig im Untergrund arbeitete. So wie mir ging es vielen. Sie schrieben Ibrahim Böhme, dem Geschäftsführer der SDP, aber er erledigte seine Geschäfte nicht. Das änderte sich erst im Januar 1990, als wir zumindest gebäudemäßig das Erbe der Nationalen Front in der Rungestraße antraten. Irgendwann und irgendwie kamen Berge von Post, die an ihn gegangen waren.
Die SPD sah damals, wie ihr der Boden unter den Füßen wegrutschte. Der starke Kohl und die noch stärkere Mark (West) hatten alle Ressentiments gegen CDU und Blockparteien so verdrängt wie Kohl sichtbar Lothar de Maizière. Aber Ibrahim hatte die Macht des Wortes. Er verstand die Kunst der Inszenierung. Und wurde so, obwohl alles bekannt war, mit Pauken und Trompeten nicht fallen gelassen, sondern im September 1990 in den Parteivorstand der gerade wieder vereinigten SPD gewählt. Es gab viele, die gegen allen Augenschein um so leidenschaftlicher an ihm festhielten.
Wenn er heute anrufen und sagen würde: "Komm, ich will meine große Beichte ablegen." Würde man ihm glauben?
Ich würde alles stehen und liegen lassen und dennoch zu ihm fahren. Ja, ich würde ihn gern hinter der Bühne besuchen.
* Mit Willy Brandt auf dem Leipziger Parteitag im Februar 1990.
Von Steffen Reiche

DER SPIEGEL 48/1999
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 48/1999
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ZEITGESCHICHTE:
Dichter wäre er gern geworden

Video 02:21

Anschläge in Sri Lanka Videos zeigen mutmaßlichen Attentäter

  • Video "Istanbul: Wohnhaus stürzt Abhang hinunter" Video 00:48
    Istanbul: Wohnhaus stürzt Abhang hinunter
  • Video "Fotograf trifft Felsenpython: Die tut nix, die will nur beißen" Video 50:00
    Fotograf trifft Felsenpython: Die tut nix, die will nur beißen
  • Video "Erdbeben auf den Philippinen: Wasser stürzt aus Hochhaus-Swimmingpool" Video 00:51
    Erdbeben auf den Philippinen: Wasser stürzt aus Hochhaus-Swimmingpool
  • Video "Mobilitäts-Konzept: Der Innercity-Intercity-Airport" Video 03:45
    Mobilitäts-Konzept: Der Innercity-Intercity-Airport
  • Video "Illegales Haus auf dem Meer: US-Investor droht in Thailand Todesstrafe" Video 01:51
    Illegales Haus auf dem Meer: US-Investor droht in Thailand Todesstrafe
  • Video "Weltuntergangsstimmung: Die Böenwalze über der Stadt" Video 01:09
    Weltuntergangsstimmung: Die Böenwalze über der Stadt
  • Video "Wir drehen eine Runde - Suzuki Jimny: Klare Kante" Video 06:24
    Wir drehen eine Runde - Suzuki Jimny: Klare Kante
  • Video "Weg in die USA: Die tödliche Flucht der 7-jährigen Jakelin" Video 10:11
    Weg in die USA: Die tödliche Flucht der 7-jährigen Jakelin
  • Video "Anschlagsserie in Sri Lanka: Video zeigt weitere Explosion" Video 00:51
    Anschlagsserie in Sri Lanka: Video zeigt weitere Explosion
  • Video "Titelgewinn für PSG: Mbappé schießt Hattrick zur Meisterfeier" Video 02:01
    Titelgewinn für PSG: Mbappé schießt Hattrick zur Meisterfeier
  • Video "Meereswissenschaft: Durch die Augen eines Weißen Hais" Video 01:29
    Meereswissenschaft: Durch die Augen eines Weißen Hais
  • Video "Heilige Treppe in Rom: Freie Sicht auf den Leidensweg Jesu" Video 01:19
    "Heilige Treppe" in Rom: Freie Sicht auf den Leidensweg Jesu
  • Video "Parabel-Flug: Promi-Party in der Schwerelosigkeit" Video 03:36
    Parabel-Flug: Promi-Party in der Schwerelosigkeit
  • Video "Slackline-Artistik: Messerscharfer Salto auf der Wäscheleine" Video 01:33
    Slackline-Artistik: Messerscharfer Salto auf der Wäscheleine
  • Video "Anschläge in Sri Lanka: Videos zeigen mutmaßlichen Attentäter" Video 02:21
    Anschläge in Sri Lanka: Videos zeigen mutmaßlichen Attentäter