29.11.1999

21 Tonnen Gold im Keller

Alexander Schalck-Golodkowskis Geheimimperium KoKo: Äpfel für das Volk, Orchideen und Brillanten für die Funktionäre
Die Doktorarbeit ist fast 200 Seiten stark und trägt, wie es oft üblich ist, einen langen und komplizierten Titel. Doch die Dissertation ist in keinem Verzeichnis akademischer Schriften zu finden, und begleitet wurde sie von einem außergewöhnlichen Doktorvater: "Mielke, Minister für Staatssicherheit".
Einer der beiden Autoren heißt Alexander Schalck-Golodkowski. Das pseudowissenschaftliche Werk steckt voller einschlägiger Begriffe: "Nutzung des feindlichen Wirtschaftspotenzials", "Briefkastenfirmen", "hohe Gewinnaussichten".
Was Schalck 1970 an der Juristischen Hochschule Potsdam abgeliefert hat, liest sich wie eine Anleitung zum Wirtschaftsverbrechen: Die Autoren präsentieren eine Fülle von "Vorschlägen, um durch gezielte, offizielle und nichtoffizielle Maßnahmen zusätzliche Devisenquellen" zu erschließen. Bis zum Fall der Mauer realisierte Schalck Zug um Zug sein theoretisches Konzept mit Hilfe einer Spezialbehörde, die ein scheinbar harmloses Etikett trug: "Kommerzielle Koordinierung". Das Kürzel KoKo wurde schnell zum Synonym für Macht und Moneten.
Denn wo Geld war, da war auch Golodkowski, der einzige echte Kapitalist im DDR-Sozialismus. Formal war der sonnenbebrillte Schattenmann nur Staatssekretär sowie, als "Offizier im besonderen Einsatz" (OibE), Oberst der Stasi. Doch Schalck, der Berliner Genussmensch und Kunstliebhaber, verdiente im Jahr so viel wie ein Generalleutnant (54 750 Mark) und hatte mehr Macht als die meisten Minister.
Dem früheren Staatsanwalt (Ost) Peter Przybylski galt Schalck als "Tausendsassa der DDR-Korruption". Ex-Staatssekretär (West) Klaus Bölling charakterisierte ihn knapp: "Politkrimineller".
Schalcks KoKo dirigierte lukrative SED-Firmen und organisierte den illegalen Technologietransfer. Im Westen kassierte Schalck bei DDR-gesteuerten Unternehmen ab, die beinhart im kapitalistischen System mitmischten. Die KoKo verdiente beim Häftlingsfreikauf, verscherbelte Waffen und verschleuderte Antiquitäten - in toto 50 Milliarden Mark holte Schalck nach eigener Rechnung fürs Regime herein.
Das Netz seiner mehr als 220 Tarnfirmen überspannte die ganze Erde. Auch nach zwei Untersuchungsausschüssen des Deutschen Bundestags und etlichen staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsverfahren, die ungezählte Dokumente zu Tage förderten, ist Schalcks Imperium noch immer schwer zu durchschauen.
Die KoKo, wichtigste Wirtschaftsmacht der DDR, verfügte über rund 1000 Konten. Eine kleine Kernmannschaft von 100 Köpfen gab insgesamt 3000 Mitarbeitern Brot und Arbeit. Eine "Insel der Marktwirtschaft" sei Schalcks Behörde gewesen, beschönigte Kurzzeit-Staatschef Egon Krenz das KoKo-Wirken. "Tabus der Planwirtschaft" seien gebrochen worden, konstatierte auch Günter Mittag, im Politbüro zuständig für Wirtschaft; er schwärmte, die KoKo sei "der einzig wirksame praktische Reformschritt" auf ökonomischem Gebiet gewesen.
Den Wissenschaftlern des Hamburger "HWWA-Instituts für Wirtschaftsforschung" galt das Firmengeflecht eher als "militärische Organisation", "eine Art Mafia". Aber auch Gerhard Beil, Außenhandelsminister in Ost-Berlin und scharfer Konkurrent von Schalck, kritisierte die KoKo als "öffentliche Toilette der DDR".
Die Ursprünge des einmaligen staatlichen Sonderapparates reichen weit zurück in die Zeit des Kalten Krieges. Im April 1964, knapp drei Jahre nach dem Bau der Mauer, forderte die DDR-Führung Stasi-Mitarbeiter und Ökonomie-Experten auf, darüber nachzudenken, wie "am offiziellen Außenhandel vorbei Devisengewinne erwirtschaftet" werden könnten. Die schwache Mark der DDR hatte international keine Chance.
Schalck, damals Parteisekretär im Außenwirtschaftsministerium, machte das Rennen um den neu geschaffenen Chefposten; mit dem außergewöhnlichen Amt im Rücken baute er sich eine machtvolle Stellung auf. Schon früh, 1972, ordnete die DDR-Regierung an, KoKo-Konten dürften "nicht in die allgemeine Bankkontrolle einbezogen" werden - ein Freibrief für Schalck; fortan durfte nur er Auskunft über Geldbewegungen geben. Eines dieser Geheimkonten, Nummer 0628 bei der Deutschen Handelsbank, hatte sich Honecker persönlich reserviert. Hier, auf dem "Generalsekretärskonto", gingen unter anderem Gelder ein, die Ost-Berlin für die Freilassung der Häftlinge erhielt. Laut einer Honecker-Weisung mussten auf diesem Konto ständig "mindestens 100 Millionen" West-Mark vorhanden sein.
Der Staats- und Parteichef verfügte über das Guthaben mit der Selbstherrlichkeit eines absolutistischen Herrschers. Mal ließ er Getreide im Wert von 40 Millionen nach Mittelamerika schaffen, mal unterstützte er Polens Regierung mit 80 Millionen.
Das eigene Volk vergaß Honecker dabei nicht ganz. So orderte Schalck einmal bei einer Hamburger Firma "5000 Tonnen lagerfähige Äpfel" - zum Preis von zwei Millionen Mark, dem damaligen Gegenwert von 50 Häftlingen.
Ordentliche Rechenwerke hat es kaum gegeben. Quittungen, die etwa die Alimentierung der Wandlitz-Oberen durch Schalcks KoKo hätten belegen können, wurden auf Weisung von oben vernichtet. Zuständig für die Promi-Versorgung war Schalcks Ehefrau Sigrid, Stieftochter des langjährigen DDR-Pressechefs Kurt Blecha, wie ihr Mann Stasi-Offizier und laut Personalakte mit "klarem Klassenstandpunkt" ausgestattet. Sie organisierte den Spitzenfunktionären ein gutes Leben: Kaviar und Schampus, Kosmetik und Schmuck, Brillanten und Orchideen für die Damen, Gewehre für die Herren.
Die Koko sorgte sich auch um die eisernen Reserven des Arbeiter-und-Bauern-Staates. Jahrelang ließ Schalck hunderte Millionen gewinnbringend zwischen Berlin, Zürich und dem Fürstentum Liechtenstein zirkulieren - eine Ein-Mann-Bank zeichnete im Geldland Schweiz für die Transfers verantwortlich.
Im Giebelkeller des KoKo-Gebäudes lagerten für den Fall einer plötzlichen Zahlungsunfähigkeit über 21 Tonnen Gold - diese Menge Edelmetalls übertraf die Reserve der Staatsbank um das Fünffache.
Die Entscheidung, Gold zu kaufen, hatte Schalck allein gefällt, weil er "den dringenden Bedarf zur Lebenserhaltung der Menschen sicherstellen" wollte.
Skrupel hatte kaum jemand in der KoKo-Zentrale, Ost-Berlins Waffenhändler lieferten bedenkenlos gleichzeitig an die Kriegsgegner Iran und Irak. Und weil die befreundete Volksrepublik Mosambik ihre Schulden nicht abbezahlen konnte, musste sie der DDR Arbeitskräfte stellen - als seien es Sklaven.
Im Osten wusste außerhalb der Nomenklatura niemand etwas von der Behörde, die ein KoKo-Liquidator später als "In-
karnation von Amts- und Machtmissbrauch" bezeichnete. Im Westen hingegen kannten Sicherheitsbehörden wie der Bundesnachrichtendienst oder das Bundesamt für Verfassungsschutz - und damit die Regierung - spätestens seit 1975 das Ost-Berliner Milliardengeflecht.
So meldete im Dezember 1976 (Kennziffer: WIR M 0889/76) der Bundesnachrichtendienst nach Bonn, Schalck habe "bei der Realisierung der Westhandelspläne der DDR wichtige Funktionen" übernommen. Außerdem sei er "wegen der Beschaffung von Luxusgütern" innerhalb der DDR-Führung sehr beliebt.
Zwei DDR-Überläufer komplettierten Anfang der achtziger Jahre das Wissen der bundesdeutschen Behörden. Bonn hatte längst davon Kenntnis, dass Schalcks Firma erfolgreich im Westen operierte, dass KoKo-Geldkuriere die DKP finanzierten und Antiquitätenbesitzer in der DDR mit fingierten Steuerbescheiden erpresst wurden: Bürger, die sich nichts hatten zu Schulden kommen lassen, kamen wegen angeblicher Steuerschulden ins Gefängnis, ihr Besitz wurde anschließend gegen Devisen in den Westen verkauft.
Offenbar traute sich damals kein Bonner Politiker, das deutsch-deutsche Verhältnis mit solchen Wahrheiten zu belasten. Umso größer das gespielte Entsetzen, nachdem die Hülle DDR weggepustet worden war: Der KoKo-Boss kam in West-Berliner Untersuchungshaft - und bat händeringend, nicht in den Osten der Stadt überstellt zu werden.
"Ich gehe davon aus", sagte er seinen Vernehmern, "dass ich eine Untersuchungshaft in der DDR allenfalls eine Woche überleben werde." Am 9. Januar 1990 wurde Schalck aus der U-Haft entlassen. Lange blieb er unauffindbar. Gerüchte machten die Runde: Schalck beim israelischen Geheimdienst Mossad, Schalck bei der CIA, Schalck in Jugoslawien.
Derweil saßen der Gejagte und seine Frau Sigrid in München bei der Pfarrerswitwe Gertrud Rückert, natürlich inkognito, als "Pastorenehepaar Gutmann aus der DDR". Wenn Besuch kam, so schilderte die Pfarrerstochter und Journalistin Sabine Rückert in der "Zeit", sei der Ex-KoKo-Chef "hinter der Gardine abgestellt" worden. Die Gäste hätten "brav die Hände ineinander" gelegt, "wenn meine Mutter betete". Nur der Bruder habe ab und an das traute Beisammensein mit kecker Frage gestört. "Na, Herr Devisenbeschaffer, wo sind denn die Milliarden?" Da "blieb es still". Die Tochter bat er theatralisch: "Bitte schweigen Sie! Mein Leben liegt in Ihrer Hand."
Frau Rückert nahm nur 660 Mark für Kost und Logis, ehe sich Schalck nach ein paar Wochen in die Hände des Bundesnachrichtendienstes begab und am Tegernsee ein neues Zuhause fand. Er erhielt den ziemlich unpassenden Decknamen "Schneewittchen", traf seine Befrager mehr als 30-mal und galt schlussendlich trotz "weitschweifender Erläuterungen" als "äußerst kooperativ".
Dies hinderte Berliner Staatsanwälte jedoch nicht daran, gegen ihn dutzende von Ermittlungsverfahren einzuleiten und mehrere Anklagen zu erheben. Bislang liegt ein rechtskräftiges Urteil vor - 16 Monate auf Bewährung wegen Verstößen gegen das Embargo und wegen illegaler Waffengeschäfte. GEORG BÖNISCH
Im nächsten Heft
"Holt die Stricke!" - Sturm auf die Stasi-Burgen - Die Tschekisten meutern - Aufruhr im "Gelben Elend" - Putscht der Geheimdienst?
* Oben: in einer Schalck-Tarnfirma aufgefundene Gemälde; unten: Imes-Ware in Kavelstorf (1989).
Von Georg Bönisch

DER SPIEGEL 48/1999
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