29.11.1999

ENGLANDEllingtons letztes Gefecht

In Northumberland steht eines der ältesten Kohlebergwerke vor dem Aus. Ausgerechnet ein Handlanger des jugoslawischen Präsidenten Milosevic will den Pütt retten.
Der eiskalte Ostwind treibt die Schauer fast waagerecht an die Küste von Northumberland. Die Regentropfen schmecken nicht salzig, sondern nach Asche.
Es ist sieben Uhr morgens, und Alan Thomson hat seine Arbeit fast schon getan. Seine Wattejacke ist pitschnass. Mit beiden Beinen steht er knietief in den Wellen am Strand. Das Wasser ist so dunkelgrau wie die Sturmwolken, der Sand glänzt pechschwarz.
"Muss mich beeilen", nuschelt Thomson und stößt seine Schaufel kräftig ins Watt. Dann holt er eine Schippe voller Kohlen aus dem Meer und kippt sie auf die Ladefläche seines Einspänners. Roger, das Zugpferd, steht mit den Hufen in der Flut und bockt, weil der Pegel steigt.
Thomson, der "Sea-Coaler", nährt sich von den Resten einer großen Epoche. Seit mehr als 40 Jahren verkauft er die vom Salzwasser rundgewaschene Kohle, die Transportschiffe beim Verladen im Hafen von Ellington verloren haben. Die Flut spült sie täglich ans Ufer.
Wenn der Verkauf des Kohlefangs nicht reichte zum Leben im Reihenhaus, hat ihn seine Frau unter Tage geschickt. Dann ist Thomson mit den Kumpel 120 Meter tief in die Erde gestiegen. Sieben Meilen meereinwärts breitet sich die Mine unter der Nordsee aus, hundert Jahre haben die Leute hier von diesem Pütt gelebt. Früher fuhren ein paar tausend Kumpel ein, heute sind es noch knapp 400. "Bald ist es vorbei mit Ellington", sagt Thomson und wischt sich den Regen aus dem Gesicht.
Thomson wird wahrscheinlich der letzte Kumpel der Grafschaft Northumberland sein, dem ältesten Kohleabbaugebiet Englands zwischen Newcastle und Schottland. Der Job des "Sea-Coaler" ist nicht gefährdet, es liegt noch genug Brennstoff auf dem Meeresgrund. Doch für die Bergleute von Ellington Colliery ist im Februar voraussichtlich Schluss: Findet sich bis dahin kein neuer Besitzer, will die Betreibergesellschaft RJB-Mining die Mine schließen.
Thomson hat von dem Italiener gehört, der Ellington kaufen will. "Komischer Typ muss das sein", sagt er achselzuckend. Der 57-Jährige hat zwar mit 15 Jahren die Schule verlassen, aber dass Kohleabbau in England sich kaum noch rechnet, weiß er auch.
Ian Lavery, Funktionär der Bergarbeitergewerkschaft NUM, weiß nicht so recht, was er von dem plötzlichen Kaufangebot dieses römischen Geschäftsmanns halten soll. Nervös rutscht er im Gewerkschaftshaus der Mine auf seinem Bürostuhl herum. Einerseits wäre es ein Geschenk des Himmels, könnte Ellington gerettet werden. Schließlich haben die Bergleute hier nach dem großen Streik vor 15 Jahren schon genug geblutet.
200 000 Mitglieder hatte die vom Arbeiterführer Arthur Scargill dirigierte NUM damals. Heute sind es gerade noch 5001. William Bolton, 49, seit 34 Jahren im Pütt, heute als Ingenieur, dürfte in seinem Alter keinen Job mehr bekommen. Sein Bruder ist vor kurzem nach Australien ausgewandert, denn in dieser Region Northumberlands gibt es kaum Arbeitsplätze. In einigen Vierteln der Bergarbeiterstädte liegt die Erwerbslosenquote bei über 50 Prozent.
Bolton plaudert nach der Schicht im Gewerkschaftshaus gern mit seinen Kumpel. Die Devotionalien an den Wänden, Porzellanteller mit Kampfaufschrift, Arbeiterwimpel, Solidaritätstelegramme, erinnern ihn an bessere Zeiten.
Das Foto vom Northumberlander Streikkomitee 1974 zeigt 50 Funktionäre. Ihre Blicke sind stolz. Damals hat die NUM den Premierminister Edward Heath mit zu Fall gebracht. Hier in Ellington schlug die Arbeiterbewegung ein paar ihrer großen Schlachten, doch das letzte Gefecht fällt traurig aus: Heute können sich die Gewerkschafter in ihrer Zentrale nicht einmal mehr eine Teilzeitkraft leisten, die das Telefon abhebt. Nur der Anrufbeantworter läuft.
Jede Mine, die in Betrieb bleibt, verlängert auch das Leben der NUM. Und Kumpel wie Bolton wollen von Ian Lavery wissen, ob sie wieder hoffen dürfen. Lavery ist hin- und hergerissen. Er würde die Mine auch dem Teufel verkaufen, wenn sie nur weiter läuft. Andererseits ist er ein Linker: "Wir reden hier doch über einen verdammten Faschisten, oder?"
Giovanni Di Stefano ist Generalsekretär des "Partito Nazionale Italiano", einer faschistischen italienischen Splitterpartei. Er rühmt sich bester Kontakte zu Saddam Hussein, Slobodan Milosevic und Zeljko Raznatovic, der auf dem Balkan besser unter dem Namen Arkan bekannt ist und vom Haager Kriegsverbrechertribunal gesucht wird. Gemeinsam mit Arkan kontrolliert Di Stefano den jugoslawischen Fußballclub Obilic. Dessen Fanclubs sollen Keimzellen paramilitärischer Banden gewesen sein, die in Bosnien und im Kosovo mordeten und vergewaltigten. Für Di Stefano sind das natürlich ungerechte Anschuldigungen: "Wir hatten bisher einfach eine schlechte Presse."
Mit zunächst rund zehn Millionen Mark, behauptet Di Stefano, sei Ellington Colliery wieder flott zu machen. Der Italiener gefällt sich in der Rolle des Wohltäters.
Noch vor ein paar Tagen, rühmt er sich, habe er mit dem für die Energieversorgung zuständigen serbischen Minister telefoniert. Nach Serbien und an zwei afrikanische Staaten will er später die Kohle verkaufen, denn seit die Kfor-Truppen im Kosovo stehen, muss Slobodan Milosevic auf die Kohle aus den Bergwerken bei Pristina verzichten. Kohle steht nicht auf der internationalen Embargoliste gegen Serbien, deswegen wäre der Export legal.
Di Stefano will englische Kohle sogar nach Russland verkaufen, die dort aber nur die Hälfte kostet. Versprechungen sind seine Profession: In Schottland erinnern sich noch viele Fußballfans an seinen Namen, weil er den finanzschwachen Fußballverein Dundee kaufen wollte. Als ruchbar wurde, mit wem Di Stefano verkehrt, platzten die Verhandlungen. Das Geld, mit dem er nun Ellington erwerben will, stamme nicht von der serbischen Regierung oder von Arkan, beteuert er vorbeugend in breitem Cockney-Englisch - Di Stefano ist in Großbritannien aufgewachsen und spricht besser Englisch als Italienisch. Die Verhandlungen mit RJB Mining seien "fast abgeschlossen".
Diese Formulierung hält Stewart Olivier, Sprecher des Unternehmens, zwar für "etwas übertrieben". Trotzdem bekräftigt er: "Wir nehmen das Angebot von Mr. Di Stefano ernst." Die britische Regierung ließ mitteilen, sie würde einen Verkauf an Di Stefano, so er alle offiziellen Voraussetzungen dafür erfülle, nicht verhindern.
Arthur Scargill, Chef der Gewerkschaft und einstiger Anführer der Streikbewegung gegen Maggie Thatcher, steht mit dem Interessenten seit Wochen in Kontakt. Der Italiener kennt inzwischen sogar die geheime Telefonnummer des linken Arbeiterführers. Es sei immerhin besser, sagt Scargill mit einem Seitenhieb auf seinen Intimfeind Tony Blair, "englische Kohle nach Jugoslawien zu bringen, als dort englische Bomben abzuwerfen".
Für solche Sätze bedankt sich Di Stefano artig. Er teile Scargills politische Ansichten zwar nicht, sei aber von Leuten wie ihm beeindruckt, "weil sie starke Überzeugungen haben und dafür eintreten - so wie die Serben auch".
Um Ellington Colliery zu kaufen, müsste sich Di Stefano bei einer staatlichen Behörde um eine Minenlizenz bewerben. Das hat er bisher nicht getan. Sollte er es tun und irgendwann englischen Boden betreten, könnte er sofort festgenommen werden. "Wir suchen den Mann", so ein Polizeioffizer in Suffolk, "wegen des Verdachts betrügerischer Geschäfte."
Auch für diesen Haftbefehl hat Di Stefano natürlich eine Erklärung. Es gebe in England Leute, die seinen Ruf beschädigen wollen, weil er mit Milosevic verbandelt sei. Probleme sieht der Italiener erst dann auf sich zukommen, wenn er Kohle an Saddam Hussein liefern will. "Das ist bisher noch verboten - leider." CLAUS CHRISTIAN MALZAHN
* 1995 während des Kriegs in Ostslawonien.
Von Claus Christian Malzahn

DER SPIEGEL 48/1999
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


  • Parabel-Flug: Promi-Party in der Schwerelosigkeit
  • Slackline-Artistik: Messerscharfer Salto auf der Wäscheleine
  • Ungewöhnlicher Trip: Weltreise für 50 Euro
  • "Horrorhaus" in Kalifornien: "Meine Eltern haben mir das Leben genommen"