29.11.1999

LITERATURBerliner Zeitsprünge

In seinem neuen Roman blickt der talentierte Erzähler Ulrich Peltzer zurück auf die wilden Jahre vor dem Mauerfall.
Wo sind sie hin, die wilden Träume der Jugend, die Lust am Aufbegehren und am Aufgehen in der Gruppe, im Kollektiv? Und wohin entfleucht jene Zeit, als die umtriebigen Schüler und Studenten nur die Alternative kannten: "Alle oder keiner"?
Der Psychologe Bernhard, der damals dabei war, lebt heute in einer ganz anderen Welt, im Berlin nach der Wende, als Mitarbeiter an einem Forschungsinstitut der Freien Universität. Er ist Ende 30 und kann von sich sagen: "Geld war endlich vorhanden." Freilich lebt er immer noch in einer Wohngemeinschaft, hat keine Familie, und sein auf fünf Jahre befristeter Vertrag wird demnächst auslaufen. Ein bürgerliches Leben auf Abruf.
Bernhard war im Grunde nie richtig dabei. Auch damals, bei den linken Kongressen und den wilden Straßenschlachten, gehörte er eher zu den Mitläufern und Beobachtern - das wird deutlich, als er seiner jungen Freundin Christine auf deren Wunsch ("Ich kenne sonst wenig Leute, die damals jung waren") die alten Geschichten zu erzählen beginnt.
"Alle oder keiner", wie ein Zitat in Anführungszeichen gesetzt: So heißt der Titel von Ulrich Peltzers drittem Roman, dessen Kern jene Geschichten bilden*. Die Aufforderung der jungen Geliebten steht fast
am Ende des Buches, am Anfang wird der Leser wie bei einem Filmtrailer in eine bewegte Massenszene hineingezogen: Rund 200 Demonstranten, unter ihnen Bernhard und sein spanischer Genosse Florencio, liefern sich eine Straßenschlacht mit der Guardia Civil. Dann ein Sprung ins Berlin der neunziger Jahre: Bernhard bereitet sich in Gedanken auf das Institutsplenum am nächsten Tag vor.
Der Autor Peltzer, 42, kennt sich in der Stadt aus. Er kam Mitte der siebziger Jahre zum Studieren hierher und hat Berlin später als Schauplatz für seine Bücher entdeckt. Drei Romane in zwölf Jahren: Das spricht nicht für Vielschreiberei, da geht einer zögerlich und bedacht dem schriftstellerischen Handwerk nach.
Sein dritter Roman ist denn auch mit Signalen erzählerischer Skrupel und der Skepsis gegenüber einem flüssigen Schreibstil durchsetzt. Immerhin hat Peltzer es geschafft, damit an die Spitze zwar nicht der Bestseller-, so doch der Südwestfunk-Bestenliste zu kommen. Doch ob ihm wirklich der "politische Roman seiner Generation" gelungen ist ("Frankfurter Rundschau"), bleibt noch sehr die Frage.
Im Grunde wirkt das Buch wie eine kompakte und aktualisierte Kurzfassung der ersten zwei Romane Peltzers, die beim Publikum nicht besonders erfolgreich waren: "Die Sünden der Faulheit" (1987) und "Stefan Martinez" (1995). Das Debütwerk führte spannend die wilden Zeiten im Westteil der Stadt vor, frühe achtziger Jahre: das zur Krimi-Groteske verzerrte Leben in der "Kadaverstadt" ("In Berlin trank jeder, oder nahm Drogen"). Mit dem ehrgeizigen, weit über 500 Seiten starken Roman "Stefan Martinez" überhob sich Peltzer, als er den großen Bogen bis in den Ersten Weltkrieg zu spannen versuchte.
In seinem dritten Roman nun bietet Peltzer wiederum ein sehr präzises, geradezu detailverliebtes Porträt von Berlin - gewissermaßen auf den neuesten Stand gebracht. Wichtiger aber noch sind dem Autor und seinem Helden - mit Christine als Adressatin - die Rückblenden auf die bewegten Zeiten seit Mitte der siebziger Jahre. Wie Bernhard einst als Schüler alle Artikel zum Putsch in Chile "ausgeschnitten und in einer Mappe gesammelt" hat, wie die Schulklasse dem Chefarzt einer psychiatrischen Klinik kritische Fragen stellte ("Zusammenhang von Kapitalismus und Schizophrenie"), wie er als Student in Bologna auf einem Kongress im Jahr nach dem Giftskandal von Seveso Florencio kennen lernte - das alles wird umkreist und aufgeblättert.
Auch von der Liebe ist die Rede, besonders von einer Begegnung in Bukarest, die dem zu einem - nun wissenschaftlichen - Kongress angereisten Psychologen "einen Riss in mir" aufdeckte, wie es wenig verlockend heißt. Überhaupt wird das erotische Vorleben Bernhards überaus dezent abgehandelt. Das mag angesichts der geliebten Zuhörerin verständlich sein.
Gleichzeitig strengt sich der Erzähler an, die Mühen der Erinnerung formal zum Ausdruck zu bringen, er will nicht einfach nur gradlinige Erzählungen oder geschlossene Episoden bieten. Christine nämlich ist Schriftstellerin, eine Anfängerin zwar noch, doch eine mit formalem Ehrgeiz: "sich aneinander reihende Sätze, einsetzend an einer bestimmten Stelle, Schnitt durch die Zeit".
Da möchte der Forscherfreund nicht zurückstehen und zerstückelt seine Geschichte in ausfransende Erinnerungsschübe, deren Ineinanderfließen durch einen verschwenderischen Umgang mit dem Komma gezeigt werden soll. Ein Punkt ist da ein Segen. Allzu beflissen sind in den Roman Hinweise eingestreut, wie der stockende Erzählfluss und die formalen Anleihen beim Kino zu deuten sind - als eine Geschichte, "an deren Schnittstellen wir entlangtaumeln", gefügt aus Schnipseln, da Erinnerung "kein historisches System oder eine logische Tabelle" ist.
Bernhard, der seine "verdrehte Form von Ehrgeiz" beklagt, hätte als Psychologe wissen müssen, dass niemand radikal und direkt von sich erzählen kann, der sich damit bei einer jungen Frau ins rechte Licht setzen möchte.
Das gilt ebenso für den Autor: Zum dritten Mal hat Ulrich Peltzer sein großes Talent gezeigt. Vorerst aber bleibt er, was er seit 1987 ist: eine große Hoffnung der deutschen Literatur. VOLKER HAGE
* Ulrich Peltzer: ",Alle oder keiner''". Ammann Verlag, Zürich; 248 Seiten; 36 Mark.
Von Volker Hage

DER SPIEGEL 48/1999
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