29.11.1999

ALTERNLanges Leben mit p66-Pille?

Der Immunologe und Krebsforscher Peter Krammer über Methusalem-Mäuse, Pillen zur Lebensverlängerung und den Prozess des Alterns
Krammer, 53, ist Zelltod-Experte im Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Er ist fasziniert von einem Experiment, das in der vorvergangenen Woche in der Zeitschrift "Nature" veröffentlicht wurde. Wissenschaftlern des Europäischen Instituts für Onkologie in Mailand war es gelungen, mit Hilfe der Gentechnik Mäuse zu erzeugen, die sieben Monate länger leben als ihre normalen Artgenossen - wie es scheint ohne Nebenwirkungen. -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Herr Professor Krammer, wie lautet das Rezept, um Methusalem-Mäuse zu erzeugen?
Krammer: Giuseppe Pelicci und seine Mitarbeiter haben im Erbgut der Mäuse das Gen für ein Eiweiß abgeschaltet. Es scheint unter anderem für die Steuerung des Selbstmordprogramms der Zellen zuständig zu sein, die so genannte Apoptose. Die Zellen leben deshalb länger und das ganze Tier offenbar auch.
SPIEGEL: Dürfen wir uns demnächst auch über den ersten 150-jährigen Menschen aus dem Genlabor freuen?
Krammer: Da werden Sie sich noch eine ganze Weile gedulden müssen. Dazu müsste man ja ein Gen im Menschen ausschalten, und daran denkt niemand. Eines kann man aber sagen: Das entsprechende Gen, es heißt "p66", gibt es auch in unserem Erbgut. Insofern sind diese Ergebnisse auch für den Menschen von Bedeutung.
SPIEGEL: Was lehrt Sie denn das Experiment mit diesen supergreisen Mäusen?
Krammer: Wir können daraus einiges über den Prozess des Alterns lernen. Wir sind gegenwärtig dabei zu verstehen, was das Altern auf molekularer Ebene eigentlich bedeutet. Und wenn sich die Ergebnisse aus Mailand reproduzieren lassen, dann ist das ein wichtiger weiterer Baustein. Schritt um Schritt können wir uns dann daranmachen, diese Bausteine zu einem vollständigen Bild zusammenzusetzen.
SPIEGEL: Unter den Forschern scheint es vor allem zwei Theorien des Alterns zu geben: Die einen sagen, es sei ein langsamer Verschleißprozess. Im Lauf des Lebens sammeln sich demnach immer mehr Defekte an, bis der Körper schließlich immer schwächer wird. Die anderen behaupten, es gebe Schalter im Erbgut, die das Leben begrenzen. Die Evolution habe sie entwickelt, damit die Alten ihren Kindern und Enkeln Platz machen. Welche Theorie wird denn durch dieses Experiment untermauert?
Krammer: Meines Erachtens nach die Verschleißtheorie. Denn das p66-Eiweiß spielt bei der Kontrolle von Stressfaktoren eine sehr interessante und komplizierte Rolle: Einerseits löst es in Zellen ein Selbstmordprogramm aus, wenn sie durch Strahlung oder aggressive Stoffe so weit geschädigt sind, dass sie dem Organismus eher schaden als nützen. Andererseits steuert dieses Eiweiß auch die Reparaturmechanismen, mit deren Hilfe die Zellen leichte Schäden wieder beheben.
SPIEGEL: Aber offenbar funktioniert dieses Eiweiß doch wie ein Schalter, der, einmal angeknipst, zum Selbstmord der Zellen führen kann. Unterstützt das nicht die These von der aktiven Selbstauslöschung des Lebens?
Krammer: Es sieht natürlich immer schön aus, wenn man den großen Bogen der Evolution schlagen kann. Aber so einfach ist es nicht. Die Signalwege in einer Zelle sind unglaublich unübersichtlich. Das p66-Eiweiß macht noch viele andere Dinge. Es löst zum Beispiel offensichtlich auch Wachstumsprozesse aus. Es ist überhaupt nicht klar, in welche Prozesse dieses Molekül noch alles verwickelt ist. Die Vorstellung von einem natürlichen Selbstmordschalter ist jedenfalls viel zu einfach.
SPIEGEL: Das heißt, Sie halten Strahlung und aggressive Stoffe wie Sauerstoff-Radikale für die entscheidenden Faktoren, die den Menschen altern lassen?
Krammer: Das ist sicher eine der spannenden Fragen für das nächste Jahrtausend. Das Einzige, was wir durch den Versuch wissen, ist, dass aggressive Moleküle, die so genannten freien Radikale, beim Altern eine große Rolle spielen. Entstehen zu viele davon, stirbt man schneller; hat man weniger davon, lebt man länger.
SPIEGEL: Auf welche Weise greifen diese Moleküle die Zellen an?
Krammer: Das sind wirklich scharfe Waffen, die alles angreifen. Weil sie hoch reaktiv sind, verändern sie Eiweiße in den Zellen. Und wenn zu viele Eiweiße geschädigt sind, funktioniert der Stoffwechsel der Zellen nicht mehr richtig. Das wiederum beschleunigt den Alterungsprozess. Bei wirbellosen Tieren wie dem Fadenwurm Caenorhabditis elegans ist dieses Phänomen schon länger bekannt. Der Maus-Versuch ist jetzt der erste Hinweis, dass dies auch für Wirbeltiere gilt.
SPIEGEL: Aber freie Radikale sind doch schon seit 45 Jahren als Auslöser des Alterns im Gespräch. Aus diesem Grund gibt es schließlich den populären Rat, sich mit Vitamin E und C als "Radikalfänger" davor zu schützen.
Krammer: Ich weiß, es heißt immer: "Esst viel Gemüse, dann kriegt ihr keinen Krebs." Aber erst jetzt, durch das Ausschalten von p66, kann man die negative Wirkung der freien Radikale auch direkt beim Säugetier nachweisen und untersuchen. Das ist ein wesentlicher Unterschied.
SPIEGEL: Warum entstehen diese aggressiven Radikale im menschlichen Körper?
Krammer: Das sind Moleküle, die ständig als Zwischenprodukte chemischer Prozesse entstehen, vor allem bei der Zellatmung. Aber gleichzeitig nutzt der Körper diese Stoffe auch als Waffe. Einige Zellen des Immunsystems zum Beispiel stellen sie her, um Bakterien zu killen.
SPIEGEL: Ihre Mailänder Kollegen behaupten, ihren genetisch veränderten Versuchsmäusen gehe es prächtig. Sie pflanzen sich sogar problemlos fort - anders als andere Mäuse, die dank strikter Diät zwar auch länger lebten, aber zugleich unfruchtbar wurden. Wenn aber das Ausschalten von p66 den Tieren nicht schadet, wozu hat die Natur dieses Gen überhaupt geschaffen?
Krammer: Das frage ich mich auch, wenn ich mir die Studie ansehe. Ich nehme an, es kommt entscheidend darauf an, unter welchen Bedingungen die Mäuse gelebt haben.
SPIEGEL: Die Mailänder sagen, sie hätten sie stressfrei in Käfigen gehalten. Jetzt soll geprüft werden, wie zum Beispiel der Stress, eine Katze zu sehen, auf die Mäuse wirkt.
Krammer: Eine Katze neben dem Käfig ist eine Sache, aber andere Stressfaktoren sind wahrscheinlich viel wichtiger. Im Käfig sind die Tiere viel weniger Krankheitserregern ausgesetzt als in der freien Wildbahn. Während einer bakteriellen Infektion werden viele freie Radikale gebildet, vor allem von den Abwehrzellen des Körpers selbst. Vielleicht würde sich da plötzlich das Fehlen des intakten p66-Gens als sehr schädlich erweisen. Ich schlage vor, die Mäuse mit Bakterien zu infizieren und zu testen, ob sie das überleben.
SPIEGEL: Wäre es denn, statt einer Genmanipulation, denkbar, das p66-Molekül mit Hilfe eines Medikaments zu blockieren und so dem Menschen zu mehr Lebensjahren zu verhelfen?
Krammer: Sie meinen: Schlucken wir jetzt 'ne Pille, vernichten wir damit p66, und schon werden wir alle 50 Jahre älter? So wird es wohl kaum gehen. Eine Frage ist zum Beispiel: Was würde in 10 oder 20 Jahren geschehen, wenn man so ein Kontroll-Eiweiß ausschaltet? Die Maus hat ja ein relativ kurzes Leben, nur zwei bis drei Jahre. Niemand kann sagen, was geschieht, wenn man so ein System über ganz lange Zeit abschaltet.
SPIEGEL: Welche Nebenwirkungen wären denn denkbar?
Krammer: Prinzipiell ist es immer heikel, wenn man mit der Apoptose herumspielt. Zu viel davon führt zu Aids oder degenerativen Hirnerkrankungen, zu wenig kann bedeuten, dass sich Tumoren bilden oder dass Autoimmunerkrankungen entstehen. Deshalb könnte diese Arbeit aus Italien uns auch helfen, die Krebsentstehung besser zu verstehen.
SPIEGEL: Sollte irgendwann ein Medikament zur Lebensverlängerung zum Test freigegeben werden, würden Sie es probieren?
Krammer: Nein, da bin ich sehr konservativ. Man wüsste ja nicht, was man sich damit noch alles einhandelt. Ein verlängertes Leben mit einer reduzierten Infektionsabwehr und ständigen Lungenentzündungen stelle ich mir nicht so toll vor.
INTERVIEW: HARRO ALBRECHT
[Grafiktext]
Greise Mäuse aus dem Genlabor Wirkungsweise des p66-Proteins Das p66-Eiweiß hat vor allem zwei Funktionen: (1) Solange die Zellen der Maus keinem inne- ren oder äußeren Stress durch aggressive Mole- küle - so genannte freie Radikale - ausgesetzt sind, bremst p66 die Re- paraturmechanismen. (2) Bei extremem Stress durch freie Ra- dikale leitet p66 die Apoptose, den Selbst- mord der Zelle, ein. Bei genmanipulierten Labor- mäusen, die kein p66- Eiweiß produzieren, arbeiten die Reparaturmechanismen ungehemmt, außerdem fehlt der Apoptose-Auslöser. Ihre Lebenszeit verlängert sich so um bis zu 30 Prozent. Ob die Methusalem-Mäuse in freier Natur anfälliger für Infekte oder Krebs sind, ist noch ungeklärt. Bildunterschriften: mittlere Lebensdauer von normalen Labormäusen: 760 Tage von Mäusen ohne p66-Eiweiß: 970 Tage
[GrafiktextEnde]
Von Harro Albrecht

DER SPIEGEL 48/1999
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