17.06.2017

Ein deutsches Versagen

Industrie und Politik müssen sich vom Dieselmotor verabschieden – und endlich modern werden.
Nichts symbolisiert das deutsche Wirtschaftswunder stärker als das Auto. Modelle wie VW Käfer, Opel Rekord oder Mercedes-Benz 190 strahlten den Stolz einer aus Ruinen entstandenen Nation aus. Die für ihre Verbrechen geächteten Deutschen waren plötzlich geachtet – für ihre Ingenieurskunst. Das Auto bekam einen fast mythischen Stellenwert.
Im Jahr 2017 sind deutsche Autos und Ingenieure viel zu oft ein Anlass, sich aufzuregen. Insbesondere wer einen deutschen Diesel fährt, hat derzeit allen Grund, kräftig ins Lenkrad zu beißen. Selbst nagelneue Exemplare verlieren stark an Wert, weil dem Dieselauto Fahrverbote drohen. Hamburg will bestimmte Straßen sperren, Stuttgart macht die City ab kommendem Jahr dicht, München hat ähnliche Pläne. Weil Dieselmotoren Stickoxide und Feinstaub erzeugen, die die Gesundheit gefährden.
Statt sich dieser Realität zu stellen, hat die deutsche Autoindustrie die Belastungen durch den Diesel mit regelrecht krimineller Energie zu vertuschen versucht. Bei VW, bei Audi – und wie Recherchen des SPIEGEL jetzt zeigen: wohl auch bei Porsche. Dem Modell Cayenne, um das es geht, drohen nicht nur Wertverluste, es könnte seine Zulassung verlieren.
Zunächst erzählten die Autobauer den Kunden, sie würden mit dem Kauf eines Diesels etwas Gutes für die Umwelt tun. Der Staat subventioniert das Ganze mit vielen Steuermilliarden, und nun heißt es plötzlich: Ein Diesel ist so dreckig, dass man damit nicht mehr in die Stadt darf. Die Käufer fühlen sich zu Recht verschaukelt.
Sollten Politik und Industrie jetzt nicht umdenken, versündigten sie sich an einer einst stolzen Branche – und riskierten Hunderttausende Arbeitsplätze, die die Autobauer bislang stellten. Die Entscheider in Konzernen und Ministerien stehen vor der letzten Ausfahrt. Sie müssen den ökologischen wie technologischen Irrweg endlich verlassen. Sonst riskieren sie den Wohlstand des Landes.
Das Umsteuern muss mit einer schmerzhaften Einsicht beginnen: Der Diesel ist tot. Damit die Motoren halbwegs sauber arbeiteten, müsste ein Aufwand betrieben werden, der sich für die meisten Modelle nicht rechnet. Elektrofahrzeuge lassen sich dagegen bald viel billiger produzieren als Autos mit Verbrennungsmotor. Der Zeitpunkt, an dem sie deutlich günstiger sein werden, ist näher, als deutsche Automanager denken. Andere waren da weitsichtiger: Die Japaner setzten auf eine Mischung aus Benzin- und Elektromotor. Ihre Hybride sind sparsamer als viele Diesel – mit ihnen sind die Japaner schon auf halbem Weg in der Zukunft, die den reinen Elektrofahrzeugen gehören wird.
Die Chinesen haben die deutschen Autobauer gar in der Hand. Sollten ihre Machthaber die Metropolen für Autos mit Verbrennungsmotor abriegeln, was gut möglich ist, würde das deutsche Hersteller besonders treffen. Zumal sie, anders als chinesische Autobauer, kaum passende Elektroautos in ihrem Portfolio haben.
Dass die deutsche Autoindustrie in diesem Dilemma steckt, ist auch dem Versagen der deutschen Politik geschuldet. Sie schaute bei all den schmutzigen Tricks viel zu lange weg. Sie gab Lobbyisten nach, die weiche Grenzwerte verlangten. Sie stand stets schützend vor ihren Autokonzernen – und schmälerte so deren Zukunftschancen. Und sie tut es immer noch: Kanzlerin Merkel und ihr Vizekanzler Gabriel drängten erst kürzlich in Peking darauf, dass deutschen Autofirmen in China keine Verkaufsquote bei Elektrofahrzeugen auferlegt wird.
Dabei wäre solch ein politisches Instrument genau richtig, auch im eigenen Land. Nur so lässt sich der Übergang ins Zeitalter der Elektromobilität fördern. Nur strenge, stetig niedrigere Grenzwerte können der Autoindustrie den Weg weisen.
Die notwendige Verkehrswende darf sich nicht darauf beschränken, Verbrennungs- durch Elektromotoren zu ersetzen. Autos sind nicht nur im fahrenden Zustand ein Problem für die Städte, sondern auch, wenn sie stehen – und das tun sie 95 Prozent des Tages. Zu einer sinnvollen Verkehrspolitik würde auch gehören, die Einfahrt in die Städte zu erschweren, wenn diese voll sind. Niemand müsste in der neuen Verkehrswelt an Bequemlichkeit einbüßen, wenn sie gut organisiert ist. Autos muss man nicht besitzen, man kann sie sich in intelligenten Carsharing-Systemen teilen. Busse, Trams und Bahnen bringen die Menschen zur Arbeit in die Städte, für die letzten Meter zum Ziel sollten allerorts Leihfahrräder bereitstehen.
So wie die Energiekonzerne von der Kohle müssen sich die Autokonzerne vom Sprit und von ihrem alten Geschäftsmodell verabschieden. Der Tod des Diesels ist deshalb nur der Anfang einer neuen Form von Mobilität.
Von Gerald Traufetter

DER SPIEGEL 25/2017
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