17.06.2017

Literaturwissenschaft„Viele Schwätzer, wenig Helden“

Marlena Tronicke, 29, Mitarbeiterin am Englischen Seminar der Universität Münster, hat soeben über die Selbstmorde im Werk William Shakespeares promoviert. Ihre Doktorarbeit wird demnächst unter dem Titel "Shakespeare's Suicides: Dead Bodies That Matter" im Routledge-Verlag erscheinen.
SPIEGEL: "O willkommner Dolch! Dies werde deine Scheide! Roste da und lass mich sterben": Mit diesen Worten erstach sich Julia – Ihr Favorit unter den Suiziden im Werk Shakespeares?
Tronicke: Nicht unbedingt. Jeder denkt natürlich sofort an "Romeo und Julia", wenn es um Selbstmorde bei Shakespeare geht. Doch wenn ich eine Titelheldin an erster Stelle nennen sollte, die im Stück Suizid begeht, dann wäre dies Kleopatra. Das Finale von "Romeo und Julia" ist sehr unruhig, in seiner grotesken Abfolge von Verspätungen und Missverständnissen eine gute Vorlage für Parodien. Bei "Antonius und Cleopatra" hingegen haben wir einen einzigartig heroischen Moment, in dem die Protagonistin ihre politische Niederlage zu einem moralischen Triumph werden lässt.
SPIEGEL: Der Selbstmord als ultimative Rebellion der Frau in einer von Männern dominierten Bühnenwelt?
Tronicke: Das kann man so sehen; es gibt jedenfalls einige Beispiele. Im Gesamtwerk Shakespeares habe ich sieben nennenswerte Männer- und acht Frauensuizide gezählt; die meisten Frauen bringen sich bezeichnenderweise im Verborgenen um, hinter der Bühne. Es sind aber nicht minder faszinierende Taten.
SPIEGEL: Wie das?
Tronicke: Sie haben enorme dramaturgische Strahlkraft. Ikonenhaft ist hier Ophelia zu nennen, Hamlets verzweifelte Geliebte. Ihr stiller Freitod im Wasser, von dem das Publikum nur über Dritte erfährt, ist ein grandioser Kontrast zu Hamlets wortreicher Tatenlosigkeit. Er redet dauernd davon, sich umzubringen, handelt aber nicht. Bei Shakespeare ist es wie in der Wirklichkeit: Es gibt viele Schwätzer, wenig Helden.
SPIEGEL: Gibt es lächerliche Selbstmorde?
Tronicke: Die misslungenen Versuche sind oft von bitterer Komik. Gerade bei den Männern geht viel schief. Antonius, der wiederholt probiert, sich in sein Schwert zu stürzen, was ja rein logistisch gar nicht so einfach ist. Oder der blinde Gloucester in "König Lear", der sich von den Klippen von Dover stürzen will, aber dummerweise auf einer platten Wiese steht. In den Komödien spielt Shakespeare geradezu sarkastisch mit dem Misslingen des Suizids. So tauchen Romeo und Julia im "Sommernachtstraum" in Gestalt von Pyramus und Thisbe als Farce wieder auf.
SPIEGEL: Shakespeare ein Satiriker der Selbstentleibung – auch ein Frauenfeind?
Tronicke: Das würde ich nicht sagen. Auch wenn die Männer das Geschehen in den Tragödien dominieren, schneiden sie oft genug schlecht ab.
SPIEGEL: Na ja, Julius Cäsar stirbt als furchtloser Ehrenmann. Sein Mörder Brutus verachtet den Selbstmord, nennt es "feig und niederträchtig, aus Furcht, was kommen mag, des Lebens Zeit so zu verkürzen" ...
Tronicke: ... und wird später zum Freitod genötigt. Auch Macbeth fand verächtliche Worte für die Selbsttötung. Am Ende zieht er in eine aussichtslose Schlacht und wird enthauptet. Man kann das auch als Selbstmord werten – ob heroisch oder nicht, auf jeden Fall konsequent.
Von Cw

DER SPIEGEL 25/2017
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