17.06.2017

EssayFlirt mit dem Abgrund

Großbritannien nach der Wahl: Wir werden von einer Handvoll stinkreicher Rechter kontrolliert – aber Überraschungen sind möglich. Von A. L. Kennedy
Willkommen auf der Chaosinsel. Pfuscherland? Blasenland? Wer kann schon sagen, wie wir uns am besten nennen sollen ... Wenn man vom anderen Ufer des Ärmelkanals zu uns herüberspäht – oder auch aus dem Weltall –, hat es sicher den Anschein, als wären wir in einem ausgedehnten Monty-Python-Sketch gefangen, der auf der berühmten Bunkerszene in "Der Untergang" basiert. Wir sind nicht bloß einfach komisch, wir sind internationale Witzfiguren: der einzige Trümmerhaufen, der US-Amerikanern noch Hoffnung geben kann. Doch abgesehen von diesem Gottesgeschenk für Komiker und Satiriker, von all dem Lachhaften, Wahnhaften und Grotesken – um uns herum steigt eine finstere Flut. Der schwer errungene Friede in Nordirland und die Seele unserer Demokratie stehen auf dem Spiel. Entweder behält uns eine Handvoll hyperreicher Halunken mit ihrer Medienmacht im Griff, oder wir erinnern uns daran, dass wir eine Gemeinschaft von Menschen sind, ein fragiles Gewebe also aus Hoffnungen und Fehltritten, Gedenkfeiern und Subventionen.
Womöglich sind wir das beste Beispiel aller Zeiten, was man als Nation vermeiden sollte. Europa erinnert sich noch an die harten Lektionen des 20. Jahrhunderts. Großbritannien jedoch, wo sich der öffentliche Diskurs in einem Traum von "Downton Abbey" und einem Schwall von Beleidigungen verliert, hat viele der Lehren vergessen, die es doch schon gelernt hatte.
Also: Eine nicht gewählte Premierministerin hat gerade mehr als hundert Millionen Pfund von unserem Geld dafür ausgegeben, sich noch unbeliebter und die Brexit-Verhandlungen so gut wie unmöglich zu machen, während Donald Tusk und Jean-Claude Juncker Tränen lachen über ihre hundert Jahre alte Weltanschauung und ihre Unfähigkeit, sich daran zu erinnern, welche unerschütterliche Überzeugung sie zuletzt über Bord geworfen hat. Ihren Verhandlungsstil in Sachen Brexit illustriert am besten die verzweifelte Schmuddelkampagne ihrer Partei gegen Jeremy Corbyn – lebenslanger Pazifist und Gandhi-Friedenspreisträger –, die ihn als einen Sympathisanten von Terroristen schmähte. Corbyn hat tatsächlich nach dem Bombenanschlag auf den Parteitag der Konservativen 1984 versucht, Gespräche mit der IRA zu führen. Für May bedeuten Verhandlungen mit dem Gegner jedoch das Eingeständnis einer Niederlage. Zugegeben, ihre verhuschten öffentlichen Auftritte (eine Versammlung wurde als Kinderfest angekündigt, um Neugierige abzuschrecken) und ihre Weigerung, mit Menschen über fünf Jahren zu diskutieren, legen den Schluss nahe, dass ein Gespräch mit ihren Gegnern sie womöglich in eine andere Dimension katapultieren oder die Schwarzen Reiter über das Land herfallen lassen würde. Jeder größere Fernsehauftritt endete katastrophal. Ach ja, und Sie kennen natürlich Boris – dieses genetische Experiment aus Donald Trumps Haaren und einem wiedererweckten Buchhalter der Ostindien-Kompanie? Nur eines könnte unser Land noch mehr wie eine Kritzelei aus Hieronymus Boschs Atelier aussehen lassen: wenn Boris Theresas Thron an sich risse. Dass er derartige Pläne standhaft dementiert und sich während Mays Wahlkampf wie ein betrunkener Labrador aufgeführt hat, macht dieses Szenario umso wahrscheinlicher.
Wir sind zu einem Volk der Schwätzer geworden. Unsere Journalisten, unterbezahlt und stets unter Druck, haben Recherche und Reportage durch Kolumnen und Klatsch über die 300 Leute ersetzt, die sie auf Partys in London treffen. Und ebendiese 300 Leute bilden auch das soziale Umfeld unserer Politiker. Sie zitieren einander, wie sie sich gegenseitig zitieren. Doch diese tragische Entwicklung sollte nicht davon ablenken, dass die meisten unserer Medien von einer Handvoll stinkreicher Rechtspopulisten kontrolliert wird: Lord Rothermere, die rätselhaft durchgeknallten Barclay-Brüder und der bodenlos unmoralische Rupert Murdoch. Eher linke Publikationen wie der "Guardian" verehren immer noch den Kriegsverbrecher Tony Blair. Daher haben sämtliche Mainstream-Medien Corbyn ständig als den Mann in den billigen Anzügen verunglimpft, als Trotzkisten, als Friedensträumer und Hippie, als Terrorfreund, als Mann, der einvernehmlichen Sex mit einer intelligenten und schwarzen Frau hatte, als Mann mit Gesichtsbehaarung. Die Nachrichtenredaktionen der BBC unterhalten schon lange eine ungesund enge Beziehung zur rechtsgerichteten Presse und deren politischen Lieblingen. Die Rechten aber hassen die BBC aus Prinzip und schubsen sie ein bisschen herum. Die davon ganz benommene BBC windet sich in Selbsthass, während ihre natürlichen Unterstützer von der Linken und der liberalen Mitte sie ebenfalls hassen. Verbindungen zwischen organisiertem Verbrechen, Polizeikorruption, unredlichen Politikern und der Propagandapresse sind von kaum einem Untersuchungsausschuss in Angriff genommen worden – anders als es bei den Abhörskandalen der Boulevardpresse geschah. Erpressung, Hackerangriffe, Drohungen und Schlimmeres bleiben so ungeklärt.
Das Wahlergebnis war ein schwerer Schlag für unsere Meinungsmacher und deren Arbeitgeber. Die Meinungsmacher hatten die Veränderungen nicht kommen sehen: das Wahlverhalten der Jüngeren, die alternativen Informationswege, die Graswurzelkampagnen, die starke Anziehungskraft von Hoffnung und Optimismus auf Wähler, die bisher nur mit Hass auf andere abgespeist und getäuscht wurden, sodass sie für eine Politik stimmten, die ihnen wehtat und sie auch noch für ihre Wunden bezahlen ließ. Schließlich brauchten die Medien nur wenige Stunden, um das Resultat in die passenden Bahnen zu rücken – Labour hatte nicht gewonnen, sondern die Konservativen verloren; Corbyn war nicht beliebt, er hatte bloß viele Stimmen bekommen; das Resultat war ein Ausreißer und so weiter.
Doch der Bann der rechten Presse war gebrochen – und ist es vielleicht für immer. Die vielen vorteilhaften Fotos von May, die Vergleiche mit Thatcher, die endlosen aufgeblähten Lobeshymnen hatten nichts genützt. Corbyn und eine skandalös schwarze, ganz und gar weibliche Kandidatin seines Schattenkabinetts waren in Artikeln, Schlagzeilen und Karikaturen so übel beschimpft und verleumdet worden, dass man in der Luft um die Zeitungskioske den Schweiß Julius Streichers riechen konnte. Doch die Wähler waren nicht mehr so leicht zu beeinflussen.
Am Wahltag war Jeremy Corbyn Vorsitzender einer der mitgliederstärksten Parteien Europas. Und in den vergangenen Tagen gewann er noch Tausende hinzu. Der erfahrene Wahlkämpfer ließ freiwillige Helfer Tweets verbreiten, Memes entwickeln, Songs schreiben und Kleinspenden sammeln. Corbyn war bereits monatelang von seiner eigenen Partei zerrissen worden. (Nichts kann einen Linken mehr auf die Palme bringen als andere Linke.) Sogar Blair kehrte aus dem Totenreich zurück, um Corbyn zu verdammen, und sah dabei genau aus wie der Mann, der den Nahen Osten ins Chaos gestürzt und dabei den IS, die erstarkte Neue Rechte und andere Schrecklichkeiten auf den Plan gerufen hat. Doch schon Corbyns Kampagne für den Parteivorsitz und die Neuauflage nach einem Misstrauensvotum waren bemerkenswert: Er hofierte die klassischen Medien kaum und verließ sich vor allem auf soziale Medien (die Theresa jetzt unbedingt knebeln möchte); im Grunde versuchte er, mit allen Wählern persönlich zu plaudern. Man konnte kaum die Tür aufmachen, ohne dass "Jezza" (oder "The Absolute Boy", ein anderer seiner Spitznamen in den sozialen Medien) davorstand. Er ist ein angenehmer Zeitgenosse, er hört zu, er ist nicht glatt gebürstet, er ist nicht gekauft – und das merkt man. Ganz durchschnittliche Menschlichkeit und Moral strahlen in dieser Zeit schon fast engelsgleich. Beinahe säße jetzt ein vollbärtiger Mann im selbst gestrickten Pullover in 10 Downing Street. Dass er irgendwann dort einziehen wird, scheint mir fast unvermeidlich.
Mays schwer getroffene Partei verhandelt nun allerdings erst mal mit der Democratic Unionist Party. Die nordirische DUP besteht aus echten Sympathisanten des Terrors. In ihren Reihen finden sich Frauenfeindlichkeit, Leugnung des Klimawandels, Kreationismus und Homophobie – das volle Trump-/IS-Programm der politischen Quartalsirren. Das bringt schwule und lesbische Tory-Abgeordnete in eine schwierige Lage. Und überhaupt alle konservativen Abgeordneten, die bei der bevorstehenden nächsten verdammten Parlamentswahl wiedergewählt werden wollen.
Da also die Kabale von Trump, Putin, Farage, Assange, Cambridge Analytica, DUP, Saudi-Arabien und Russland allmählich sichtbar wird, erkennen wir auch ein ganzes Netzwerk von Verbindungen zwischen Wahlbetrug und kalten Staatsstreichen, von dunklen Geldströmen und Einflussnahmen, um die EU zu destabilisieren und den Nationalismus als Mainstream zu etablieren. Das amphibienartige Sprachrohr der Rechtspopulisten, Nigel Farage, könnte als Kuppler der Romanze zwischen Donald und Wladimir fungiert haben. Der Brexit hat mit nie da gewesener Klarheit vor Augen geführt, dass die Superreichen nicht nur unsere Paragrafen und Gesetze manipulieren, sondern auch unsere Regierungssysteme und dass sie an den Finanzmärkten vom selbst verursachten nationalen Chaos profitieren.
Eine Zeit lang haben diese Sabotageakte uns in eine gefährliche Phase der Selbstschädigung gestürzt – zuletzt in den suizidalen Brexit. Doch vielleicht hat unser Flirt mit dem Abgrund jetzt ein Ende gefunden.
Und an dieser Stelle werde ich den 6. August 2015 erwähnen. Am Jahrestag des Atombombenabwurfs auf Hiroshima findet immer eine Gedenkveranstaltung auf dem Tavistock Square in Bloomsbury statt. Einige von uns hielten dort Reden, und wie üblich war auch Jeremy Corbyn auf dem Weg zu uns, doch er hatte ein wenig Verspätung. Als Kandidat für den Labour-Vorsitz war er plötzlich in den Schlagzeilen. Er traf mit einer Reportermeute im Schlepptau und einer schick gekleideten Aufpasserin an seiner Seite ein. Corbyn ignorierte beide heiter und sprach leidenschaftlich über Frieden, Gerechtigkeit und über das Gift des Denkens in Profitraten. Es wurde gesungen. Man konnte Blumen am Fuße eines Kirschbaums niederlegen. Corbyn schlenderte in sanftem Sonnenlicht zum Baum, eine Hand in der ausgebeulten Hosentasche, in der anderen eine Sonnenblume. Als er an mir vorbeiging, hörte ich ihn sagen: "Im Grunde bin ich Optimist." Die schlichte Hoffnung in diesen Worten traf mich ins Herz. Inzwischen kennen viele von uns dieses Gefühl. Wir sind der Hoffnung nahe.
Kennedy, geboren 1965 im schottischen Dundee, ist Autorin zahlreicher Romane ("Gleißendes Glück") und Essays ("Schreiben") und tritt als Stand-up-Comedian auf. Sie lebt im Süden Großbritanniens.
Von A. L. Kennedy Aus dem Englischen von Ingo Herzke

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