17.06.2017

DebatteVölkische Fantasie

Deutsche als die neuen Juden: In seinem Buch „Finis Germania“ versuchte Rolf Peter Sieferle, die Geschichte umzudeuten. Dabei bewegte er sich von rechts nach rechtsradikal.
Europa, irgendwann in der jüngeren Vergangenheit. In der Mitte des Kontinents gähnt das Nichts. Hier befand sich einst ein Staat, der sich Deutschland nannte. Er ist untergegangen, zumindest das "reale Deutschland". Auch seine Städte sind offenbar zerstört, die Einheimischen verschwunden: In den Ruinen gehen "Fellachen" ihren Geschäften nach, Muslime einfacher Herkunft. Anfeindungen ausgesetzt sind diese Menschen allerdings nicht ihres Glaubens wegen, sondern weil man sie für Deutsche hält. Doch sie haben sich "daran gewöhnt, mit dem Antigermanismus fertig zu werden, wie die Juden lernen mussten, mit dem Antisemitismus zurechtzukommen".
Deutsche, Juden – und dann auch noch Muslime. Was sich liest wie das Szenario eines apokalyptischen Thrillers für Reichsbürger, entstammt dem posthum veröffentlichten Essayband von Rolf Peter Sieferle. Der Historiker, Jahrgang 1949, veröffentlichte einst bei Suhrkamp oder C. H. Beck, den großen Verlagshäusern der bundesdeutschen Gelehrtenrepublik. Es waren Arbeiten, die sich mit der Energiekrise oder dem Bevölkerungswachstum auseinandersetzten. Noch 2010 schrieb Sieferle für einen wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung zu Fragen globaler Umweltveränderungen. Am Ende seines Lebens aber, so scheint es, ist der frühere 68er weit nach rechts gerückt. Sein letztes Buch erschien im Abseits, im Verlag des rechten Publizisten Götz Kubitschek. Der Titel beschwört das Ende Deutschlands: "Finis Germania".
Müsste es nicht "Germaniae" heißen, fragt sich der altsprachlich gebildete Leser, in einem rechten Internetforum wird die Frage der grammatikalischen Korrektheit diskutiert: Vokativ oder Ablativ – was hat diese unorthodoxe Kasuswahl zu bedeuten?
Die Pose des Bildungsbürgers, nobler Weltverdruss: Sieferles Buch wäre bloß eine kulturpessimistische Suada von vielen, begnügte er sich damit, dem "vulgären Typus" des "Massenmenschen" die "ästhetischen Normen tradierter Hochkulturen" entgegenzustellen oder das kleinbürgerliche Wesen bundesdeutscher Regenten zu beklagen. "Die Politiker bilden nur noch den Scheitelkamm großer Wanderdünen, die von Elementarkräften bewegt werden." Derartige Sätze sind typisch für Sieferle. Was aber sind diese Elementarkräfte? Er schreibt von "historischen Großereignissen", von "geschichtlichen Zusammenhängen", wer da nach der "Verantwortung des Einzelnen" frage, bringe das "Schicksalhafte auf das Niveau des allzu menschlichen Alltags".
Sieferle gefällt sich in der Pose des Olympiers, der die Weltläufe aus der Ferne wahrnimmt. Doch historische Prozesse laufen anders ab als das berühmte Vorspiel zu Goethes "Faust", wo aus Dunst und Nebel schwankende Gestalten nahen. Sie sind kein nur von Esoterikern zu deutendes Drama im Halbschatten, sondern eine Abfolge von Geschehnissen mit klar benennbaren handelnden Personen, mit Opfern und auch mit Tätern.
Sieferle lässt in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts nur einen derartigen Akteur noch gelten. "Ein großes Individuum", "der letzte Heros", "der unzeitgemäße Bösewicht". Wer wird's wohl sein?
Adolf Hitler. Damit ist Sieferle bei seinem eigentlichen Thema angekommen. Den Kern seines Buchs bildet der Versuch, die Katastrophen des 20. Jahrhunderts und deren Folgen umzudeuten. Sieferle schreibt: "Es gibt tragische Völker, wie die Russen, die Juden und die Deutschen, an denen sich die Paradoxien geschichtlicher Prozesse in ihrer ganzen Schärfe vollziehen." Die Russen verliert er im Lauf des Buchs aus dem Blick. Er ist bei den beiden Zentralfiguren seiner Weltexegese angekommen: "dem Deutschen" und "dem Juden".
Bei der "üblichen Vergangenheitsbewältigung" handele es sich um eine "direkte Fortschreibung der Entente-Propaganda des Ersten und Zweiten Weltkriegs", bei den Gedenkritualen um "bloßen Politkitsch". Die deutsche Vergangenheitsbewältigung vollzieht sich gemäß Sieferle wie ein quasibiblischer Mythos. "Der Deutsche" ähnele dabei dem Teufel, dessen Schuld niemals vergeben werde. "Die Erde wird von diesem Schandfleck erst dann gereinigt werden, wenn die Deutschen vollständig verschwunden, d. h. zu abstrakten 'Menschen' geworden sind. Aber vielleicht braucht die Welt dann andere Juden." Dies ist der zentrale Satz in diesem Buch – seine These: Die Deutschen sind die neuen Juden.
Versuche, den Holocaust zu relativieren, hat es viele gegeben, der Historikerstreit der Achtzigerjahre entzündete sich an Ernst Noltes Vergleich nationalsozialistischer und stalinistischer Verbrechen. Sieferle geht viel weiter: Bei ihm sind aus Tätern Opfer geworden. Der Zweite Weltkrieg mit seinen über 60 Millionen Toten, den Vernichtungslagern, den ermordeten Juden (Sieferle nennt sie mokant "die ominösen sechs Millionen") kennt am Ende nur einen Leidtragenden, "den Deutschen".
Was für eine ahistorische, paranoide Betrachtungsweise.
Sieferle hat die Essays in "Finis Germania" im April 2015 abgeschlossen, die Flüchtlingskrise ging nicht mehr ein in sein Buch. Wohl aber hätte er den Niedergang der Siegermächte beobachten können, den Zerfall der Sowjetunion, die Krise Frankreichs, die zunehmende internationale Bedeutungslosigkeit Großbritanniens schon vor dem Brexit, die Schwäche der USA. Er hätte sehen können, wie sich das geteilte Deutschland nach der Wiedervereinigung zum Hegemon Europas entwickelte, wie Berlin nach dem Mauerfall erst wieder Hauptstadt und dann Weltmetropole wurde, wie die bundesrepublikanische Mitte ein neues deutsches Selbstbewusstsein entwickelte. Stattdessen: "Finis Germania".
Ein Hobby für gelangweilte Mitteleuropäer, die sich nach Pulverdampf sehnen, ist das sogenannte Reenactment, das Nachstellen großer Schlachten in historischer Uniform. Sei es der Abwehrkampf der Wehrmacht gegen anrückende US-amerikanische Truppen in der Eifel oder die Leipziger Völkerschlacht, Walstatt vaterlandsbewegter Deutscher des 19. Jahrhunderts. In "Finis Germania" steigt Sieferle noch einmal in die Schützengräben der Vergangenheit, sein Buch ist geschichtsphilosophisches Reenactment.
Doch seine Argumentationslinie ergibt nur dann Sinn, wenn man "den Deutschen" nicht als Bürger eines Staats oder Mitglied einer Sprachgemeinschaft definiert, sondern völkisch. In einem Land wie Deutschland, das über Jahrhunderte von Brüchen, von Territorialverschiebungen und Migration geprägt wurde, dürfte die Frage nach dem "indigenen Volk" schnell im Rassenkundeseminar enden.
Interessant ist dieses Buch allein deshalb, weil darin wie in einer Versuchsanordnung der Übergang von rechts zu rechtsradikal anschaulich wird. Sieferles elitärer Verdruss an gewissen Formen der Massenkultur, an der Moderne, ließe sich noch einer kulturkonservativen gemäßigten Rechten zuordnen. Der Umstand, dass er in einem positiven Zusammenhang vom "Widerstand gegen Überfremdung" spricht, der deutschnationalen äußeren Rechten. Ein entscheidendes Merkmal für eine rechtsradikale Position aber ist in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg die Haltung, die ein Autor zu den Verbrechen der NS-Zeit einnimmt.
Sieferle bezeichnet den "Nationalsozialismus, genauer Auschwitz" als "letzten Mythos", als "Wahrheit, die jenseits der Diskussion steht. Er braucht sich nicht zu rechtfertigen".
Wer Tatsachen als Mythen denunziert und damit die historischen Kategorien relativiert, unternimmt den Versuch, den Verlauf der Geschichte zu verschleiern und nachträglich infrage zu stellen. Wer den Wahrheitsgehalt dessen, was die Geschichtswissenschaft, was Augenzeugen, was Dokumente über Auschwitz, über den Nationalsozialismus aussagen, zur Diskussion stellen möchte, bereitet den Leugnern des Holocausts das Feld.
Wer aus derartiger Geschichtsklitterung den Untergang des "realen Deutschland" ableitet, das Bild von "Fellachen" bewohnter Ruinenstädte beschwört, verwechselt historische Analyse mit dystopischer Fiktion.
Sieferles Radikalismus ist nicht von jener plumpen Gestalt, die sich in Hooliganaufmärschen zeigt, in martialischer Kleidung oder Flaggen. Er ist subtiler. Eine faktenfreie Wissenschaft aus eigenem Recht, voller Andeutungen, irrlichternd. Eine völkische Angstfantasie im Gewand einer geschichtsphilosophischen Etüde.
Der snobistisch abgespreizte kleine Finger muss als Erkennungszeichen unter Gleichgesinnten genügen.

Noch einmal in die Schützengräben der Vergangenheit – und immer das Ende Deutschlands im Blick.

Von Sebastian Hammelehle

DER SPIEGEL 25/2017
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