22.06.2017

Pater und Pate

Triumph und Tragik lagen bei Helmut Kohl nahe beieinander. Er beherrschte seine Partei wie keiner zuvor: eine Machtmaschine. Von Sigmar Gabriel
Bewusst nahm ich Helmut Kohl erstmals mit 16 wahr. Es war im Bundestagswahlkampf 1976: Helmut Schmidt gegen Helmut Kohl. Kohl redete auf dem Marktplatz in Goslar über "Freiheit statt Sozialismus". Und wir jungen Sozialisten hielten ihm ein handgemaltes Transparent entgegen: "Wer sich von Kohl einseifen lässt, wird von Strauß rasiert!" – dazu eine Kohl-Karikatur mit einem Vogel Strauß auf der Schulter. Damals waren Wahlkämpfe noch weit ideologieträchtiger als heute, und man mag sich fragen, ob Kohl selbst nicht später darüber schmunzeln musste, ausgerechnet Schmidt als freiheitsfeindlichen Sozialisten "gebrandmarkt" zu haben.
Zu Beginn der Kanzlerschaft Kohls war ich Student, als sie zu Ende war, Fraktionsvorsitzender der SPD im Niedersächsischen Landtag. Kohl war für mich damals der ewige Kanzler. Dass er es so lange blieb, lag an seinem unbeirrbaren Machtwillen, seinem Ausnahmeinstinkt und seiner tiefen Überzeugung als deutscher wie europäischer Patriot, die sich in einem Satz zusammenfassen lässt: Nie wieder Krieg in Europa!
Ich habe mich oft gefragt, wo so einer herkommt, der mit erstaunlichem Durchhaltevermögen erst die demokratische Macht anstrebte und sie dann gegen viele Widerstände so lange erfolgreich nutzte und verteidigte. Seinen rasanten Aufstieg nahm der junge Parteimodernisierer Kohl in der sogenannten Provinz, die er nie verleugnete und für die er schon in frühen Jahren seines Politikerlebens Spott ertragen musste. Überhaupt Spott und Häme! Von Medien, Kabarettisten, Satirikern und Karikaturisten seit Beginn seiner Kanzlerschaft – kein Vorstandsvorsitzender eines Unternehmens hätte dieses mediale Trommelfeuer in Wort und Bild mehr als drei Monate ertragen! Kohl nahm es nach außen klaglos hin, saß es sprichwörtlich aus und wurde schließlich sogar Kult. Doch niemand traute ihm damals zu, dass er einmal zur historischen Großfigur werden würde.
Dieser entscheidende Moment lag in der Mitte seiner Kanzlerschaft, als es darauf ankam, das Richtige für sein Land, aber auch für Europa zu tun. Mit dem Mut zum Risiko, das in solchen Augenblicken der Geschichte nur einer trägt, der zu entschlossenem Handeln bereit und in der Lage ist. In den Monaten nach dem Mauerfall wurde Kohl zum Wegbereiter der deutschen Einheit und der europäischen Einigung. Und ohne ihn gäbe es weder den Maastricht-Vertrag noch den Euro. Er genoss weltweit Vertrauen als Garant eines friedlichen Deutschland. Ein vermeintlicher Provinzpolitiker, der beherzt dem Rad der Geschichte in die Speichen greift.
Seine innenpolitische Bilanz nach 16 langen Jahren fiel dagegen weit ab. Auch seine Fehlleistungen haben die Medien genüsslich ausgebreitet. Vor allem in den letzten Jahren seiner Kanzlerschaft hatte sich "Mehltau" über Deutschland gelegt. Reformstau war als Wort des Jahres 1997 in aller Munde. Kohl selbst hatte das Ende seiner Kanzlerschaft prophezeit – auf einem Bierdeckel soll er "Schröder 1998" notiert haben. Auch dieser Witz passte zu ihm, weil niemand aus seiner Partei den Mut oder die Kraft hatte, ihn herauszufordern oder gar zu stürzen. Er war der Pater und Pate "seiner" CDU, die er beherrschte wie keiner zuvor: eine Machtmaschine.
Nach seiner Abwahl als Kanzler 1998 kam diese dunkle Seite von Kohls zeitweise unbeschränkter Macht in der CDU zum Vorschein. Seine Weigerung, die bis heute unbekannten Großspender zu nennen, überhaupt sein Umgang mit Parteispenden, hinterließ tiefe Spuren in "seiner" CDU, aber eben auch in seiner politischen Lebensleistung. Vor allem sein selbstgerechter Umgang mit diesen Verfehlungen verhinderte seine politische Verklärung zu Lebzeiten. Hier stand er sich selbst im Wege. Triumph und Tragik lagen bis ins Private hinein nahe beieinander.
Was bleibt? Seine herausragenden politischen Leistungen für die Freiheit und das Zusammenleben in Deutschland und Europa wirken bis heute. Dabei sein Situationsinstinkt für Ton, Tempo und Timing. Als Leidenschaftseuropäer hat Kohl das vollendet, was seine Vorgänger Adenauer, Brandt und Schmidt begonnen hatten: die Freundschaft zu Frankreich als Teil der deutschen Staatsräson zu verankern. Und den kleineren EU-Mitgliedstaaten ist er nie von oben herab begegnet. Er war ein historischer Gestalter von geradezu shakespeareschem Format. Und wenn wir heute auf Europa schauen und auf die immer wiederkehrende seltsam kleinmütige Debatte über die finanziellen Beiträge unseres Landes zu diesem Europa, dann wünscht man sich die kohlsche Leidenschaft zurück. Er wusste immer, dass zu einer gemeinsamen Währung auch die Bereitschaft einer gemeinsamen Verantwortung gehört, die uns Deutschen etwas abverlangt. Aber für Kohl waren das Investitionen in unsere eigene Zukunft, deren Zinsen gerade uns Deutschen zugutekommen. Er war ein großer Patriot – ein großer Europäer überdies. Viel größer, als ich es 1976 auf dem Marktplatz in Goslar ahnen konnte.
Von Sigmar Gabriel

DER SPIEGEL 26/2017
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