01.07.2017

ZwischenrufSoftes Imperium

Die europäische Inszenierung für Helmut Kohl könnte die EU zu einer neuen Gelassenheit führen. Von Dietmar Pieper
Die Deutschen wundern sich darüber, die anderen Europäer machen es trotzdem: Sie verwandeln Helmut Kohl. Aus dem deutschen Kanzler wird in Straßburg so etwas wie der erste Kaiser des Heiligen Europäischen Reiches.
Das ist verblüffend und könnte mehr sein als ein Moment, bei dem viel rhetorischer Weihrauch aufsteigt. Typisch Kohl, in gewisser Weise, er hatte häufig ein gutes Timing: als Antreiber der deutschen Einheit allemal, ja sogar bei der von ihm als "Gnade" bezeichneten "späten Geburt". Auch der Streit, der die ganze Zeremonie bis hin zur Beerdigung umgibt, ist nach Art seines Hauses.
Möglich wird das politische Wunder jetzt, weil ziemlich unerwartet über Europa der Himmel aufreißt. Geert Wilders, Marine Le Pen, mit ihnen muss man sicher noch rechnen, aber nicht in diesem Jahr. Der Brexit ist mühsam, doch die 27 Übrigen werden das schon irgendwie hinbekommen.
Heiliges Europäisches Reich im Sonnenschein. Man lernt nicht nur Demut gegenüber dem Unvorhersehbaren. Man sieht auch, dass die großen, mühsam ausgedachten Ideen im Grunde nicht helfen: Erweiterung oder Vertiefung der EU, Staatenbund oder Bundesstaat oder gleich die Abschaffung der Nationalstaaten. Lauter famose Gedankengebäude, die entschwebt sind.
Dass ein unordentliches, schwer definierbares Etwas erstaunlich langlebig und für alle vorteilhaft sein kann, zeigt sich bei einem Blick auf das Heilige Römische Reich. Die Erinnerung daran ist mehr als 200 Jahre nach seinem Ende blass, und es hat ähnlich viel Spott auf sich gezogen wie das Europa der Gurkenverordnungen. Nach den ersten wilden Zeiten, als die in Rom gekrönten Kaiser aus Sachsen oder Schwaben die Weltherrschaft an sich reißen wollten, war es nach außen ein ungewöhnlich friedfertiges Reich, ein Imperium der soften Art.
Im Inneren des Reiches, das seit dem Ende des Mittelalters den Namenszusatz "Deutscher Nation" trug, ging es oft hoch her, mit viel Krieg und Elend. Aber die äußere Hülle hielt. Das Imperium in der Mitte Europas war ein durch und durch multikulturelles Gebilde, in dem Französisch und Deutsch, Tschechisch und Italienisch, Niederländisch und Dänisch gesprochen wurde. Die nationalen und regionalen Kulturen blühten oder auch nicht, jedenfalls hatte das Reich damit nichts zu tun. In ihren Fürstentümern konnten die Fürsten bestimmen, wo es langging, wenn sie sich an ein paar gemeinsame Grundregeln hielten und für den Kaiser die Steuern eintrieben. Es spricht einiges dafür, dass hier ein fernes Modell für die heutige EU zu finden ist, alles in allem ein Reich der Gelassenheit.
Im Einzelnen kann man viele Parallelen zur EU entdecken, verfassungsrechtliche und auch machtpolitische: die Dezentralität, die übereinander geschichteten Verträge, die Widerstandskraft gegen das Gezerre von allen Seiten. Aber das Wichtigste ist: Beide Gebilde ziehen große Energie aus einer Heilsidee.
Der römisch-deutsche Kaiser galt – zu Anfang mehr, am Ende weniger – als auratische Figur. Als Beschützer der Christenheit stand er über allen Königen, deshalb war sein Reich auch ein "heiliges". Heute wirkt das zwar befremdlich, und doch gibt es so etwas auch in der EU, es gibt eine europäische Heilsidee.
Ein kurzer Rückblick: Als der europäische Gedanke nach dem Zweiten Weltkrieg konkrete Formen annahm, war das Projekt nicht ganz von dieser Welt. Schon in der Montanunion verbarg sich eine Utopie. Der französische Außenminister Robert Schuman, der den Kohle-und-Stahl-Pakt 1950 vorschlug, eröffnete seine Erklärung mit dem Satz: "Der Friede der Welt kann nicht gewahrt werden ohne schöpferische Anstrengungen, die der Größe der Bedrohung entsprechen."
Etwas von diesem utopischen Überschwang lebt in der Europäischen Union bis heute. Es ist das Ideal des Weltfriedens, das sie im Innersten zusammenhält. Ein Ideal, das auch dadurch nicht schlechter wird, dass es eigentlich nur scheitern kann. Außerdem ist ein Menschenalter Frieden in Mitteleuropa mehr, als man 1950 erwarten konnte.
Es war deshalb ganz richtig, dass die EU 2012 den Friedensnobelpreis bekam. Ihre Politiker und Bürokraten machen sicherlich jeden Tag Fehler, aber in der Summe hat die Staatengemeinschaft Großes geleistet. Auch Helmut Kohl wurde in der Osloer Laudatio gewürdigt, nicht für seine Verdienste um die Einigung Europas, sondern als Gestalter der deutschen Einheit. Seine europäische Krönung erfolgt jetzt posthum. Deutschland rückt, was bei vielen Anstoß erregt, in die zweite Reihe.
Die alten Kaiser hatten als Krönungsmantel einen tiefroten, mit Löwen und einer arabischen Inschrift in Gold verzierten Umhang, den muslimische Handwerker vor langer Zeit in Palermo angefertigt haben. Für den europäischen Bürger Kohl liegt ein anderer Krönungsmantel bereit. Es ist das blaue Tuch mit dem Kranz aus zwölf Sternen, das in Straßburg seinen Sarg bedecken wird. ■

Wie im Heiligen Römischen Reich gibt es auch in der Europäischen Union eine Heilsidee.

Von Dietmar Pieper

DER SPIEGEL 27/2017
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