01.07.2017

China„Xi Jinping, lass meinen Freund Xiaobo ausreisen!“

Der in Berlin lebende Schriftsteller Liao Yiwu, 58, über seinen Freund, den Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo. Der chinesische Dissident wurde wegen einer schweren Krebserkrankung nach sieben Jahren in Haft in ein Krankenhaus verlegt.
SPIEGEL: Was war Ihr erster Gedanke, als Sie von seiner Erkrankung erfuhren?
Liao: Mein Hirn war plötzlich leer. Ich hatte schon vor zwei Wochen von Xiaobos Frau, der Dichterin Liu Xia, erfahren, dass es ihm nicht gut geht. Sie weinte, sie war sehr besorgt. "Was soll ich tun?", fragte sie. "Wenn Xiaobo stirbt, kann ich nicht weiterleben." Ich überlegte, was wir tun können. Ich weiß, dass auch die deutsche Regierung über ihren Botschafter mit Liu Xia sprach.
SPIEGEL: Hatten Sie mit seiner Entlassung gerechnet?
Liao: Nein. In einer Diktatur ist alles möglich – oder nichts.
SPIEGEL: Was für ein Mensch ist Liu Xiaobo?
Liao: Das Besondere an ihm ist seine Güte. Er kann den Menschen ihre Schwächen verzeihen. Nicht jeder ist so stark wie er, wenn er unter dem Druck einer Diktatur lebt. Manche Menschen verurteilen Schwäche. Xiaobo tut das nicht.
SPIEGEL: Er wurde 2009 zu elf Jahren Haft verurteilt, weil er zu den Unterzeichnern der Charta 08 zählte, einem Aufruf zu Demokratie und freien Wahlen in China.
Liao: Xiaobo hat die Charta 08 nicht allein geschrieben. Doch als man ihn beschuldigte, übernahm er allein die Verantwortung. Das ist der eine seiner beiden wichtigsten Charakterzüge. Der andere ist die tiefe Liebe, die er für seine Frau empfindet: Als sie ihm jetzt erzählte, dass sie an Depressionen und Herzschwäche leide, war er schockiert. Er hatte davon in der Haft nicht gewusst. Erst als er das erfuhr, erklärte er sich bereit, mit ihr zusammen China zu verlassen.
SPIEGEL: Sie haben die Bundesregierung über den Wunsch des Ehepaars informiert.
Liao: Die deutsche Regierung hat uns immer geholfen. Vor einigen Jahren gelang es mir über Monate nicht, seine Frau telefonisch zu erreichen. Also schrieb ich an den damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck. Ich wusste, dass Staatschef Xi Jinping nach Berlin kommt und ihn treffen wird. Gauck versprach, Xi auf den Fall anzusprechen. Zwei Wochen später war die Telefonleitung zu ihr plötzlich offen.
SPIEGEL: Glauben Sie, dass Peking Liu Xiaobo ausreisen lässt – so wie Ai Weiwei nach Deutschland oder den blinden Bürgerrechtler Chen Guangcheng in die USA?
Liao: Xiaobo ist mit keinem dieser beiden vergleichbar. Er würde nie Bedingungen für seine Ausreise akzeptieren. Ich weiß, dass Präsident Trump vorhat, Xi Jinping direkt auf Liu Xiaobos Fall anzusprechen. Amerikanische Beamte haben mich angerufen und gefragt, ob es wirklich sein Wunsch sei, China mit seiner Frau zu verlassen. Also zeigte ich ihnen eine handschriftliche Notiz von Liu Xia, in der sie diesen Wunsch selbst formulierte.
SPIEGEL: Wenn Sie mit Xi Jinping sprechen könnten, was würden Sie ihm sagen?
Liao: Ich würde nicht als sein Gegner sprechen. Ich würde sagen: Dein Vater war ein Mann mit weitem Herzen. Er stand einst selbst in Opposition zu Maos Diktatur. Du solltest wissen, dass Menschen wie Xiaobo Frieden wollen. Wenn du ihn ausreisen lässt, dann wird das dein Ansehen in der Welt heben.
Von Bza

DER SPIEGEL 27/2017
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