01.07.2017

Nils MinkmarZur ZeitWie es sich gehört

In diesem Restaurant, dessen Namen ich nicht nennen soll, werden die Speisen mit großer Ernsthaftigkeit durchdacht. Es gibt zwar im Wesentlichen nur Burger und Pommes, dies aber auf eine etwas nerdhafte Art. Im Frühjahr wurde der Durchmesser der hausgemachten, sehr dünnen Pommes minimal vergrößert – so sollte verhindert werden, dass sie zu schnell erkalten. Aber würde der besondere Geschmack auch beibehalten? Gäste wurden befragt, Kinder wurden zu Juroren. Geführt wird der Laden von konzentriert wirkenden Männern in den besten Jahren. Ein Michelin-Stern wird nicht angestrebt, aber auch kein Filialnetz – Mittelklasse für Mittelklasse eben.
Neulich Abend war der Laden geschlossen. Eine Tafel informierte die enttäuscht abziehenden Gäste, es sei "Communityabend". Ich hatte eher zufällig davon gehört und durfte es mir ansehen. Drei große Schecks lagen auf dem Tresen. Ohne großen theoretischen Überbau hatten sich die Burgerbrater entschlossen, als Bürger zu wirken. Sie spendeten 8000 Euro an drei lokale Organisationen: Geld ging an das Kinderhospiz Bärenherz, an das Manna Mobil, eine Großküche für Kinder in schwierigen Verhältnissen und an den großen Abenteuerspielplatz Biberbau. Die Rede des Kochs war knapp: Es gehe ihnen, die das sympathische Restaurant betreiben, gut – also wollten sie auch etwas Gutes tun. Das gehöre sich so. Vertreter der drei Vereine waren zum Abendessen eingeladen, es gab Burger und eben die Pommes in der neuen Dimension.
Solche Initiativen sind nicht selten in Deutschland: Dass Konzerne und Internettycoons etwas von ihren irren Vermögen in Stiftungen tun, gehört zur kapitalistischen Normalität. Dass es aber Unternehmer in lokaler Dimension machen, ist eine Kulturleistung. Welches betriebswirtschaftliche Lehrbuch empfiehlt schon, 8000 Euro zu verschenken? Nun kennt jeder, der aufrechte Linke im Freundeskreis hat, folgendes Argument: Ein Kinderhospiz, die Verköstigung armer Schulkinder und ein wilder Spielplatz sind von öffentlichem Interesse, daher am besten über Steuern zu finanzieren. So kann man es sehen, und in diesem schwarzgrün regierten Bundesland liegt sozial wirklich einiges im Argen. Aber warum sollte das eine das andere ausschließen? Der zusätzliche Funken an Freiheit ist es, der den Charme solcher Abende ausmacht. Auch bei den bedachten Organisationen: Deren Abgesandte waren eine bunte Truppe, die, trotz ihres gewaltigen Pensums, nicht klagten, wie sonst alle immer, sondern schwärmten. Deutsche Vereinsmeierei ist immer für einen Gag gut, aber es ist atemberaubend, was solche auf freiwilligem Engagement basierenden Strukturen zu leisten vermögen. Politiker waren an jenem Abend keine da. Es gibt im Lande eine soziale Energie, eine bürgerliche Kultur, die ohne Parteien ganz gut auskommt. Aus solchen Erfahrungen entstehen Ansprüche: Unsere guten alten Parteien werden nicht mehr als Vorzimmer zur Obrigkeit respektiert, Bürger erwarten eine verständliche Sprache und konkrete Ergebnisse. In unserer Zeit und mit solchen Personen wie jenen, die an jenem Abend diskutierten und aßen, ist vieles möglich. En Marche!, die Bewegung Emmanuel Macrons, hat auch mal so angefangen.
An dieser Stelle schreiben Nils Minkmar und Elke Schmitter im Wechsel.
Von Nils Minkmar

DER SPIEGEL 27/2017
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