01.07.2017

ZeitgeistDas Psychotop

Regionales Essen und lokales Design, Provinzromane und Politiker mit Dialekt: Heimat ist das Losungswort der Gegenwart. Von Tobias Becker
Früher war er Schicksal, der Ort der eigenen Herkunft, der einen geprägt hat, ob man wollte oder nicht; früher ist Heimat einem zugestoßen. Heute ist sie ein Selbstfindungsprozess. Weil die Menschen oft umziehen und oft ihren Arbeitgeber wechseln, weil die Menschen radikale Individualisten sind. Und natürlich auch, weil die Welt enger zusammengerückt ist, durch die Migration, den Tourismus, das Internet, weil auch das letzte Kaff heute globalisiert ist. Lokalzeitungen gaben den Menschen mal Heimat, weshalb sich manche gleich Heimatzeitung nannten. Die "Westfalenpost" aus Hagen verspricht in ihrem Titelkopf bis heute: "Stimme der Heimat – Echo der Welt". Wie lässt sich dieser Anspruch noch erfüllen: das Eigene pflegen – ohne sich vor dem Fremden abzuschotten? Es ist die Herausforderung der Gegenwart.
"Heute über Heimat zu sprechen heißt vor allem, über ihren Verlust zu reden", schreibt der Essayist Christian Schüle in einem aktuellen Buch, das zunächst durch einen Gedanken besticht: Heimatverlust ist ein Problem mit zwei Seiten*. Auf der einen die Flüchtlinge, die ihre Heimat verlassen mussten, um zu überleben; ihre alte Heimat haben sie nicht mehr, eine neue noch nicht. Auf der anderen Seite die radikalen Individualisten des Westens, die ebenfalls in ständiger Bewegung sind, auf der Suche nach sich selbst, nach ihrer Identität. "Dem realen Verlust der Heimat migrierender Massen steht der geistige Heimatverlust des mobilen Individuums gegenüber." Beide haben ihren Geborgenheitsraum verloren, "der eine den physischen, der andere den metaphysischen".
Nicht ungefährlich ist diese Situation, weil beide Probleme zwar losgelöst voneinander aufgetreten sind, aber nun in Konflikt miteinander geraten. Die Ankunft von Millionen Fremden wirft die Frage nach dem Eigenen verstärkt auf, der reale Heimatverlust der einen verstärkt den gefühlten Heimatverlust der anderen, zumindest bei einigen von ihnen: den Pegidisten und AfDlern.
Schüle liest Heimat als Losungswort der Gegenwart. Das Zeitalter der Migration, der permanenten Mobilität in einem weiteren Sinne als Zeitalter der Heimatlosigkeit, einerseits, und andererseits als Zeitalter der verstärkten Heimatsehnsucht.
Jahrzehntelang war schon der Begriff in Deutschland kontaminiert, er erinnerte an Blut und Boden. Heimatvereine und Heimatmuseen, Trachtengruppen und Volksmusik. Das alles galt als nationalistisch, engstirnig, kleinbürgerlich. Die Fähigkeit zum Hochdeutschen, schreibt Schüle, habe den deutschen Klein- zum Weltbürger erhoben. Was wurde der Kanzler Helmut Kohl für seinen Dialekt verhöhnt, für sein Oggersheim, in das er die Staatsgäste Bill Clinton, Boris Jelzin, Margaret Thatcher zum Saumagenessen einlud. Seither war wohl kein deutscher Spitzenpolitiker mehr so offensiv heimatverbunden.
Und heute? Kohl war Kanzler trotz Oggersheim, und wenn Schulz noch irgendeine Chance haben sollte – dann wegen Würselen. Er müsste noch viel häufiger Würselen sagen als ohnehin schon; Würselen macht ihn authentisch, und drumrum müsste er möglichst viele jener sch-Laute in seine Reden streuen, die bei ihm, dem Rheinländer, ch-Laute sind. Die "Titanic" nennt ihn schon heute konsequent Chulz. Heimatkult.
Schüle konstatiert eine Reromantisierung von Heimat und Natur, eine Antwort auf die Entgrenzung des Raums durch Globalisierung und Digitalisierung. Und Schüle hat recht. Allein, wie viele Sachbücher, neben seinem eigenen, zum Thema zuletzt erschienen sind! Von Daniel Schreiber "Zuhause. Die Suche nach dem Ort, an dem wir leben wollen". Von Lucas Vogelsang "Heimaterde. Eine Weltreise durch Deutschland". Von Jörn Klare "Nach Hause gehen. Eine Heimatsuche". Dazu die Bestseller- und Provinzromane "Altes Land" und "Unterleuten". All die Regionalkrimis, Taunus-Krimis von Nele Neuhaus, Ostfriesen-Krimis von Klaus-Peter Wolf, Allgäu-Krimis von Volker Klüpfel und Michael Kobr. Und natürlich die Megabestseller des Waldmeisters Peter Wohlleben, deren Erfolg auch darauf beruht, dass der Wald eine Chiffre für Ewigkeit ist und damit für Heimat.
"Natur ist in den vergangenen Jahren vom Biotop zum Psychotop geworden", schreibt der Essayist Schüle. "Zurück zur Natur heißt zurück zu sich selbst." Ein Trend, auf den seit 2015 auch die Männerzeitschrift "Walden" setzt, die der Verlag Gruner + Jahr nach einem Outdoorklassiker des US-Amerikaners Henry David Thoreau benannt hat. Das Motto der Zeitschrift: "Draußen wartet mehr auf uns".
Andreas Gabalier, der sich Volks-Rock-'n'-Roller nennt, tritt vor 20 000 Menschen in der Berliner Waldbühne auf, und nicht wenige der Menschen sind gekleidet wie er – in Lederhosen. Zum Münchner Oktoberfest, das auch Hamburger nur noch Wiesn nennen, reisen selbst Touristinnen im Dirndl an. Es ist en vogue, sich selbst einer Gemeinschaft zuzuschreiben, weil man von Natur aus keiner mehr angehört. Man hat keine Heimat, die man lieben könnte, also performt man Heimatliebe. Über das Bier-Gefühl zum Wir-Gefühl.
Früher konnte man Heimat nicht umtauschen, heute schon. Denn heute wird Heimat vor allem konsumiert. Die Lederhose, das St.-Pauli-Shirt mit Totenkopf-Druck, die Pudelmütze mit Aufschrift "Verankert in Hamburg". Wenn das Label "lokales Design" auf einem Produkt pappt, verkauft sich auch der größte Kitsch. Lebensmittel müssen nicht mehr in erster Linie bio sein, sondern aus der Region. Sanddorn ist die neue Mango.
Das lokalpatriotische Produkt schlechthin ist und war schon immer Bier, mit all den Stadtwappen auf den Etiketten. Doch seitdem der Craft-Beer-Hype deutsche Großstädte im Griff hat, kann man den Eindruck bekommen, die Menschen trinken Bier überhaupt nur, um sich an Heimat zu besaufen. In Deutschland schmeckt Heimat nach Bier, und wer einen zu großen Schluck davon nimmt, wird nicht selten dumpf. Heimat, schreibt Schüle, werde wieder "aufgerüstet zum politischen Kampfbegriff, der das Eigene gegen das Schicksal des Fremden verteidigt".
Heimat, das war einmal Natur, das war das Dorf in Abgrenzung von der Stadt. Heute ist in manchen Städten mehr Natur als in den Dörfern und wohl auch mehr Heimat. Heute macht sich die Stadt zum Land. Bioläden, Bauernmärkte, Kräutergärten. "Heimat wird zur Performance von Heimat, indem das Heimatliche inszeniert und geradezu museal ausgestellt wird." Heimat im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit.
Die Heimatschutzbewegung unserer Zeit heißt Gentrifizierungskritik. Es muss kein Zufall sein, dass die Gentrifizierungskritiker in keiner anderen deutschen Stadt so rabiat sind wie in Berlin, dass die Heimat nirgendwo so verteidigt wird wie dort, in der Stadt der Zugezogenen. Was dem Sachsen der Syrer, ist dem Berliner der Schwabe. Die Berliner Verkehrsbetriebe bedruckten vor ein paar Monaten Busse mit dem Spruch: "Liebe Schwaben, wir bringen Euch gerne zum Flughafen." Schwabenhass ist längst ein stehender Begriff.
Die Angst vor Überfremdung hat viele Gesichter, nicht unbedingt eine hässliche Pegida-Fratze. Damit das auch jeder versteht, pappte das Sternerestaurant Nobelhart & Schmutzig in Berlin-Kreuzberg Ende 2016 einen Aufkleber an die Eingangstür. Das Restaurant kocht radikal regional, nur mit Zutaten aus dem Berliner Umland, ohne Olivenöl aus Griechenland, ohne Zitronen aus Italien, ohne Pfeffer aus Malaysia. Die Botschaft des Aufklebers: AfD unerwünscht. Nicht dass jemand auf falsche Ideen kommt.
An Fassaden in Palma, der Hauptstadt Mallorcas, tauchten 2016 erstmals Graffiti mit Aufschriften wie "Tourist Go Home" auf. Auch "Tourist You Are the Terrorist" war zu lesen. Solche Auswüchse gibt es in Deutschland noch nicht, aber fragen Sie mal einen Hamburger, was er davon hält, dass seit einigen Monaten gefühlt die halbe Welt zu Besuch gekommen ist, um sich die Elbphilharmonie anzuschauen. Und nein, die Antipathien rühren nicht nur daher, dass die Hamburger die raren Konzerttickets lieber für sich hätten. Es geht schon auch darum, dass man auf dem Isemarkt, einem malerischen Wochenmarkt, am Stand der Landwirte aus der Region neuerdings mit, pardon, irgendwelchen Bauern aus Mecklenburg anstehen muss. Der Großstädter will Gemüse aus der Region, keine Besucher aus der Region.
Was kann das heute überhaupt sein: Heimat? Eher nicht mehr der Ort, an dem man geboren ist – und den man dann nach dem Abitur fluchtartig verlassen hat. Bilden sich Identitäten heute vielleicht anhand von Lebensstilen aus, von Lifestyles, um die sich Communitys scharen? Kann Veganismus eine Heimat sein? Der Fußballklub, den wir anfeuern? Die Menschen, denen wir in sozialen Netzwerken folgen? Ist unsere Filterblase unsere Heimat? Das Grenzregime jedenfalls ist in virtuellen Gemeinschaften oft strikter als in realen. Sie lassen sich leichter abriegeln.
Die grenzenlose Gegenwart führt offenbar dazu, dass die Menschen ideologische Grenzen enger ziehen, dass sie empörungsbereiter werden und Konflikte suchen, Daumen rauf, Daumen runter. "Die Schere zwischen Pro und Kontra spaltet sich mehr als jene zwischen Arm und Reich", schreibt Schüle, "der Gesinnungsfuror zwingt jeden Einzelnen zur klaren Kante." Bist du Gutmensch oder Pack? Linksgrün-versifft oder Rechtspopulist? Helles oder dunkles Deutschland? Im Bekenntniseifer der sozialen Netzwerke erkennt Schüle die Sehnsucht nach Zugehörigkeit, "nach einem UNS, das ein WIR voraussetzt, welches lauter gleichgesinnte ICHs verbindet". Twitter als Ort der seelischen Selbstbeheimatung.
Populisten konstruieren einen schlichten Antagonismus: die da oben, wir da unten. Sie sind im Identitätsbusiness. Aber tun die anderen, die Wohlmeinenden, die politisch Korrekten, die wahren Europäer, nicht oft dasselbe? Hier sie, die Guten, Klugen, Liberalen. Dort die anderen, die Bösen, Dumpfen, Rechten. Wer auf Twitter laut Chauvinist, Sexist, Rassist ruft, stellt Menschen an den Pranger, um sie ohne weitere Diskussion auszugemeinden. Wer Nazi ruft, betreibt Heimatschutz, er wirft das ihm Fremde aus dem Eigenen heraus. Nicht dass hier nun Missverständnisse entstehen: Es gibt Ansichten, die haben in einem demokratischen Gemeinwesen nichts zu suchen, aber dass es Ansichten gibt, die den eigenen widersprechen, macht eine Demokratie erst zur Demokratie. Eine Demokratie ist kein homogenes Heimatidyll, eine Demokratie ist offen für den Fremden, aber auch für das Fremde.
Schüle ist stark in der Diagnose, nicht so stark in der Entwicklung von Behandlungsvorschlägen. Das wichtigste Bindemittel zerfallender Gemeinschaften, schreibt er, sei das Gefühl der Beteiligung: "Je größer das Mitspracherecht ist, desto eher identifizieren sich Menschen mit einer Gegebenheit." Dem immer größer werdenden Teil der Migranten müsse das Gefühl gegeben werden, gebraucht zu werden, ihnen müsse eine Heimat gegeben werden, indem man sie ein Geschäft ihrer Wahl aufziehen lässt, äthiopische Cafés, nigerianische Restaurants, syrische Ich-AGs. Wenn das mal reichen wird. Generell müssten Güter und Dienstleistungen, so regt Schüle es an, in Kooperativen organisiert werden, die Heimat der Zukunft entstehe in der Gemeinschaft mikrosozialer Einheiten. Das ist ein wenig wolkig, aber vielleicht passt es auch. Heimat heute, das ist ein flüchtiges Sujet.
Lesen Sie zum Thema auch SPIEGEL WISSEN Heimat. Annäherung an ein schwieriges Gefühl
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Lebensmittel müssen unbedingt aus der Region sein. Sanddorn ist die neue Mango.

Heimatschutz aktuell: Was dem Sachsen der Syrer, ist dem Berliner der Schwabe.

Über den Autor

Tobias Becker, 39, ist Kulturredakteur des SPIEGEL. Aufgewachsen ist er in Wilgersdorf, einem kleinen Ort nahe Siegen im südlichen Westfalen. Vorübergehend hat er in Gießen gelebt, in Frankfurt am Main, München, Berlin, Istanbul, seit 2008 ist er in Hamburg zu Hause. Heimatgefühle aber hat er dort bis heute nicht.
Twitter: @tob_becker
* Christian Schüle: "Heimat – Ein Phantomschmerz". Droemer; 256 Seiten; 19,99 Euro.
Von Tobias Becker

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