01.07.2017

FilmkritikMachtspiele

„Die Erfindung der Wahrheit": Jessica Chastain als Karrierefrau, die sich mit der amerikanischen Waffenlobby anlegt
Vermutlich ist es ein Signal des Fortschritts, dass der Film "Die Erfindung der Wahrheit" dem Zuschauer eine unglaublich rücksichtslose, stolze und hinreißend schöne Frau als Superstar der Politikwelt in der US-amerikanischen Hauptstadt Washington vorführt. Warum aber erzählt der Regisseur John Madden seine Geschichte so irritierend altmodisch? "Miss Sloane" heißt sein Film im Original, was undezent auf die Bindungslosigkeit der mit Ende dreißig nicht mehr jungen Heldin hinweist.
Tatsächlich geht es um eine Frau, die statt mit Kollegen lieber mit einem Callboy Sex hat, und um Fake News. Die derzeit in Hollywood sehr beliebte Schauspielerin Jessica Chastain tritt auf als eine Heldin, die hart ist gegen sich selbst und gegen die Welt – und die Tatsachen verdreht, wo immer es ihr nützt.
Chastain spielt in "Die Erfindung der Wahrheit" Elizabeth Sloane, die unter den Lobbyisten von Washington als Königin gilt. Sie bewegt sich in Büroräumen, die kahl und blitzeblank sind. Sie blickt aus kalten Augen auf die Welt. Sie trägt ihr Gesicht wie eine Maske und ihr Lippenstiftrot, als wär's mit dem Spachtel aufgetragen.
Ihr Job ist es, eine Strafsteuer auf ungesundes Palmöl zu verhindern, für die sie die Bezeichnung "Nutella-Steuer" einführt. Also spendiert sie einem wichtigen Senator eine als Studienfahrt getarnte Vergnügungsreise nach Indonesien, ins Reich der Palmölproduzenten. Und hinterher sorgt der Politiker dafür, dass die Lebensmittelhersteller der USA ihre Konsumenten weiter unbeschränkt mit jeder Art von Palmölpampe vollstopfen dürfen; dass solche Deals den Bürgern schaden, ist allen Beteiligten egal.
"Die Erfindung der Wahrheit" fängt wie viele Hollywoodfilme über das Politikgeschäft (von "Erin Brockovich" bis "The Ides of March") als Lehrfilm an, in dem Gut und Böse und die Rollen klar verteilt sind. Elizabeth Sloane arbeitet in einer Washingtoner Großkanzlei, wird selbst von ihrem Chef gefürchtet und von den Mitarbeitern angehimmelt. Im Lobbyismus zählten nicht die Ziele, sondern die Kunst der Manipulation, so lehrt die Meisterin: "Ich bin angetreten, um zu gewinnen. Um zu gewinnen, treibt man seine Gegner vor sich her." Die Vernichtung des Widersachers muss mit Präzision, Geistesgegenwart und Geschmeidigkeit erledigt werden, als handle es sich um Kampfsport. Und niemals, wirklich niemals darf der Lobbyist juristisch verwertbare Spuren hinterlassen, die gegen ihn oder seine Auftraggeber zu verwenden wären.
Natürlich passiert genau das. Zur Verblüffung ihrer Kolleginnen und Kollegen, aber auch zu der des Kinozuschauers, lehnt es Elizabeth Sloane ab, für die US-Waffenlobby zu arbeiten. Sie verlässt die Kanzlei, tut sich zur Bekämpfung der Waffenindustrie mit einem Aktivistenanwalt zusammen – und wird von ihren Gegnern ins Visier genommen. "Es kommt darauf an, die anderen zu überraschen, und darauf, sich nicht selbst überraschen zu lassen", sagt Frau Sloane. Es ist der Zauber und ein bisschen auch der Fluch dieses Films, dass er sich konsequent an diese Devise hält. "Die Erfindung der Wahrheit" legt es derart übereifrig auf die Überraschung des Zuschauers an, dass die Wandlung der Hauptfigur aus dem Blick gerät.
Für die Schauspielerin Jessica Chastain ist Sloane nur eine Variante in ihrem Repertoire von Superkämpferinnen. Sie hat in "Zero Dark Thirty" (2012) eine CIA-Agentin auf der Jagd nach Osama Bin Laden gespielt. In "A Most Violent Year" (2014) war sie Mafiabraut und in "Interstellar" (2014) Weltraumforscherin. In "Die Erfindung der Wahrheit" entschließt sie sich keineswegs aus Gewissensgründen zum Fight gegen Amerikas Waffenindustrie, sondern aus Karrierekalkül und Lust am Machtspiel. Sie testet die Loyalität ihrer Jüngerschaft aus und zwingt die Frauen und Männer ihres Teams dazu, sich per Handzeichen für oder gegen sie zu entscheiden. Ausgerechnet an ihrer ergebensten Schülerin begeht Miss Sloane Verrat.
"Die Erfindung der Wahrheit" versteht sich als unterhaltsame Aufklärung über die Zustände in den Hinterzimmern der Politik, zugleich treibt der Film ein merkwürdiges Spiel mit seiner Hauptfigur. Bis zuletzt darf man rätseln, ob Elizabeth Sloane eine nur sich selbst und ihrer Lust an der Manipulation verpflichtete Autistin ist oder doch eine Heldin der Demokratie. Man kann diese Ambivalenz als Reiz empfinden oder als Feigheit des Regisseurs Madden. Jessica Chastain jedenfalls hat immer wieder verkündet, sie wünsche sich mehr Frauenmacht in Hollywood, mehr tolle Frauenrollen, mehr Filmkritikerinnen und mehr Regisseurinnen. Nun spielt sie die Hauptrolle in einem Männerfilm, der mit einer schlichten Pointe verblüfft: Ausgerechnet der Callboy folgt als Einziger moralischen Prinzipien.
Kinostart: 6. Juli
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 27/2017
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