08.07.2017

KommentarUrgrund des Lebens

Deutsche Schulen vernachlässigen die Evolutionstheorie.
In der Türkei soll die Evolutionstheorie jetzt aus dem Lehrplan gestrichen werden. Auch in Polen wird sie an den Rand gedrängt, und in den USA kämpfen die Kreationisten schon seit Jahrzehnten gegen Darwin im Schulbuch. Als aufgeklärter Deutscher ist es leicht, sich über solche wirren Eiferer zu erheben. Aber ist bei uns wirklich alles so gut, wie es scheint?
Die Evolutionstheorie ist die Basis zum Verständnis weiter Teile der Biologie und Medizin – von multiresistenten Krankenhauskeimen über die moderne Pflanzenzüchtung bis hin zu innovativen Krebstherapien. Doch im Verhältnis zu ihrer herausragenden Bedeutung siecht die Evolutionstheorie auch an deutschen Schulen dahin. Nicht wenige Grundschüler lernen zuerst im Religionsunterricht, wie die belebte Welt entstanden ist – und halten den Schöpfungsmythos in der Bibel zunächst einmal für die wahre Geschichte. Wie die Wissenschaft die Sache sieht, können diese Kinder meist nur zu Hause erfahren, denn im Sachunterricht wird das Thema Evolution kaum behandelt. Und an weiterführenden Schulen, kritisierte die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina kürzlich in einer Stellungnahme, fehle die "curriculare Gesamtplanung" beim Thema Evolution; selbst an vielen Universitäten spiele sie nur "eine Nebenrolle". Das Papier bemängelte zudem, dass der neueste Wissensstand nur mit Verzögerung in die Schulen Einzug halte.
Deutsche Bildungspolitiker, die keine türkischen Verhältnisse wollen, sollten also handeln: Gebt der Evolutionstheorie im Lehrplan endlich den herausragenden Platz, der ihr gebührt – von der ersten bis zur letzten Klasse.
Von Veronika Hackenbroch

DER SPIEGEL 28/2017
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