15.07.2017

AnalyseDer weiße Riese

Droht wirklich ein Tauwetter am Südpol?
Seit Monaten hatten die Forscher zugesehen, wie der Riss immer größer wurde. Vor wenigen Tagen nun geschah das Unausweichliche: Vor der Antarktischen Halbinsel brach ein Rieseneisberg ab – eine Billion Tonnen schwer, fast siebenmal so groß wie Berlin. Wie man hört, werden ihn die Glaziologen wohl auf den prosaischen Namen A-68 taufen. Zehn Jahre könnte es dauern, bis A-68 vollständig geschmolzen ist. Vermutlich wird er Richtung Nordosten driften und in zwei bis drei Jahren an den Südlichen Sandwichinseln ankommen. Vielleicht werden ihn Touristen unterwegs von einem Kreuzfahrtschiff aus bestaunen.
Der weiße Riese stammt von dem Schelfeis Larsen C. Dabei handelt es sich um eine mächtige Eisplatte auf dem Südpolarmeer, die mit dem antarktischen Kontinent verbunden ist und von den dortigen Festlandsgletschern gespeist wird. Dass sich von solchen Platten größere Teile lösen, ist ein ganz normaler Vorgang ("Kalben"). So brach im Jahr 1997 vom Larsen-Schelfeis ein Trumm ab, der sogar mehr als doppelt so groß war wie A-68. Weil Schelfeis ohnehin schon auf dem Wasser schwimmt, führt das Abtrennen von Rieseneisbergen auch nicht zu einem Anstieg des Meeresspiegels. Das könnte sich erst ändern, wenn die globale Erwärmung irgendwann zu einem weitgehenden Zerbröseln der Schelfeise führte. Denn diese bilden eine Art Barriere, die das Abfließen der Festlandsgletscher ins Meer verlangsamt. Bislang sind sich die Klimaforscher uneins, wie wahrscheinlich ein solcher Dominoeffekt wäre; er würde den Meeresspiegel aber ohnehin nur um einige Zentimeter erhöhen. Messungen zeigen, dass sich die Westantarktis so stark erwärmt wie kaum eine andere Weltgegend.
Die Antarktis als Ganzes jedoch ist ungeheuer stabil. Die Durchschnittstemperatur im Herzen dieses Kontinents beträgt unter minus 50 Grad. Selbst in Klimaphasen, in denen es auf der Erde über fünf Grad wärmer war als heute, blieb die Antarktis daher vereist. Und das ist auch gut so: Bei einem Tauwetter am Südpol würde der Meeresspiegel um apokalyptische 60 Meter ansteigen.
Von Olaf Stampf

DER SPIEGEL 29/2017
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