15.07.2017

SpektakelPartisan auf Freigang

Ex-Volksbühnen-Chef Frank Castorf tritt in Avignon seine Karriere als Heimatvertriebener an – mit dem rostigen Volksbühnen-Rad im Gepäck.
Nicht auf dem Müllhaufen der Theatergeschichte ist das Berliner Räuberrad gelandet, sondern in einem französischen Industriepark. Die berühmte, anmutig verrostete Skulptur, die Bühnenbildner Bert Neumann und Regisseur Frank Castorf sich im Jahr 1990 für ihre gemeinsame "Räuber"-Arbeit in der Volksbühne ausgedacht hatten, steht ein bisschen verloren auf einem Sperrholzsockel in der Betonwüste vor dem Messepalast der Stadt Avignon herum. "Stop buying stuff" hat irgendwer auf eine der Metallspeichen geschrieben; das passt nicht schlecht zu einem Ort, an dem es gewöhnlich ums Kaufen und Verkaufen geht.
"Für uns war es eine Frage der Ehre, das Rad mitzunehmen", sagt Castorf in einem Ton, als belustige ihn das eigene Pathos. Mehr als zwei Jahrzehnte lang stand das auf Rostfüßen ruhende Rostrad auf dem Rasen vor dem Theaterklotz am Rosa-Luxemburg-Platz: als historisches Symbol für Aufruhr und Wahrzeichen der von Castorf regierten Volksbühne. Nun hat der gefeuerte Intendant es aus der märkischen Erde rupfen lassen. Mit Zustimmung der Erben von Bert Neumann, der 2015 überraschend starb. "Es war wichtig zu sagen: Dieses Rad ist unser Rad", sagt Castorf. "Es gehört zu unserem Arsenal des Widerstands, und wir bringen es ins freie Frankreich."
Die Zikaden lärmen, Gewitterwolken türmen sich am Sommerhimmel, und weil in Avignon Festivalzeit ist, stapfen Hunderte Theaterbegeisterte in verschwitztem Hemd und Barfußsandalen in den Messepalast. Sie sind gekommen, um sich eine fünfdreiviertelstündige Castorf-Aufführung anzusehen, und sie werden am Ende jubeln. Im Laufe des Abends wird einmal brüllend verkündet: "Das ist die letzte Vorstellung der Volksbühne!" Aber das stimmt keineswegs.
Exakt eine Woche nachdem sich der jetzt 65-jährige Theaterleiter Castorf und seine Künstler mit einem Fest in Berlin verabschiedet haben, mit Reden, Beifall und Tränen, mit viel Alkohol und Musik und einer Samstagabendparty rund um den Theaterbau in der Mitte der Hauptstadt, findet hier die erste Show der Exil-Volksbühne statt. "Die Kabale der Scheinheiligen. Das Leben des Herrn de Molière" heißt die Produktion nach Texten des Russen Michail Bulgakow. Ihr zentraler Held ist der Theaterdichter Molière, der vor gut dreieinhalb Jahrhunderten mit einer Schauspieltruppe heimatlos übers Land zog. Castorf sagt, er spüre Lust, wie Molière kreuz und quer herumzureisen. "Ich würde unsere Arbeit gern auf der Straße zeigen, in Hallen und in Fußballstadien."
Im Herbst tritt der Belgier Chris Dercon als neuer Chef im geräumten Volksbühnen-Bau an. Doch mehrere dort entstandene Castorf-Inszenierungen werden, weil man Bühnenbilder, Masken und Requisiten zwischengelagert hat, anderswo weiter gespielt werden. Castorfs "Faust"-Streich vom März dieses Jahres wird in Wien und wohl auch in einem Berliner Theater neu erstehen, über andere Wiederaufnahmen wird verhandelt. Die never-ending Volksbühnentour (nach dem Vorbild des von Castorf respektierten Musikers Bob Dylan) läuft an, und die ursprünglich im Mai 2016 vorgestellte "Kabale der Scheinheiligen" ist dafür ein garantierter Hit. Die Aufführung findet komplett auf drei Wagen statt, die im Rampenlicht umhergeschoben werden. Sie präsentiert viele Große unter Castorfs Leibschauspielern, darunter Sophie Rois und Jeanne Balibar, Alexander Scheer und Georg Friedrich. Und sie ist ein hinreißender Lob- und Spottgesang auf einen Theaterfürsten, der oft identisch zu sein scheint mit Frank Castorf.
Es wird viel gelacht in der Aufführung in Avignon, die getreu der Castorf-Devise "Es braucht eine gesunde Feindschaft zwischen der Bühne und dem Publikum" auch eine Zumutung an Verweisen, Umwegen, Privatscherzen ist. Die Darstellerin Rois als Bulgakow und der Darsteller Scheer als Molière benutzen ihre Auftritte dazu, über den Zustand des Theaters im Allgemeinen und den der castorfschen Bühnenarbeit im Besonderen zu räsonieren.
"Ich hab mich ausgeschrieben. Es wird höchste Zeit, mir das Theater wegzunehmen." Es ist die Rede von der "Kunst der Stückezertrümmerung" und von bösen Selbstzweifeln. "Mir ist nichts gelungen, was mich nur im Geringsten zufriedengestellt hat", behauptet Scheers Molière; und allgemeiner: "Nur unter einer dauerhaften Macht kann die Theaterkunst florieren." Irgendwann beginnt der Schauspieler Jean-Damien Barbin, der hier eine Nebenrolle spielt, auf Französisch die Kunst der letzten 25 Volksbühnenjahre zu preisen, beklagt deren brutales Ende – und bittet das Publikum um eine Schweigeminute. Und tatsächlich sind die Menschen im Saal brav still, für ungefähr 20 Sekunden.
Eine steil aufragende Holzkutsche, deren Wände aufgeklappt werden können, damit sie sich in eine Theaterbühne verwandelt, ist der zentrale Spielort der "Kabale der Scheinheiligen". Es geht um Macht und Kunst. Durchgenommen werden – als handle es sich um ein Matroschka-Puppenspiel – drei Fälle von Künstlern, die sich einlassen mit den Mächtigen und ins Unglück stürzen, als man sie fallen lässt. Molière schäkert mit dem Sonnenkönig Ludwig XIV., bis er wegen des "Tartuffe" in Ungnade fällt. Bulgakow flirtet mit Stalin und muss am Beispiel des im Gulag verreckenden Regisseurs Meyerhold erkennen, dass Stalins Schergen "die Kunst zu Tode hetzen".
Und Castorf? Natürlich ist sein Fall vergleichsweise eine Farce. Es war der Berliner Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit, nicht ganz die Liga von Ludwig XIV. und Stalin, der dem Theatermann Castorf über viele Jahre hin sonnig zugetan war – bis er eines Tages wegen des Skandallärms um eine Flughafenbaustelle abtrat und seinen Künstlerfreund mittelbar ans Messer lieferte. "Franks Theater scheitert an der Tragödie", rufen sie in Avignon empört auf der Bühne. "Nach nur 25 Jahren!" Das Festivalpublikum quietscht vor Vergnügen.
Es gehört zur Begabung Castorfs, dass er bei aller künstlerischen Unerbittlichkeit seit je beides betreibt: die Selbsterhöhung und die Selbstverhöhnung. Während des Vierteljahrhunderts, in dem er die Volksbühne regierte, hat er sein prinzipielles Desinteresse am Job des Intendanten bekundet, seine Gier nach Aufbrüchen weg aus der Grummlerstadt Berlin in die heitere weite Welt, seine Abneigung gegen demokratische Ideen. Und doch war er so entschieden Intendant, dass er in seinem Haus streng Regisseure und Mitstreiter verjagte, deren Arbeit ihm läppisch vorkam oder ihn anödete. Er war disziplinierter Preuße genug, dass er nach monatelangen Gastregie-Aufenthalten in Lateinamerika jeweils erfrischt nach Berlin zurückfand. Und er war Kollektivmensch genug, dass er dort mit den Technikern, Schauspielern und Dramaturgen eine Gemeinschaft schuf, deren Identität durch den Schriftzug "Ost" auf dem Volksbühnendach definiert wurde – obwohl viele der wichtigen Volksbühnenmenschen aus dem deutschen Westen, aus Österreich und der Schweiz kamen.
"Wir wollten das Disparate zusammenbringen. Wir fanden nie, dass in unserem Theater nur Leute arbeiten sollten, die sowieso zusammenpassen", sagt Castorf. Ebendie, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun hatten, hätten ihn interessiert. Nicht bloß künstlerisch, auch "altersmäßig, politisch, sexuell haben wir uns gemocht".
Und jetzt soll das Abenteuer wirklich vorbei sein? Der Schlussbeifall im Messepalast ist verrauscht, der Regisseur sitzt hinter der Bühne auf einem Klappstuhl und trinkt Wein aus dem Plastikbecher. Castorf wirkt vergnügt, auch gerührt von der Verausgabungsbereitschaft seiner Darsteller, von denen einige nur noch krächzen können. Haben ihn die Liebesbezeugungen zum Volksbühnen-Finale überrascht? "Ich finde so einen Augenblick von Kitsch, Naivität, Pathos großartig, nach 25 Jahren, in denen man alle Produktionsmittel reingesteckt hat", sagt er. "Erst hinterher lacht man vielleicht drüber."
Ziemlich souverän hat er in den vergangenen zwei Jahren einfach dazu geschwiegen, dass Berlins Kulturpolitiker den aus Belgien stammenden Museumsmann Chris Dercon zu seinem Nachfolger bestimmt haben. "Ich habe kein Feindbild", sagt er in Avignon, Dercon sei "ein Mann, der mich wirklich nicht interessiert." Statt selbst den Empörten oder Beleidigten zu markieren, hat er zugesehen, wie sich viele andere Menschen wegen Dercon und dessen Plänen in Rage redeten. Selbst jetzt, nach der finalen Adieu-Party, geht der Protest weiter. Zu Hause in Berlin haben inzwischen über 18 000 Kulturinteressierte, Stand vergangenen Donnerstag, auf der Plattform Change.org eine Petition mit dem Titel "Zukunft der Volksbühne neu verhandeln" unterschrieben. Hauptadressaten des Aufrufs sind Wowereits Nachfolger Michael Müller und dessen Kultursenator Klaus Lederer. Prominente Erstunterzeichner waren Navid Kermani, Dominik Graf und Dirk von Lowtzow.
Er verstehe sich immer noch als Partisan, als Widerständler, als Räuberhauptmann, sagt Castorf in Avignon. Und doch ist er ein Mann, der in den großen Palästen des Kulturbetriebs zu Hause ist. Er wird trotz seiner neuen Vagabundenfreiheit weiter an festen Häusern arbeiten, in der nächsten Saison zum Beispiel am Münchner Residenztheater und am Berliner Ensemble.
Er sei als typischer Deutscher durch und durch Hegelianer, habe kürzlich ein Freund in Paris zu ihm gesagt, berichtet Castorf. Ständig setze er Thesen in die Welt und formuliere im nächsten Augenblick die Antithese. Kaum sei er für eine Sache oder einen Menschen entbrannt, schon packe ihn der Widerwille. "Das stimmt. In der Arbeit ist es interessant. Im Leben ist es manchmal schwer auszuhalten."
Natürlich weiß Frank Castorf, dass das dramatische Ende der Volksbühne nicht bloß ein schmerzhafter Bruch war, sondern auch ein Glück. Der französische Freund hat dem ewigen Dialektiker Castorf einen Rat mit auf den Weg gegeben. Er lautet: "Du hast einen guten Zorn. Verwechsle ihn nicht mit dem Hass."
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 29/2017
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