22.07.2017

KommentarHandelsschluss

Die Deutsche Börse braucht eine neue Führung.
Immer, wenn man denkt, die Führung der Deutschen Börse könne sich nicht noch mehr blamieren, setzt sie einen drauf. Jetzt teilte das Unternehmen mit, die Staatsanwaltschaft habe in Aussicht gestellt, die Ermittlungen wegen Insiderhandel gegen Börsenchef Carsten Kengeter ohne Auflagen einzustellen. Zugleich würden Geldbußen über 10,5 Millionen Euro gegen die Deutsche Börse als Firma verhängt. Blöd nur, dass das nicht die ganze Wahrheit ist. Die Staatsanwaltschaft stellte klar, dass das Verfahren gegen Kengeter weiter offen sei.
Das ist mehr als nur missglückte Kommunikation. Der verkündete Befreiungsschlag ist mitnichten befreiend. Die Bußgeldforderung gegen das Unternehmen zeigt, wie fehlerhaft der Aufsichtsrat agiert hat. Er trieb Börsenchef Kengeter sehenden Auges in einen Insiderhandel.
Der Aufsichtsrat spendierte Kengeter ein Aktienoptionspaket, als die geheimen Gespräche über eine Fusion mit der Londoner Börse bereits liefen. Er konnte seine Optionen nur in der heiklen Phase der Fusionsanbahnung nutzen – während die Öffentlichkeit über die Pläne noch nichts wusste.
Kengeter ist allerdings kein Opfer. Er spielte mit, obwohl er wissen musste, dass er damit womöglich gegen die Regeln verstieß. Natürlich bleibt abzuwarten, wie die Staatsanwaltschaft Kengeters Verhalten strafrechtlich bewertet. Es wäre allerdings schwer zu erklären, dass das Unternehmen wegen Insiderhandel zahlen muss, während der handelnde Börsenmanager ohne Blessuren aus der Sache herauskommt.
Beschädigt sind alle. Das Unternehmen, Aufsichtsratschef Joachim Faber, Kengeter. Sie haben schon ihren Plan einer Fusion mit der Londoner Börse dilettantisch gehandhabt. Sie haben seitdem keine schlüssige neue Strategie gezeigt. Sie, die Börsenchefs, erweisen sich als unfähig im Umgang mit den Börsenregeln. Kengeter und Faber haben sich selbst disqualifiziert. Was muss noch passieren, damit sie zurücktreten?
Von Martin Hesse

DER SPIEGEL 30/2017
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