29.07.2017

FinanzenWas am Ende übrig bleibt

Wie lebt die deutsche Mittelschicht? Ein Blick in die Haushaltsbücher einer alleinerziehenden Mutter, eines Singles und einer Familie mit zwei Kindern.
Sie ist nicht ganz oben, und sie ist nicht ganz unten, aber sie ist stark, sie hat die Macht der vielen. Rund 40 Millionen Deutsche gehören ihr an, sie sind Lehrer, Postboten, Ärzte, Tischler, Finanzbeamte, Maurermeister, und sie alle sind: die Mittelschicht.
Die Mittelschicht, das sind: Leute wie du und ich. Leute, die jeden Tag zur Arbeit gehen; Leute, die ihre Steuern zahlen; Leute, die funktionieren. Leute, um die man sich nicht kümmern muss, es sei denn, Wahlen stehen vor der Tür. Dann kommt Martin Schulz, der Herausforderer, und sagt, er wolle um die Stimmen der "hart arbeitenden Mitte" kämpfen, dann kommt Angela Merkel, die Kanzlerin, und verspricht dem "sogenannten Mittelstandsbauch" eine Steuererleichterung von 15 Milliarden Euro.
Wo fängt die deutsche Mittelschicht an, wo hört sie auf? Auf diese Frage geben Ökonomen unterschiedliche Antworten. Wer zur Mitte der Gesellschaft gehört, wird über Geld definiert. 4713 Euro netto hat laut Statistischem Bundesamt eine deutsche Familie mit mindestens einem minderjährigen Kind durchschnittlich jeden Monat zur Verfügung, ein Single 1953 Euro, eine Alleinerziehende 2235.
Weil wenige Spitzenverdiener ausreichen, um die Werte nach oben zu verzerren, halten die meisten Wirtschaftswissenschaftler das sogenannte Medianeinkommen für den sinnvolleren Maßstab: Das ist jene Summe, bei der es genauso viele Haushalte mit einem höheren Einkommen gibt wie mit einem niedrigeren.
Der Betrag, der die Singlehaushalte in eine besser und in eine schlechter situierte Hälfte teilt, lag zuletzt bei 1760 Euro netto, für eine vierköpfige Familie bei 3690. Das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln zählt alle Haushalte, die auf 80 bis 150 Prozent dieser Summen kommen, zur "Mitte im engen Sinn". Ein Alleinstehender zählt somit zur klassischen Mitte, wenn er netto zwischen 1410 und 2640 Euro monatlich einnimmt, die vierköpfige Familie liegt zwischen 2950 und 5540 Euro.
Der Anteil der Mittelschicht an der Gesamtbevölkerung hat sich in den vergangenen Jahren kaum verändert. 1991 gehörte jeder zweite Haushalt dazu, 2002 waren es 52 Prozent, 2014 trugen rund 48 Prozent der Deutschen die Hauptlast für die Rente, bei der Arbeitslosen- und Krankenversicherung, bei den Steuern.
Wie geht es der Mittelschicht? Was kann sich eine alleinerziehende Mutter aus Baden-Württemberg leisten, die sich um drei Kinder kümmern muss? Welchen Traum kann sich eine Familie aus Bayern verwirklichen? Und wie kommt ein durchschnittlich verdienender Single aus Hamburg zurecht? Wie sparen sie, wenn sie es denn können? Welche Sorgen und Wünsche haben sie?
Der SPIEGEL hat einen Blick in drei Haushaltsbücher geworfen: Welche Einnahmen stehen auf der Habenseite, welche Ausgaben auf der Sollseite, und welche Summe bleibt am Ende des Monats übrig?


Die Alleinerziehende

Jeden Morgen, bevor Lénaik Le Héritte um halb sieben aufsteht, um für ihre Kinder Bilal, Madina und Aliya die Schulbrote zu schmieren, betet sie im Stillen: Lieber Gott, bitte lass den heutigen Tag irgendwie gut gehen; mach, dass mein Auto nicht in die Werkstatt muss; mach, dass die Schuhe der Mädchen noch halten; und bitte mach, dass ich nicht krank werde.
Sie sagt: "Wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, weiß ich nicht mehr, wie wir über die Runden kommen sollen."
Lénaik Le Héritte sitzt am Esstisch eines Reihenhauses in Lauffen am Neckar, wo sie zur Miete wohnt. Sie ist 52 Jahre alt, geboren in Frankreich, eine alleinerziehende Mutter.
Nach zwölf Jahren Ehe hat sie sich von ihrem Mann getrennt, 2012 war das, seitdem ist ihr Leben geprägt von Verzicht.
Das Sofa, das Bücherregal, die Stühle im Wohnzimmer – alle Möbel hat sie gebraucht gekauft, bei Ebay oder auf Flohmärkten. Die Bluse, die sie trägt, hat sie aus einem Secondhandladen, wie die meisten ihrer Kleidungsstücke, der Schal ist das Geschenk einer Freundin. Wenn sie sich ausnahmsweise bei H&M für 50 Euro zwei Hosen gönnt, muss sie sich von ihrer ältesten Tochter sagen lassen, sie denke nur an sich.
In den vergangenen drei Jahren war sie einmal im Urlaub, für eine Woche in Marseille bei einer Freundin. Sie geht nicht mehr ins Theater und, wenn es hochkommt, dreimal im Jahr ins Kino: zu teuer, sie braucht das Geld für die notwendigen Dinge. Sie hat kein Festnetztelefon, keinen Internetanschluss, und haftpflichtversichert ist sie auch nicht.
Ihre Kinder sind 8, 12 und 14 Jahre alt, sie bekommen kein Taschengeld, sie können kein Netflix gucken, kein Spotify hören, auf dem Tisch liegt eine alte CD mit den Hits von Michael Jackson. Die begehrten Markenturnschuhe gibt es, wenn überhaupt, zu Weihnachten, vorausgesetzt, die Verwandten geben einen Zuschuss.
Lénaik Le Héritte hat Französisch, Italienisch und Englisch studiert, wie so viele Alleinerziehende ist sie gut gebildet, muss aber mehrere Jobs annehmen, um ein Auskommen zu haben. Sie ist in Teilzeit angestellt beim Schreibwarenhersteller Baier & Schneider, 21 Stunden in der Woche, sie kümmert sich um Übersetzungen und pflegt die Produkt-Datenbank. Außerdem arbeitet sie auf Honorarbasis als Lehrbeauftragte für Französisch an der Hochschule in Heilbronn.
Nur ein Drittel der Alleinerziehenden gehört in Deutschland zur Mittelschicht, etwa genauso viele leben von Hartz IV. Lénaik Le Héritte geht es also relativ gut: Insgesamt verdient sie 1843 Euro netto, mit Kindergeld und Unterhalt kommt sie auf 2725 Euro. Am Monatsende bleiben ihr manchmal 200 Euro übrig, manchmal gar nichts, manchmal rutscht sie ins Minus. Ein Vermögensaufbau ist unmöglich.
Lustkäufe kennt sie nicht, der einzige Luxus, den sie sich leistet, sind die Tanzstunden und der Musikunterricht für die Mädchen: Aliya spielt Querflöte, Madina Trompete. "Ich sage ihnen oft: Übt mal, spielt mir was vor, damit es sich lohnt."
Ihr Sohn Bilal geht montags nach der Schule in den Hort, so kann sie einmal in der Woche bis 17 Uhr im Büro bleiben. An den anderen vier Werktagen unterrichtet sie zusätzlich an der Universität. Seit sechs Jahren gibt sie dort Kurse für Wirtschaftsstudenten, ohne feste Stelle. Ihr Vertrag läuft immer nur über ein Semester.
"Für mich kann es schnell vorbei sein. Das bereitet mir große Sorgen", sagt sie. "Ich bin über fünfzig – wenn ich einen meiner Jobs verliere, weiß ich nicht, ob mich noch mal jemand einstellt."
Lénaik Le Héritte hat keine Kapitalanlagen und keine Zinseinnahmen. Sie hat Schulden. Vor fünf Jahren musste sie einen Kredit über 6000 Euro aufnehmen, weil sie ihr Girokonto und die Kreditkarte überzogen hatte: Sie brauchte damals dringend einen neuen Laptop und ein Auto. Sie hat sich einen gebrauchten Toyota Corolla gekauft. "Der Wagen ist mein einziger Vermögenswert." Dabei gehört er ihr gar nicht, jedenfalls nicht ganz, 1500 Euro muss sie noch tilgen.
Von ihrem Exmann stehen ihr 565 Euro Unterhalt für die Kinder zu, doch die volle Summe erhält sie selten. Mal sind es 500 Euro, häufig 300, mal 400. Wenn sie den Unterhalt bei ihrem Exmann pfänden lassen muss, was in der Vergangenheit vorgekommen ist, erhält sie Prozess- und Verfahrenskostenhilfe. "Wenn der Unterhalt ganz ausbleibt, wird es extrem knapp", sagt Lénaik Le Héritte.
Sie kocht Nudeln, Reis, Kartoffeln und dann wieder von vorn: Nudeln, Reis, Kartoffeln. Kostet wenig und macht satt. Sie kauft die Billigmarke von Rewe, beim Bäcker fragt sie nach dem Brot vom Vortag. Ins Restaurant geht sie nie.
Sie erhält kein Wohngeld, der Beitrag für die Kfz-Versicherung hat sich nach einem Unfall fast verdoppelt, und sie muss Steuern vorauszahlen, umgerechnet auf den Monat 90 Euro. "Als Paar profitiert man vom Ehegattensplitting, Alleinerziehende werden nicht begünstigt." Sie fühlt sich vom Staat alleingelassen.
Sie wünscht sich, ihre Leistung als Mutter würde stärker gewürdigt, sie fände es vernünftig, wenn Alleinerziehende mehr Kindergeld bekämen als Familien. Vor der Arbeit muss sie zusehen, dass die Kinder pünktlich zur Schule kommen, nach Feierabend kontrolliert sie Hausaufgaben, kauft ein, putzt, wäscht, macht Abrechnungen. Abends bereitet sie ihren Unterricht an der Hochschule vor, korrigiert Tests. Zeit für sich findet sie oft erst um 22 Uhr. "Und dafür bekomme ich dann 700 Euro Rente."
Das ist ihre größte Sorge: nicht zu wissen, wie sie im Alter ihre Existenz sichern soll. Sie fürchtet sich vor Altersarmut. Lénaik Le Héritte sagt: "Ich rechne mit dem Schlimmsten."


Die Familie

In Oberottmarshausen, einer Gemeinde 20 Kilometer südlich von Augsburg gelegen, steht in der Königsbrunner Straße ein denkmalgeschütztes Haus, erbaut anno 1715, mit Erkern, grünen Fensterläden und freiliegenden Dachbalken im Obergeschoss. In dem Haus wohnen seit drei Jahren Silke Wendt und Hanspeter Vietz mit ihren Kindern Lasse und Lucy. Eine von 8,1 Millionen Familien mit minderjährigen Kindern in Deutschland. Gut die Hälfte von ihnen zählt zur Mittelschicht.
Vietz ist 54 Jahre alt und arbeitet als Angestellter im öffentlichen Dienst an der Universität Augsburg, Entgeltgruppe E14. Silke Wendt, 42, hat eine Dreiviertelstelle, 30 Stunden pro Woche, als Marketingreferentin beim Roboterhersteller Kuka. Ihr Haushalt verfügt im Monat über 5484 Euro netto, die Familie liegt mit dieser Summe an der oberen Grenze der Mitte im engen Sinne.
Wenn die Eltern von der Arbeit kommen, sitzen sie häufig im Garten, so wie jetzt, und denken: Was geht's uns gut. "Wir wissen, dass wir insgesamt zum privilegierten Teil unserer Gesellschaft gehören, obwohl wir jetzt nicht die Superverdiener sind", sagt Vietz, während die Briketts im Grill durchglühen. Silke Wendt ergänzt: "Die Kombination unserer Gehälter erlaubt es uns, nicht auf jeden Cent gucken zu müssen." Lucy, neun Jahre alt, schaukelt im Hängesessel unterm Baum, ihr Bruder Lasse, elf, streamt Musik von Alan Walker auf den tragbaren Lautsprecher.
Bevor sie aufs Land gezogen sind, lebten sie in Augsburg in einer Wohnung, 98 Quadratmeter, nahe zur Arbeit zwar, aber eng auf Dauer, die Kinder mussten sich ein Zimmer teilen. Die Familie hat lange suchen müssen, bis sie ein Haus fand, das finanzierbar war, groß genug und Charme besaß. In der Stadt hätten sie sich keine vergleichbare Immobilie leisten können, "die Quadratmeterpreise, egal ob Eigentum oder Miete, werden immer verrückter", sagt Vietz.
200 000 Euro haben sie aufgenommen, für Tilgung und Zins zahlen sie 850 Euro monatlich. Das Haus dient als Altersvorsorge und Kapitalanlage zugleich. "Das Modell funktioniert aber nur, wenn alles weiterläuft wie bisher", sagt Vietz. "Wenn einem von uns was passiert oder einer seinen Job verliert, müssen wir uns mächtig einschränken." Eine Risikolebensversicherung haben sie nicht abgeschlossen, sie denken aber darüber nach.
Wegen des Umzugs mussten sie sich ein zweites Auto kaufen, Vietz fährt 15 Minuten zur Arbeit, Silke Wendt braucht zehn Minuten länger. Sie haben einen Familien-Van von Ford und einen Kleinwagen, im Monat geben sie 648 Euro für Benzin aus, einer der größten Posten in ihrem Etat.
Am teuersten sind die Kinder. Essen, Klamotten, Kita, Schulbücher und das erste Smartphone, statistisch kostet jedes Kind zwischen sechs und zwölf Jahren mehr als 600 Euro im Monat.
Lucy turnt und nimmt Klavierunterricht, Lasse spielt Tennis, sie gehen in die vierte und sechste Klasse, bekommen vier und sechs Euro Taschengeld in der Woche. Rechnet man die Gebühren für die Ganztagsbetreuung in der Schule hinzu, bleibt vom Kindergeld schon nichts mehr übrig.
Jeden Monat überweisen die Eltern 280 Euro auf ein gesondertes Vorsorgekonto, für den Führerschein, die Lehre, das Studium. Lucy hat ein Handy, Lasse braucht neue Angelhaken und will die angesagten Sneaker haben. "Kinderschuhe sind unverhältnismäßig teuer", sagt Silke Wendt. Wenn Lasse zusätzlich zu den Schuhen, die er braucht und möchte, unbedingt noch ein ganz bestimmtes Paar haben will, seine Eltern aber meinen, es sei nicht unbedingt nötig, dann "fragen wir ihn schon, ob ihm das eine Investition seines Taschengeldes wert ist".
Eltern, die zwei Kinder großziehen, verdienen bis zu deren Volljährigkeit schlechter als kinderlose Paare, weil sie weniger arbeiten; laut bayerischer Verbraucherzentrale liegt die Differenz bei 175 000 Euro. Trotzdem sind weder Vietz noch Wendt der Meinung, dass es Luxus sei, Kinder zu haben.
Ein Preistreiber sind die Nebenkosten, für Gas und Strom zahlt die Familie 347 Euro. "Seit Jahren steigen die Abschläge", sagt Vietz. "Ich weiß nicht, wo das enden soll." Schon länger hat er sich vorgenommen, im Internet günstigere Anbieter zu suchen.
Das Ehegattensplitting ist ein Sonderweg der deutschen Steuerpolitik, es nützt vor allem Paaren, deren Gehälter weit auseinanderliegen, ein Modell zur Belohnung des traditionellen Rollenbildes. Etwa 13 Millionen Deutsche profitieren davon – Silke Wendt und Hanspeter Vietz nicht. Sie sind nicht verheiratet. Es war eine bewusste Entscheidung, paradoxerweise auch aus finanziellen Gründen.
Vietz ist privat krankenversichert und hätte, wenn er verheiratet wäre, auch die Kinder privat versichern müssen. Das wäre teuer geworden. Sein Arbeitgeberanteil ist auf 280 Euro gedeckelt, er hat bereits seine Selbstbeteiligung von null auf 900 Euro angehoben, um den Beitrag zu senken, mittlerweile zahlt er aber genauso viel wie vorher. "Wenn ich mir angucke, wie viel Rente mir prognostiziert wird – das wird wahrscheinlich gerade mal für meine Krankenversicherung reichen."
Er ist der Meinung, dass er zu viel Steuern zahlt. Vietz verdient brutto fast doppelt so viel wie seine Partnerin, netto bekommt er jedoch nur 100 Euro mehr raus als sie. "Der Steuersatz schlägt bei mir voll durch." Er sagt, er werde dafür bestraft, dass er auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur gemacht und studiert habe.
Nach der Realschule hat er Elektriker gelernt, anschließend eine Ausbildung zum Zöllner absolviert, mit 24 war er Beamter im mittleren Dienst. Dann hat er gekündigt, um am Hessenkolleg die Hochschulreife nachzuholen. Wäre er Zöllner geblieben, sagt er, würde er "heute definitiv mehr im Portemonnaie haben". Weil er als Angestellter im öffentlichen Dienst anders besteuert wird als ein Beamter und weniger Zuschläge erhält.
Bei seiner Karriere laufe er auf eine Versorgungslücke zu, sagt Vietz. Damit er die Lücke mit eigenen Rücklagen schließen kann, geht er davon aus, das Haus verkaufen zu müssen, wenn die Kinder ausgezogen sind. "Es wird uns nichts anderes übrig bleiben, als uns dann wieder etwas Kleineres zu suchen." Seine Lebensgefährtin zahlt monatlich 100 Euro in die Riester-Rente, "aber damit mache ich auch keine großen Sprünge", sagt sie.
Die Familie hält sich für relativ sparsam, aber nicht geizig. Sie haben oft Urlaub in Polen gemacht, in Kolberg, weil Silke Wendts Mutter dort eine Wohnung besitzt. Letztes Jahr waren sie im Sommer auf Sardinien, für 3500 Euro, und in den Pfingstferien im Juni eine Woche in London. "Das war eine absolute Lustreise", sagt Vietz. "Wäre nicht nötig gewesen, können wir aber bezahlen." Sie hatten einen Billigflug, der mitten in der Nacht gelandet war. Und ihre Unterkunft hatten sie über Airbnb gebucht, sie lag am Stadtrand, 40 Pfund die Nacht für vier Personen.
Grundnahrungsmittel werden beim Discounter gekauft, alle anderen Lebensmittel in Großmärkten wie Rewe und Kaufland. Abends wird häufig noch warm gegessen, selbst gemachte Spätzle, Erbseneintopf mit Wiener Würstchen aus der Dose. Etwa zweimal im Monat gehen sie zu viert ins Restaurant. Am Ende eines Monats bleiben 140 Euro übrig, "daraus könnten wir locker 700 machen", sagt Vietz.
Es gibt kein Ziel, für das die Familie spart, aber es gibt Wünsche, die sie sich gern erfüllen würde: das Fischrecht an einem eigenen Gewässer, ein Wohnmobil, zwei Hunde, eine Haushaltshilfe. Hanspeter Vietz sagt: "Wir sind aber total zufrieden, wir müssen beide arbeiten, um den Lebensstandard zu halten, den wir haben – das passt schon so."


Der Single

In der Einzimmerwohnung von Stephan Schulze steht ein Didgeridoo neben der Kommode, er hat es aus Australien mitgebracht, nach dem Zivildienst ist er für acht Wochen durch das Land gereist. Den Kühlschrank verzieren Magneten mit Bildern des Grand Canyon, da war er auch schon. Er ist durch China getourt und will nach Peru, nach Machu Picchu. Schulze will die Welt sehen. Er sagt, es sei ihm wichtig, "dass ich finanziell immer in der Lage bin zu reisen".
Schulze ist Single und lebt in Hamburg, wo jeder zweite Haushalt aus nur einer Person besteht. Im Mai ist er 31 Jahre alt geworden, ein Mann von herzlicher Art, mit Stoppelbart, kariertem Hemd. Er hat die Realschule abgeschlossen, wollte ursprünglich Koch oder Physiotherapeut werden, hat sich dann aber drei Jahre lang zum Erzieher ausbilden lassen und die Fachhochschulreife erworben.
Seit Dezember 2012 leitet er im Stadtteil Dulsberg eine Kindertagesstätte. Der Migrantenanteil in den Gruppen beträgt 70 Prozent, Träger der Kita ist die gemeinnützige Bildungs-GmbH Pedia.
Sein Arbeitstag beginnt um sieben und endet um halb fünf, er hat eine 39-Stunden-Woche, eigentlich. Weil er oft länger im Büro sitzt, haben sich 100 Überstunden angesammelt. Schulze verdient 1994 Euro netto, sein Gehalt ist angelehnt an den Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst. Urlaubsgeld bekommt er nicht, das letzte Weihnachtsgeld betrug 60 Prozent eines Monatsgehalts, 2015 erhielt er nur 100 Euro.
Obwohl Schulze auf nichts verzichten muss, hält er sich für nicht angemessen bezahlt. "Die Eltern vertrauen uns das Wichtigste an, was sie haben: ihre Kinder. Dafür ist das Gehalt ein Witz", sagt er. "Erzieher ist kein Job, den jeder einfach so mal machen kann. Von uns wird viel verlangt."
Ihn ärgert, dass Berufe wie seiner zwar gesellschaftlich angesehen sind, aber nicht entsprechend vergütet werden. "Der komplette soziale Bereich müsste besser verdienen: Krankenschwestern, Altenpfleger, Rettungssanitäter." Für sich hielte er 1000 Euro mehr im Monat für angemessen, "1500 wären super, sind aber unrealistisch".
Stephan Schulze ist in Mölln aufgewachsen; als es ihm in seiner Heimatstadt zu eng und zu langweilig wurde, zog er nach Lübeck, schließlich weiter nach Hamburg. Weil zu Hause niemand auf ihn wartet, geht er jeden Tag nach der Arbeit erst einmal in den Fitnessklub, zu Holmes Place, stemmt anderthalb Stunden lang Gewichte. Er duscht im Gym, das spart Geld: Privat zahlt er für Wasser nur einen monatlichen Abschlag von sieben Euro.
In seiner Freizeit fotografiert er, am liebsten Landschaften. Vergangenes Jahr hat er sich eine neue Kamera gekauft, eine Canon 7D für 1300 Euro. Er sagt, Luxus bedeute für ihn, sich all die Dinge kaufen zu können, die er haben möchte, "auch wenn ich dafür sparen muss". Momentan legt er Geld für ein Stativ zur Seite.
Über seine Ausgaben führt Schulze präzise Buch, er sammelt Kassenzettel in einer Klarsichthülle: 75,98 Euro für Hosen von Abercrombie & Fitch, 47 Euro für sechs Teile von Esprit, 33,14 Euro für Sportunterwäsche von Nike. Im April hat er auf einer Städtereise nach Prag acht Stangen Zigaretten gekauft, die reichen für ein paar Monate.
Mittags isst er in der Kita mit den Kindern, abends kocht er, macht frische Pasta in Weinsoße mit Zucchini und Auberginen. Er will sich gesund ernähren, auf Fertigprodukte verzichtet er.
Zweimal in der Woche kauft er Fleisch, Bioqualität. Mal erledigt er seinen Wocheneinkauf bei Edeka, mal im Rewe-City, mal bei Aldi: Schulze schaut jeden Samstag die Werbeprospekte durch, auf der Suche nach den günstigsten Angeboten. Süßkartoffeln hat er zuletzt bei Lidl gekauft, ein gutes Kilo für 2,67 Euro, 30 Flaschen Pepsi Light für 17,70 Euro. Er sammelt Payback-Punkte, die er für Putzmittel einsetzt.
Schulze lebt auf 30 Quadratmetern, mit französischem Balkon. Es ist sauber und aufgeräumt, auf dem Tisch steht eine Vase mit weißen Tulpen, auf dem Sideboard ein Großbildfernseher von Toshiba. Schulze ist nicht verschuldet, er hat eine Hausrat- und eine Zahnzusatzversicherung. Und er besitzt ein Auto, einen VW up! mit 68 PS. Der Wagen war geleast, am Ende des Vertrags löste er ihn ab.
Wenn er abends ausgeht, dann nicht in eine Disco oder eine Kneipe, er trifft sich privat mit Freunden. Dem Gastgeber bringt er ein Geschenk mit, einen Strauß Blumen oder eine gute Flasche Rotwein. "Das gehört sich so, und ich kann es mir leisten."
Es geht ihm gut. Schulze sagt, auf einer Skala von eins bis zehn sehe er sich bei sieben. Es gibt Monate, da kann er gut 600 Euro zurücklegen. Wenn er in den Urlaub fährt oder das Auto zur Inspektion muss, so wie im Mai, ist es weniger.
Obwohl er noch jung ist, macht er sich Gedanken über die Altersvorsorge. Zahlt er weiterhin in die Rentenkasse wie bisher, hätte er später Anspruch auf 1230 Euro im Monat. Schulze ist sich nicht sicher, ob das reichen wird, trotz der Betriebsrente, die er obendrauf bekommt. Er zahlt daher noch in die Riester-Rente ein, und er will sich eine Eigentumswohnung kaufen, solange die Kredite günstig sind. 55 Quadratmeter, zweieinhalb Zimmer, das ist seine Vorstellung, Schulze wäre bereit, dafür rund 200 000 Euro zu zahlen. Knapp zehn Prozent Eigenkapital bringt er mit, 19 870 Euro, die auf einem Sparbuch liegen. Mit Sondertilgungen könnte ihm die Wohnung in 20 Jahren gehören. Er wäre dann 51.
Keine schlechte Perspektive, findet Stephan Schulze.
Monatliche Einnahmen in Euro:
Gehalt Baier & Schneider (brutto): 1619,00
Honorar Hochschule: 700,00
abzügl. Steuern: - 105,00
abzügl. Sozialversicherungen: - 371,00
Kindergeld: 582,00
Unterhalt: 300,00
Gesamtnetto: 2725,00
Monatliche Ausgaben in Euro:
01.05. Tanken Aral: - 20,00
02.05. Strom: - 71,00
02.05. Gas: - 74,00
02.05. Wasser: - 28,00
03.05. Lebensmittel Rewe: - 14,24
03.05. Katzenfutter dm: - 5,60
03.05 Kredite Auto u. Bank: - 144,00
03.05. Musikunterricht: - 100,00
03.05. Single-Versicherung: - 14,00
04.05. Lebensmittel Rewe: - 9,21
04.05. Tanzunterricht: - 25,00
04.05. Kfz-Versicherung: - 117,00
05.05. Tanken Aral: - 10,16
05.05. Lebensmittel Rewe: - 29,98
05.05. Bücher/Spielzeug: - 11,99
05.05. Eisdiele Vanilla: - 4,50
06.05. Lebensmittel Rewe: - 20,14
06.05. Tanken Aral: - 31,89
09.05. Lebensmittel Aldi: - 5,43
10.05. Instrumentenmiete: - 38,00
10.05. Tanken Aral: - 29,99
11.05. Lebensmittel Rewe: - 23,63
12.05. Lebensmittel
Supreme Fayas: - 21,98
12.05. Spielwaren ROFU: - 15,39
13.05. Lebensmittel
Supreme Fayas: - 59,93
13.05. Kleidung New Yorker: - 6,95
13.05. Kleidung H&M: - 9,99
13.05. Lebensmittel und
Katzenfutter: - 27,86
15.05 Handy: - 90,00
15.05. Kredit/Auto: - 109,00
15.05. Lebensmittel Rewe: - 21,98
16.05. Lebensmittel Aldi: - 13,53
17.05. Tanken Aral: - 15,02
19.05. Lebensmittel Rewe: - 21,13
20.05. Tanken Aral: - 39,45
20.05. Kleidung Only Store: - 25,99
22.05. Lebensmittel Rewe: - 19,74
23.05. Lebensmittel Rewe: - 31,72
24.05. Hort: - 134,00
24.05. Schulessen: - 35,00
24.05. Tanken Aral: - 29,93
26.05. Miete: - 760,00
26.05. Lebensmittel Rewe: - 65,40
26.05. Nebenkosten: - 60,00
27.05. Lebensmittel Rewe: - 14,87
30.05. Lebensmittel Rewe und Aldi: - 25,06
31.05. Tanken Aral: - 15,61
Steuer-Vorauszahlung: - 90,00
Rundfunkbeitrag: - 17,50
Riester-Rente: - 31,00
Gesamt: - 2635,02
Saldo: 89,98
Monatliche Einnahmen in Euro:
Gehalt Universität Augsburg (netto): 2600,00
Gehalt Kuka (netto): 2500,00
Kindergeld: 384,00
Gesamtnetto: 5484,00
Monatliche Ausgaben in Euro:
01.05. Taschengeld: - 40,00
01.05. Tanken: - 48,00
02.05. Lebensmittel Lidl: - 105,00
02.05. Kredit Haus: - 850,00
02.05. Betreuungskosten Ganztag: - 180,00
02.05. Gas: - 245,00
02.05. Strom: - 102,00
03.05. Handy, Telefon, Internet: - 92,00
04.05. Klavierunterricht: - 120,00
05.05. Tanken: - 73,00
06.05. Restaurant: - 75,00
10.05. Arztbesuch und
Medikamente: - 75,00
10.05. Lebensmittel Kaufland: - 120,00
11.05. Drogerie: - 35,00
11.05. Tanken: - 65,00
11.05. Lebensmittel Lidl: - 78,00
12.05. Kleidung: - 160,00
13.05. Friseur: - 30,00
13.05. Kino: - 40,00
13.05. Tanken: - 42,00
14.05. Tanken: - 76,00
16.05. Reparatur am Haus: - 200,00
16.05. Werkzeug: - 90,00
17.05. Geburtstagsgeschenk: - 60,00
17.05. Lebensmittel Rewe: - 117,00
17.05. Lebensmittel Kaufland: - 98,00
19.05. Tanken: - 69,00
20.05. Angelmaterial: - 40,00
21.05. Tanken: - 73,00
22.05. Reparatur Auto: - 60,00
23.05. Schulausflug: - 20,00
23.05. Lebensmittel Kaufland: - 100,00
24.05. Schulhefte, Stifte etc.: - 20,00
25.05. Tanken: - 59,00
28.05. Restaurant: - 85,00
29.05. Tanken: - 90,00
29.05. Zugticket: - 15,00
31.05. Lebensmittel Lidl: - 102,00
31.05. Tanken: - 53,00
Rundfunkbeitrag: - 17,50
Bahncard: - 7,00
Kfz-Versicherung: - 138,00
Riester-Rente: - 100,00
Kindervorsorge: - 280,00
Rechtsschutzversicherung: - 20,00
Unfallversicherung: - 40,00
Lebensversicherung: - 180,00
Haftpflichtversicherung: - 30,00
Krankenzusatz-
versicherung: - 48,00
Gebäude- und
Hausratversicherung: - 88,00
Nebenkosten Haus: - 192,00
ADAC: - 5,00
Sportverein: - 50,00
Sonstiges: - 143,00
Gesamt: - 5340,50
Saldo: 143,50
Monatliche Einnahmen in Euro:
Gehalt Pedia GmbH (brutto): 3051,00
abzügl. Steuern: - 443,00
abzügl. Sozialversicherungen: - 614,00
Gesamtnetto: 1994,00
Monatliche Ausgaben in Euro:
02.05. Miete: - 344,00
02.05. Heizung u. Warmwasser: - 54,00
02.05. Betriebskosten: - 54,00
03.05. Lebensmittel Penny: - 15,92
04.05. Strom: - 63,00
04.05. Wasser: - 7,00
06.05. Pizza-Bestellung: - 21,00
06.05. Lebensmittel Rewe: - 20,99
08.05. Lebensmittel Netto: - 15,47
12.05. Lebensmittel Edeka: - 5,85
15.05. Telefon/Internet: -30,00
19.05. Kochbuch Thalia: - 24,99
20.05. Tanken Shell: - 30,00
20.05. Fitnessstudio: - 61,00
22.05. Lebensmittel Edeka: - 10,49
22.05. Post, Paket nach Australien: - 9,50
23.05. Lebensmittel Rewe: - 17,08
27.05. Lebensmittel Lidl: - 22,69
29.05. Lebensmittel Edeka: - 25,52
29.05. Handy: - 39,00
31.05. Inspektion/TÜV: - 534,00
Rundfunkbeitrag: -17,50
Kfz-Versicherung: - 36,00
Riester-Rente: - 60,00
Betriebl. Altersversorgung: - 95,00
Berufsunfähigkeits versicherung: - 38,00
Haftpflichtversicherung: - 7,80
Haftpflicht-Zusatz Versicherung: - 8,50
Hausratversicherung: - 5,00
Zahnzusatzversicherung: - 11,40
Sonstiges: - 95,00
Gesamt: - 1779,70
Saldo: 214,30
Von Maik Großekathöfer

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