29.07.2017

EssayGemütlichkeitsfuror

Das neue Biedermeier – Kultur in den Zeiten Merkels. Von Nils Minkmar
Selten kommt das Publikum der Bundeskanzlerin so nahe wie beim Talkabend der Zeitschrift "Brigitte" in Berlin. Vor vier Jahren war Angela Merkel schon einmal dort und gab wohlüberlegte Einblicke in ihr häusliches Leben als kochende und backende Frau. In diesem Jahr kam dem Termin im Nachhinein eine besondere Bedeutung zu: Merkel setzte mit einer Bemerkung zum Thema der Ehe für alle eine Folge von Ereignissen in Gang, die dazu führten, dass ein entsprechendes Gesetz verabschiedet werden konnte. Sie selbst stimmte dagegen. Aber es lohnt sich, den gesamten Auftritt zu betrachten. Es ist eine Studie in merkelscher Denkungsart und damit auch eine Deutung über unser Land und unsere Zeit, denn nach zwölf Jahren hat sie Deutschland nicht nur politisch, sondern eben auch habituell und kulturell geprägt. Das gelingt ihr umso besser, je mehr sie vorgibt, darauf keinen Wert zu legen.
Merkels Selbstbeschreibung während des Abends mit den Kolleginnen von "Brigitte" vermittelt eine Botschaft: Sie ist eine Frau, die nachdenkt. Die wandernd, reisend oder kochend darüber nachdenkt, welche Politik am besten ist. Wie macht sie das? Auch darüber gibt sie Auskunft, und am interessantesten ist, was sie nicht erwähnt. Sie nennt in diesem Zusammenhang keine Berater, keine Einflüsse, keine Inspirationen. Sie zitiert keinen Autor, kein Buch, keinen Film. Sie beruft sich auf keinen Klassiker und erwähnt keinen früheren Staatsmann. Ihr Denken folgt einem zyklischen Verlaufsschema: Die Welt wird analysiert, daraus gewinnt sie Informationen, und aus denen wird, nach Verarbeitung durch das Hirn der Bundeskanzlerin, Politik. Und die verbessert wieder die Welt. Harte Bretter werden von Angela Merkel nicht durchbohrt, wie es noch bei Max Weber hieß, sie werden gehäckselt. Und das Land dankt es ihr. Sie ist nach dem Tief infolge der Flüchtlingskrise insbesondere in ihrem politischen Lager wieder beliebt.
Diese Singularität ist neu. Vor Angela Merkel hatten alle Bundeskanzler mit einer selbstbewussten, mitunter übermütigen intellektuellen Szene zu leben. Die Bundesrepublik entstand unter tätiger Mithilfe von kritischen Literaten und Intellektuellen, mit einer wichtigen politischen Literatur und einer stets seismografisch wachen Hochschullandschaft. Das war nicht nur im Westen so: Auch in der frühen DDR spielten Literaten, Wissenschaftler und Intellektuelle eine Rolle, verliehen der Gesellschaft eine Stimme und formulierten politische Ansprüche. Nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns und bis zum Machtantritt Gorbatschows wurde es allerdings immer riskanter.
Die Kanzler vor Angela Merkel pflegten den Austausch und waren stolz auf ihn. Der Dialog war dabei ein Wert an sich, kein Mittel zum Zweck. Aber diese Kanzler hatten auch Rivalen, manchmal sogar am Kabinettstisch. Merkel hat ernst zu nehmende Konkurrenten nicht einmal mehr in anderen politischen Parteien. Sie macht es gut und meint es nett, aber groß zu diskutieren, also mit Menschen, die nicht Trump oder Putin heißen, das, so versteht man, geht von ihrer Zeit ab.
Soll man das bedauern? Angela Merkel macht es doch gut. Die Jahre seit 2005 waren gute Jahre für die Bundesrepublik. Die Zahlen sind bekannt, aus der ganzen Welt gibt es überwiegend Lob für die deutschen Zustände. Und wenn den Bürgern etwas nicht passt, dann ändert sie das eben nach bewährter Methode: Protest wird Info, und Info wird Politik. Aber diese lautlose Effizienz hat Nebenwirkungen. Es ist schön in Deutschland, aber es ist intellektuell und kulturell auch etwas langweilig geworden.
Unsere kulturelle Versorgungsbürokratie garantiert ein ausreichendes Mittelmaß, das keine großen Würfe ermöglicht, aber Risiken ausschließt.
Schaut man sich in ausländischen Buchhandlungen nach deutschen Büchern um, findet man zuverlässig und in großen Stapeln immer wieder dieselben Werke: Giulia Enders' "Darm mit Charme" und Peter Wohllebens "Das geheime Leben der Bäume". Sonst Klassiker.
Gäbe es einen Simulator, mit dem man unsere kulturelle und intellektuelle Landschaft überfliegen könnte, fielen viele solide Mittelgebirge auf – aber keine Landmarken, keine Sehenswürdigkeiten, nichts, woran man sich erinnern und orientieren kann. Wo wäre das wegweisende Bauwerk, das vom Glanz, vom Reichtum und von der Erfindungsgabe unserer bundesdeutschen Gegenwart großzügig Zeugnis ablegt? Die Hamburger Elbphilharmonie ist die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Ansonsten stehen überall sandfarbene Quader mit Sehschlitzen herum, die bald schon renovierungsbedürftig werden.
Der Befund ist stets derselbe: zu wenig für so ein reiches, großes Land. Zu wenig Mut, zu wenig Liebe, zu wenig kreatives Risiko. Das Problem ist, dass man diese Entwicklung schlecht in Zahlen fassen kann. Solch ein Befund lässt sich nicht abbilden, wird also nur schwer zur Info, gegen die dann politisch etwas gemacht werden kann. Viele werden auch bestreiten, dass die große Politik überhaupt etwas für den geistigen Zustand des Landes kann. Schließlich wird ja niemand daran gehindert zu schreiben, zu dichten oder zu filmen. Es stimmt: Möglicherweise wundert sich die Kanzlerin selbst, dass so wenig geistige Unruhe zu bemerken ist. Aber vor der Klärung der Ursachen steht die Beschreibung der Lage. Und was an ihr auffällt, ist, dass nichts auffällt.
Kultur in Deutschland ist eine riesige Industrie. Manche Landeshauptstadt hat mehr Theater, Museen und Hochschulen als so mancher Nationalstaat. Rundfunkanstalten, Stiftungen, Vereine – Kultur ist eine Sache der Zivilgesellschaft, und sie wird ernst genommen und gepflegt. Kalendergetriebene Erinnerungsevents haben Konjunktur. Tod oder Geburt, das Jubiläum eines Dichters oder Denkers, das auf zwei Nullen endet, wird zu einem mittelständischen Gedenkunternehmen mit Vor- und Nachnamen. Dann folgen Ausstellungen, Ereignisse, ein ganzes Gedenkjahr. Eben noch Luther, nächstes Jahr Karl Marx – was anfällt, wird gezeigt, besprochen, ausgestellt und zelebriert. Kultur wird so betrieben, dass viele staunen werden und keiner meckern kann. Aber ist das ihr Sinn?
Im Frühjahr und im Herbst ergießt sich eine unübersehbare Fülle an Literatur und Sachbüchern in die Buchhandlungen. Jeden Donnerstag und auf den großen Filmfesten kommt frische Ware der deutschen Filmindustrie vor die Zuschauer, auch hier kein Mangel an Nachschub. Eine unüberschaubare Zahl an Bühnen hat bereits jetzt ihre Programme für das kommende Jahr angekündigt. Aber wenn man die vergangenen zwölf Jahre Revue passieren lässt, wenn man, ohne im Netz nachzusehen, überlegt, was wichtig war – wie viel blieb dann von der heimischen Produktion? Im Wesentlichen Krimis: regionale Krimis, Krimis, die unter Tieren spielen, die in der Vergangenheit spielen, Krimis, die Krimis parodieren, und Krimis, die in Wahrheit Gesellschaftsromane sind. Es sind sehr gute darunter, so eine Pauschalisierung ist immer auch unfair. Aber wenn es ein Merkmal des Genres gibt, dann sicher jenes: Man liest derartige Bücher nicht zweimal.
Und in den Wissenschaften? Welches Thema, welche Fachdebatte reichte bis ins Milieu der interessierten Leser? Spezialisierung ist das Gebot der Stunde, aus Intellektuellen werden Experten. Wenn keiner anruft, sagen sie nichts. So ein Überflug ist immer auch unfair. Wir haben Navid Kermani, Harald Welzer, Herfried Münkler und Carolin Emcke – und auch von der alten Garde sind große Denker aktiv. Kluge denkt noch und Habermas auch. Aber wer folgt ihnen nach? Wer sitzt auf den großen Lehrstühlen? So viele Thinktanks, Institutes for Advanced Studies, Akademien und Stiftungen gibt es, so viele Universitäten und noch mehr Hochschulen? Aber auf all den langen Fluren kann man Stecknadeln fallen hören.
Es ist noch nicht so lange her, da fungierte Kultur – in Ausstellungen, Büchern, Debatten, Filmen und Theaterstücken – als Kompass des ganzen Landes. Die Welt des Kalten Krieges war untergegangen, eine neue Zeit des internationalen Austauschs stand bevor, die Digitalisierung begann. Und dann wurde debattiert: Attac und die damit verbundene Forderung nach einer Finanztransaktionsteuer war ein großes Thema und die Volksbühne ein gedankliches Laboratorium für die gesamte Republik. René Pollesch erneuerte das Theater und beschrieb die Verwandlung der Öffentlichkeit in Kolonien des Kommerz. Konservative wie Meinhard Miegel sahen das Ende der Wachstumsideologie und dachten darüber nach, wie unsere Art zu wirtschaften und zu arbeiten verändert werden könnte. Tausende quälten sich durch die Werke von Toni Negri und Michael Hardt, und wenn es zu ruhig wurde, ließ sich Christoph Schlingensief etwas einfallen. Man stritt über Sloterdijk, über Grass, über Wehrmachtausstellung und Daniel Goldhagen.
Die Aufarbeitung der DDR in Romanen und Filmen bildete den Grundton der Zeit. Es gab dramatische Debatten im Bundestag, über die Agenda 2010 und immer wieder über Auslandseinsätze der Bundeswehr. In multiplen Facetten ging es um ein großes Thema: die Ordnung der Welt und Deutschlands Platz darin. Heute beschäftigt sich mit solchen Fragen die Bundeskanzlerin. Seit der Bankenkrise und der Krise der südeuropäischen Staatsfinanzen in ihrer Folge wurden wichtige Bundestagsverfahren zu einer Sache großer Geschwindigkeit. Zwei große Koalitionen unter Angela Merkels Führung haben nicht nur den Gedanken einer politischen Alternanz, sondern auch die intellektuelle Debatte um den Kurs des Landes, um Implikationen und Alternativen einschlafen lassen.
Es ist unter Angela Merkel ein Biedermeier unter neuen Vorzeichen entstanden: nicht als Rückzug mangels Alternative in einer repressiven Zeit, sondern aus Gemütlichkeit. So gehen die Dinge ihren Gang: Die Budgets der Kulturstaatsministerin steigen, regelmäßig kommen die Pressemeldungen über Museumserweiterungen, die Restaurierung von alten Schätzen und großartige Kooperationsprogramme. Nie war die Vergangenheit so gut in Form, wird gehegt und gepflegt. Wer in den Sechzigerjahren geboren wurde, kann sich noch an die Zukunft erinnern. Eltern nahmen ihre Kinder auf den Schoß und rechneten ihnen vor, wann sie mit dem Jetpack auf dem Rücken zur Schule fliegen würden. Politiker sahen darin ihr wesentliches Metier: heute dafür zu arbeiten, damit es morgen, nein, übermorgen besser wird. Weil aber niemand so genau wissen konnte, was dann sein würde, gab es erst einmal Streit. Beides gehörte zusammen: der Wagemut der politischen Pioniere und die heftigen Debatten in Parlamenten und – so hieß das damals – am Abendbrottisch in den Familien.
In der politischen Kultur, die von Angela Merkel geprägt ist, die höchst angenehm ist, fehlt diese Dimension. Hier sind die deutschen Autos, die deutschen Maschinen auf ewig begehrt, Deutschland ist Fußballweltmeister und die Kanzlerin die stärkste Stimme in Europa.
Darum tut sich die Bundesrepublik so schwer mit neuen Bauwerken. Sie stehen noch, wenn unsere Gegenwart vergangen ist, und künden davon, wie wir die Zukunft sahen. Ist das große Gebäude in der Mitte Berlins, das Stadtschloss, ein Wiederaufbau oder etwas Neues? Möglich ist beides – wie immer in der Merkel-Ära, denn ohne Eindeutigkeit ist keine Widerrede möglich. Wird es hässlich, wird es schön? Es wird auf jeden Fall ein Monument der Ambivalenz, gegen das niemand etwas haben kann. So leben wir in der Illusion einer permanenten Gegenwart und bleiben als Kulturnation konsequent unter unseren Möglichkeiten. ■
Von Nils Minkmar

DER SPIEGEL 31/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 31/2017
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Essay:
Gemütlichkeitsfuror

  • Doku zu cholesterinreicher Ernährung: Fett for Fun
  • Freizeitpark im Schwarzwald: Karussell ähnelt Hakenkreuzen
  • "Uber Boat": In Cambridge kommt der Kahn per App
  • Archäologie: Jahrtausendealtes Wandrelief in Peru entdeckt