29.07.2017

MusiktheaterBeckmesser, das Opfer

Richard Wagners „Meistersinger“ waren Adolf Hitlers Lieblingsoper. Nun hat sie der jüdische Regisseur Barrie Kosky in Bayreuth zu neuem Leben erweckt.
Die Freunde und Fans der Opern Richard Wagners betrachten die antisemitischen Elemente seines Werkes wie Einschlüsse in einem Diamanten, als kleine Verunreinigungen, die es hinzunehmen gilt, um seine wunderbare Musik ansonsten ungestört genießen zu können.
Nicht ganz so leicht fällt das den vielen jüdischen Wagner-Verehrern, die die Musik des Meisters zwar ebenso sehr lieben, aber von der antisemitischen Grundierung seines Werkes unmittelbar betroffen sind. Auch sie verlangen wie Süchtige nach seiner Kunst, wissen jedoch, dass deren Schöpfer niemanden auf diesem Planeten so sehr gehasst hat wie eben die Juden (mit Ausnahme vielleicht noch der Journalisten).
Auch der jüdische Regisseur Barrie Kosky leidet seit Jahrzehnten unter dieser sozusagen unerwiderten Liebe zu Richard Wagner. Dennoch hat der Intendant der Komischen Oper in Berlin bereits acht Wagner-Werke an verschiedenen Orten inszeniert, fast immer mit großem Erfolg. Am Dienstag dieser Woche eroberte er nun unter rauschendem Applaus auch die Hauptstadt des Wagner-Universums: Barrie Kosky, 50, präsentierte seine Version der "Meistersinger von Nürnberg" bei den Bayreuther Festspielen. Der gebürtige Australier ist der erste Jude überhaupt, der in Bayreuth Regie führt.
Als ihn vor drei Jahren das Angebot der Festspiele erreichte, lehnte er zunächst ab. Eigentlich sei er "fertig mit dem Mann" gewesen, verriet er der "Süddeutschen Zeitung". Dann aber, nach einigen Monaten Bedenkzeit, sei ihm doch eine zündende "Idee" für das mehr als vierstündige Mammutwerk gekommen.
Diese Idee, so zeigt nun die Premiere, ist so einfach wie genial: Kosky inszenierte nicht Wagners Meistersinger, sondern Wagners Meistersinger. Mit anderen Worten: Im Mittelpunkt steht hier nicht der bald 500 Jahre alte Sängerwettstreit um die schöne Goldschmiedstochter Eva, sondern Richard Wagner selbst, der mit dieser Geschichte – mehr oder weniger unbewusst – seine persönlichen Obsessionen erzählt.
Kosky setzt zunächst auf Slapstick und Entertainment. So verschiebt er gleich die erste Szene aus der Nürnberger Katharinenkirche in Wagners Bayreuther Villa Wahnfried, wo sich deren Bewohner als "Meistersinger"-Darsteller in einer Art Songcontest präsentieren: Eva erscheint in Gestalt der Wagner-Gattin Cosima, der Schumacher Hans Sachs, der weise Lenker des Geschehens, tritt als Richard Wagner höchstpersönlich auf. Und dessen Widerpart, Sixtus Beckmesser, erscheint als Hermann Levi, als jener begnadete jüdische Dirigent, den Wagner ebenso sehr verachtete, wie er ihn für seine Aufführungen benötigte.
Beckmesser wird bei Kosky zur zentralen Gestalt der Oper. Auf ihn, so zeigt die Inszenierung, projizierte Wagner seinen notorischen Judenhass, auch wenn er der Bühnengestalt nicht nur jüdische Züge verlieh. Wagner wies Beckmesser die ehrbare Rolle eines Nürnberger Stadtschreibers zu, diskriminierte ihn aber von Anfang an als unfreiwillig komischen Helden.
Beckmesser will Eva im Sängerwettstreit gewinnen und bootet seinen Konkurrenten Walther von Stolzing zunächst mit unfairen Mitteln aus. Er stiehlt sogar – ohne es zu wissen – Stolzings Lied, scheitert aber jämmerlich beim Vorsingen und wird schließlich von der Nürnberger Festwiese gejagt. Bis zum bitteren Ende hat Wagner ihn immer nur lächerlich gemacht: als Verfechter eines altmodischen Kunstideals, als skurrilen, jüdisch klingenden Sänger und als blamiertes Opfer einer Straßenschlägerei, die Kosky unmissverständlich als Pogrom darstellt.
Generationen von Wagner-Freunden haben über diese unglückliche Figur gelacht. Kosky zeigt nun, dass sie sich damit auch Wagners Wahnwelt zu eigen gemacht haben. Beckmessers "Seele und Charakter" seien "mariniert in jedem nur denkbaren antisemitischen Vorurteil", erklärte der Regisseur vor der Premiere. "Er ist ein Dieb, er ist gierig, er ist unfähig zu lieben, unfähig, wahre Kunst zu verstehen, er raubt deutsche Frauen, er stiehlt deutsche Kultur, er stiehlt deutsche Musik."
Kosky hatte versprochen, dass es in seiner Inszenierung keine Hakenkreuze und andere Anspielungen auf den berühmtesten Fan der "Meistersinger", Adolf Hitler, geben würde. Doch viel hat nicht gefehlt: Die Akte zwei und drei spielen im Saal der Nürnberger Prozesse. Warum das so ist, lässt Kosky im Unklaren. Sicher ist nur: Der Regisseur selbst sitzt hier zu Gericht über Wagner und dessen verbrecherische Claqueure.
Das zeigt sich auch am eigentlich furchtbar peinlichen Schluss der Oper. Hans Sachs alias Wagner hält darin den Nürnberger Bürgern eine nationalistische Standpauke über die Gefahren, die der "deutschen Kunst" durch "welschen Tand" drohten. In den gängigen "Meistersinger"-Inszenierungen antworten die Volksmassen mit lautem "Heil"-Geschrei, was den Nazis natürlich besonders gut gefiel.
Nicht so bei Kosky: Er lässt aus dem Bühnenhintergrund einen großen Chor samt Orchester nach vorn fahren, direkt vor die Füße von Hans Sachs. Wagners Alter Ego dirigiert daraufhin mit schwungvollen Gebärden das vielstimmige "Heil". Noch einmal demonstriert Kosky, dass es Wagner in all seiner Eitelkeit selbst war, der sich hier feiern ließ, und nicht, wie es der Meister seinem Publikum weismachen wollte, irgendein vermeintlicher Superdeutscher.
Wer noch Zweifel an der Legitimation dieser Kosky-Inszenierung hat, dem sei ein kurzer Gang in den Park auf dem Grünen Hügel empfohlen. Dort findet sich eine sehenswerte Ausstellung über das Schicksal jüdischer Künstler in Bayreuth. Wagners Witwe Cosima sorgte demnach bereits 1888, 50 Jahre vor der Reichspogromnacht, für die erste "judenfreie" Aufführung der "Meistersinger". Das Werk ihres verflossenen Gatten sei eine "Apotheose des deutschen Wesens", schrieb sie, daher müsse es "von jeder israelitischen Beimischung freigehalten" werden.
Bayreuth darf sich heute bei Barrie Kosky bedanken. Der Regisseur und seine Mitstreiter, der Dirigent Philippe Jordan und so großartige Sänger wie Michael Volle (Sachs), Johannes Martin Kränzle (Beckmesser) oder Klaus Florian Vogt (Stolzing), haben ein streckenweise unerträgliches Werk wieder spielbar gemacht.
Von Martin Doerry

DER SPIEGEL 31/2017
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