29.07.2017

GESTORBENGRETEL BERGMANN-LAMBERT, 103

Der größte Triumph blieb ihr versagt, 1936, bei den Olympischen Spielen in Berlin. Zwar hatten die Nazis sie extra aus England nach Deutschland zurückgeholt – die jüdische Hochspringerin sollte der Welt und vor allem den Amerikanern beweisen, dass deutsche Juden bei den Spielen antreten durften, dass Hitlers Reich weltoffener sei, als in den USA gedacht. Doch kaum hatte sich das US-Team auf den Weg nach Berlin gemacht, schlossen die Nazis die wohl beste Hochspringerin der Welt von den Spielen aus.
"Gold, nichts anderes wäre es gewesen", sagte Gretel Bergmann-Lambert, als sie der SPIEGEL 2009 besuchte. "Ich wollte den Deutschen und der Welt beweisen, dass Juden nicht diese schrecklichen Menschen waren, nicht so fett, hässlich, widerlich, wie sie uns darstellten. Ich wollte zeigen, dass ein jüdisches Mädchen die Deutschen besiegen kann, vor 100 000 Menschen."
Bergmann war als Unternehmertochter in Laupheim aufgewachsen, mit zehn Jahren fing sie mit der Leichtathletik an, dann wurde sie von ihrem Sportverein ausgeschlossen, ging nach England, wurde britische Meisterin. Die Rückkehr nach Deutschland war kurz: Bergmann reiste, so schnell es ging, in die USA, nachdem sie aus der deutschen Mannschaft geflogen war. So konnte sie auch nicht sehen, wer an ihrer Stelle bei den Spielen antreten durfte: Die Nazis nominierten Dora Ratjen, die auf dem vierten Platz landete – und 1938 als Mann enttarnt wurde.
In New York schlug Bergmann sich zunächst als Putzfrau und Krankengymnastin durch. 1937 wurde sie amerikanische Meisterin im Kugelstoßen und Hochsprung, 1938 noch mal im Hochsprung, genannt "The German Mädel". Ihr Verlobter Bruno Lambert war ebenfalls in die USA geflohen und wurde dort Mediziner. Nach der Hochzeit 1938 blieben sie bis zu Lamberts Tod, der ebenfalls 103 Jahre alt wurde und 2013 starb, zusammen.
Dass an ihrer Stelle 1936 ein Mann angetreten war, erfuhr Bergmann-Lambert erst 1966, als sie beim Zahnarzt saß und einen Artikel über Heinrich ("Dora") Ratjen las. "Ich musste kreischen und lachen, und alle hielten mich für irre", erzählte sie später. Deutsch hat Bergmann-Lambert nach ihrer Flucht nur selten und ungern gesprochen, der Hass auf die Sprache, das Land hat sie lange nicht verlassen. "Ich hätte so glücklich sein können, wenn ich nicht so gehasst hätte", sagte sie als 95-Jährige.
Im Alter hat sie noch Anerkennung aus Deutschland erfahren. Ein Stadion in Laupheim wurde nach ihr benannt, ebenso ein Weg auf dem Berliner Olympiagelände. Gretel Bergmann-Lambert starb am 25. Juli in New York.
Von Hor

DER SPIEGEL 31/2017
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