29.07.2017

LebensformenHausbesuch bei Kommunarden

Seit Monaten stand die Kommune I im Mittelpunkt eines ungeheuren Medieninteresses – Zeit, sich die Sache mal aus der Nähe anzusehen, beschloss der SPIEGEL. Der Besuch erwies sich als ernüchternd, die Erfolge der Kommunarden hielten sich in Grenzen, vor allem mit der erhofften Triebbefreiung haperte es noch gewaltig.
Nach diversen Umzügen residierte die von der Springer-Presse als "Horror-Kommune" titulierte Wohngemeinschaft im Juli 1967 in Charlottenburg. Die Bewohner wollten nicht länger nur theoretisch studieren, wie eine neue Gesellschaftsordnung zu gestalten sei, sie wollten es in der Praxis ausprobieren: Das Private ist politisch. So lebten sie in wechselnder Besetzung zusammen und versuchten sich getreu den gesellschaftlichen Utopien ihres Hausphilosophen Herbert Marcuse zu befreien. Die Befreiung von der Arbeit etwa klappte schon recht gut. Es gelang ihnen auch, sich an den Lehren Maos zu erbauen und "Nacht für Nacht ihre Kümmernisse und Komplexe zu besprechen, gemeinsame Kasse, gemeinsames Konto, gemeinsam den Besen zu führen". Absolute Gleichheit von Mann und Frau war am Herd und am Spültrog verwirklicht. Im Wohnungsflur wurde genau das "Tagesquantum Hausarbeit" notiert, das jeder zu leisten hatte – Vorbild für Tausende WGs in den nachfolgenden Jahrzehnten.
Die Erziehung der beiden Kleinkinder klappte hingegen weniger gut: "Erzieherische Funktionen von Vater oder Mutter", schrieb der SPIEGEL, seien "im Leben der Kommune nicht mehr vorgesehen". Jeder kümmerte sich ein wenig um die Kinder, was oft wohl hieß, dass niemand wirklich zuständig war. Trotz der von Marcuse geforderten Loslösung von den "jüdisch-christlichen Familiensitten" mussten Windeln gewechselt werden – da konnte auch Mao nicht weiterhelfen.
Was überhaupt nicht funktionierte, war die von Marcuse beschworene Entfesselung von "jeglicher Triebunterdrückung" – von "freier Liebe" konnte keine Rede sein. Vier Kommunarden stand nur eine Kommunardin gegenüber, und deren Liebe gehörte ausgerechnet den Religionswissenschaften. Eine anwesende "Hospitantin" mit "Samthosen und Samthaut" reservierte ihre Zärtlichkeiten – unsagbar judäochristlich – ihrem festen Partner. "In unerwarteter Beklommenheit versagten sich die weiblichen Elemente dem theoretisch auch von ihnen für richtig erachteten Wechsel" – sie blieben monogam. "Alles Erdenkliche" habe man versucht, klagte WG-Bewohner Rainer Langhans und wiegte seinen "Pudelkopf".
So war denn auch das berühmte Aktfoto der Kommune nicht mehr als ein Marketinggag, um deren Druckschriften besser verkaufen zu können. Die Genossen waren dringend auf diese Verkäufe angewiesen, denn im Wesentlichen lebten die Mitglieder von der finanziellen Unterstützung ihrer Väter. Um diesem peinlichen patriarchalischen Umstand abzuhelfen, hielt die WG eine regelrechte PR-Maschinerie am Laufen: Kaum eine Woche verging ohne schlagzeilenträchtige Provokationen. Die Kommunarden inszenierten sich als revolutionäre Freigeister und achteten penibel auf ihre Medienpräsenz: "Was die eigene Eitelkeit angeht, reagiert der Bürgerschreck als Bürger."
Zu dumm, dass auch das mit dem "Bürgerschreck" nicht recht funktionierte. Statt Empörung begegnete "ihnen jene teilnahmslose Verlegenheit, wie sie Krüppel erfahren, die vor Kaufhäusern Ziehharmonika spielen". Die Gesellschaft, die doch in ihren Grundfesten erschüttert werden sollte, sie wich aus und steckte den abgerissenen Gestalten ab und an ein wenig Geld zu.

DER SPIEGEL 31/2017
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