29.07.2017

Der Anti-Kanon

Halt ein, es reicht! Wir haben uns erlaubt, ein paar deutsche Klassiker auszusortieren.

Hoher Ton und falscher Klang

Friedrich Hölderlin: Hyperion oder Der Eremit in Griechenland. Erschienen 1797/1799.
● Briefromane sind meist nur eine Ausrede, wenn der Autor es nicht über die lange Strecke schafft. Der Hyperion ist so ein Fall, wo der Dichter nicht zum Punkt finden konnte und kein Verleger sagte: Halt ein, Friedrich Hölderlin. Es reicht. Lass es. Sei Sonett, meinetwegen, aber: Sei kein Roman.
Erzählt wird von einem griechischen Bürgerkriegsveteran, der unter dem Tarnnamen "Hyperion" einen "Bellarmin" in Deutschland mit Briefen überschwemmt und über den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik jammert. Als Einzelmensch "durchlaufen wir eine exzentrische Bahn", vom "Hüttchen der Kindheit" bis zum alten Sack. Als Menschheit geht es ebenso bergab, vom Griechentum, wo Staat noch Religion und Schönheit war, bis zur trostlosen Gegenwart am Neckar.
Dieser wenig originelle Gedanke ist auf 943 Wörtern, in einer "Rede an die Athener" (1. Buch, 2. Band) formuliert. Davor und danach aber Brief um Brief nur Tod und Süße, "ewiges, glühendes Leben", aber kein Witz, keine Ironie, keine Aufklärung, als hätte sich im ganzen Tübinger Stift kein Diderot auftreiben lassen.
Von etwaigen Antworten dieses "Bellarmin" ist keine Rede, sodass der Briefwechsel zum Selbstgespräch wird, gespickt mit Ausrufezeichen, mit "O"s und "Ach"s, so verquast und von Selbstmitleid durchtränkt, wie man es in der Gegenwart nur von Yanis Varufakis kennt, dem anderen Eremiten in Griechenland: Alle sind doof, nur ich nicht.
"So sang ich in die Saiten"? Hallo? Das ist der Jargon der Befindlichkeit, wie er einem bis heute von Yogamatten heruntergepredigt wird. Kein aufgeklärter Geist, nur zwielichtiges Geraune, wie bei Anthroposophen und Selbsterfahrern, Ganzheitlichen und "Ich bin Künstler"-Künstlern.
"Lasst von der Wiege an den Menschen ungestört!", so reden Kinderlose und Väter, die mit dem Nachwuchs nichts zu schaffen haben wollen.
Gewiss kann man einem Eremiten nicht vorwerfen, Gefühle in schrebergärtnerischer Schlichtheit zu beschreiben: "Eine neue Röte stieg auf in seinem Gesichte, und seine Gestalt wuchs, wie die erfrischte Pflanze, in die Höhe." Aber auch Einsamkeit ist kein Freibrief für süßliche Geschwätzigkeit und Sätze wie: "Es wurde Licht gebracht, und wir sahen von Neuem mit leisem liebenden Forschen uns an." Hoher Ton und falscher Klang.
"Ich verspräche gern diesem Buch die Liebe der Deutschen", kokettiert es schon in der Vorrede, als Anbiederung an ein Volk, das seine Zeit der Umnachtung noch vor sich hat und alles brauchte, nur begriffsferne Großgefühle nicht.
"Wie ein siegender Halbgott, wallte da zwischen der herrlichen Wildnis des Helikon und Parnass, wo das Morgenrot um hundert überschneite Gipfel spielt, und zwischen der paradiesischen Ebene von Sikyon der glänzende Meerbusen herein." Fürs Utopische muss natürlich wieder Mama herhalten. Mutter Natur wird als Sichtschutz vor die sozialen Systeme gespannt. So kam die Landschaft zu den Deutschen.
Es ist die Larmoyanz alter Männer, die ohne Familie, ohne Kumpel und akzeptable Streaming-Dienste irgendwo in Griechenland festsitzen und die Adresse des Reiseveranstalters verloren haben.
Hexameter auf Hexameter, ein endloser Zug feierlich-ernster Kadenzen, dass man nach wenigen Seiten schon ganz jambisch im Kopf wird und es einem schon in die Alltagssprache fährt: "Wo aber steht, im Lidl, die Wurst und wo die Kania-Mayonnaise?" – "Ich aber, Schöne, hätte gern den Latte, vanilla-flavored, und dazu was Süßes."
Eine Lieblingsmetapher des Hyperion übrigens ist die Biene, der "ihr kleines Reich gelingt", als reiche es aus, hirnlos umherzuschwärmen, während Big Queen es im Hintergrund schon richtet. Religion und Ästhetik aber sollten – und das, Hölderlin, ist die eigentliche Lehre der Großen Revolution – möglichst aus der Politik herausgehalten werden.
Sonst ist man, summ-summ-summ, bei diesen schönen Wörtern, wie "Heldenbrüder", "Göttersöhne", "Unsterblichkeit", bei "heiligem selbsterwählten Tode zur Freiheit". Das ist wabbelige Götterspeise, kein Kanon-Futter. Das taugte, apropos, vor Langemarck, füllte erst die Tornister und dann die Gräber.
"Mängel und Mißgriffe gibt es überall und so auch hier"? Natürlich. Klar gibt es Stellen der Einsicht, aber man muss sie suchen. "Mit der Nacht des Abgrunds vergleicht er (der Mensch) oft sein Leiden und mit dem Äther seine Seligkeit, und wie wenig ist damit gesagt?" Eben. Und schon im nächsten Satz dämmert und schmerzt und wehet es wieder ganz ungeniert durchs Elysium, im Saitenspiel der Geliebten – Himmel! In England schrieb zur gleichen Zeit Jane Austen.
Der Hyperion endet drohend: "So dacht' ich. Nächstens mehr". Auch das bleibt folgenlos dahingesagt. Diesmal zum Glück.
Von Alexander Smoltczyk

DER SPIEGEL 31/2017
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