29.07.2017

Was blüht denn da ?

Die Kolonialreiche der Zwanzigerjahre: Hédi Kaddours Zwischenkriegsabenteuer Die Großmächtigen. Von Christian Buß
DIE AMERIKANER KOMMEN, und im Reisegepäck haben sie nicht nur allerhand gefährliches Spielzeug, um sich selbst und anderen Spaß zu bereiten, sondern auch die viel gefährlicheren Ideen einer neuen Weltordnung. Dazu gehört das Selbstbestimmungsrecht der Völker, von dem die Amerikaner unbedacht zwitschern, während sie zu überdrehter Blasmusik vom Grammofon tanzen. Ein wahrer Schreckensbegriff für die sogenannten Großmächtigen in der maghrebinischen Stadt Nahbès. Sie sind ein Zusammenschluss reaktionärer französischer Verwaltungsbeamter und frömmelnder arabischer Großgrundbesitzer, die Anfang der Zwanzigerjahre die alte koloniale Ordnung in Nordafrika bewahren wollen.
Aber dann kommt da dieser Filmtross aus Hollywood. Das Heldenepos "Der Wüstenkrieger" soll gedreht werden, ein glutäugiger Stummfilmstar hat den Auftrag, einen arabischen Befreiungskämpfer zu spielen; beste Lichtverhältnisse und billige Komparsen versprechen einen optimalen Dreh.
Auf einmal mischen sich in Nahbès Revuegirls in kniekurzen Röcken und mit klackernden Hacken zwischen die Gäste der Cafés, die eigentlich den Männern vorbehalten sind. Auf einmal denken die verschleierten einheimischen Frauen darüber nach, ob sie ähnlich schöne Beine haben wie die Hollywoodstarlets. Und auf einmal kaufen Filmleute auf den Märkten der Einheimischen ein, wo sich kein französischer Beamter hintraut.
Mit seinem Kulturclash-Szenario bringt der tunesisch-französische Schriftsteller Hédi Kaddour mächtig Bewegung in die koloniale Erstarrung des Maghreb nach dem Ersten Weltkrieg. Die Hedonisten aus Hollywood tratschen zum Beispiel die neuesten Gerüchte um den Komiker Fatty Arbuckle weiter, jenen realen Stummfilmsuperstar, der aufgrund seiner Partyexzesse 1921 vor Gericht und in den Schlagzeilen landete und so zu einer Art erstem Boulevardstar wurde. Die Großmächtigen aus Nahbès versuchen, mit Verboten und Gebeten dagegenzuhalten.
Dass Kaddours ambitionierte Versuchsanordnung nicht unter filmhistorischem Spezialwissen und sittengeschichtlichen Details zusammenbricht, ist seinen wunderbaren Charakteren zu verdanken – und zwar zu allererst den weiblichen. Sie sind es, die die festgefügten Fronten zwischen islamischem Fundamentalismus, amerikanischem Kapitalismus und französischem Kolonialismus durchbrechen.
Da ist zum Beispiel die junge arabische Witwe Rania, deren Mann für die Franzosen im Ersten Weltkrieg sein Leben gelassen hat und die nun die gemeinsamen Güter gegen europäische Siedler verteidigt. Dass sie dabei die Reden des westlich orientierten türkischen Reformers Mustafa Kemal Atatürk zitieren kann, verstört ihre muslimischen Nachbarn genauso wie die französischen Kolonialherren. Frömmigkeit ist der Kitt der maghrebinischen Kolonialgesellschaft. Atatürks Ideen von der Säkularisierung der Gesellschaft verbreiten hier mehr Angst als das Kommunistische Manifest. Veränderungen mag in Nahbès niemand.
Umso berauschender dieser frühe Arabische Frühling, den Kaddour mit einer Mischung aus Zärtlichkeit, Ironie und zuweilen Wehmut beschreibt. Alles bewegt sich aufeinander zu, und es sind eben die Frauen, die hier die treibenden Kräfte darstellen: Die von all der Dekadenz müde Hollywoodfilmdiva findet in dem jungen gebildeten Araber, der die schönsten Gedichte der altarabischen Epoche zitieren kann, eine Projektionsfläche für die eigenen Sehnsüchte. Eine an den Filmset gereiste progressive Pariser Journalistin zieht einen reaktionären französischen Siedler mit ihrem Esprit in den Bann. Ideologisches Palaver ist hier erotisches Vorspiel.
Die Großmächtigen ist ein Buch der lustvollen Grenzgänge und der betörenden Kulturbrüche; eine Augenblicksutopie, die sich ausgerechnet vor dem Hintergrund der Leichenberge und Kolonialverbrechen des Ersten Weltkriegs vollzieht. Man folgt dieser Utopie auch in jenen Momenten, in denen Schriftsteller Kaddour die Regeln der Plausibilität stark überreizt. Etwa im zweiten Drittel des Romans, als eine Reisegruppe aus Hollywoodschauspielern, Arabern und Kolonialisten aus geschäftlichen Gründen gemeinsam erst nach Frankreich und dann nach Deutschland reist. Ein Ausflug, bei dem jeder einzelne Postkartenmoment aufgeladen ist mit politischer Bedeutung.
Schon in seinem ersten Roman Waltenberg lieferte der Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Kaddour, der in Paris französische Literatur lehrt, ein europäisches Panorama. Für sein zweites großes Werk weitet der 72-Jährige noch einmal den Erzählrahmen. Er gibt einen Ausblick auf die europäische Einigung, und er zeigt die Nachwehen der Kolonialisierung – auch im französischen Wahlkampf von Emmanuel Macron thematisiert. Die Geschichte wirkt in Die Großmächtigen ins Hier und Jetzt.
Schließlich, der Roman hat das Jahr 1923 erreicht, landet der Trupp aus Arabern, Amerikanern und Franzosen auf den noch rußigen ehemaligen Schlachtfeldern des Elsass und dann im Ruhrgebiet, das die Franzosen als Pfand für die im Versailler Vertrag festgeschriebenen Reparationszahlungen besetzt haben. Kaddour setzt hier zu einer riskanten Spiegelung an, indem er beschreibt, wie die französischen Kriegsgewinner den Ruhrpott durch Soldaten besetzen lassen, die aus den maghrebinischen Ländern stammen, die Frankreich sich als Protektorate einverleibt hat.
Eine unübersichtliche Gemengelage tut sich auf: Im Hintergrund lässt Kaddour schon Adolf Hitler krakeelen, der abfällig "bayerischer Mussolini" genannt wird, gleichzeitig erheben sich die Arbeiter im Ruhrgebiet – und singen dabei eine übersetzte Version der "Marseillaise": "Zu den Waffen, Bürger / Formiert eure Truppen / Marschieren wir, marschieren wir." Die Journalistin lacht vor ihren arabischen Reisebegleitern verbittert auf: "Die Deutschen singen uns die Revolution, die wir nicht mehr machen."
Der französische Selbstermächtigungshit "Marseillaise" als deutsche Coverversion – das ist die zärtlichste Wendung in diesem zärtlichen Buch über allererste europäische und allererste arabische Frühlingsgefühle.

Im Hintergrund krakeelt schon ein "bayerischer Mussolini": Adolf Hitler.

Hédi Kaddour: Die Großmächtigen. Aus dem Französischen von Grete Osterwald. Aufbau; 476 Seiten; 24 Euro.
Von Christian Buß

DER SPIEGEL 31/2017
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