29.07.2017

Großkapitalistische Schweinebacke

Bertolt Brecht: Die heilige Johanna der Schlachthöfe. Erschienen 1931.
● Ein gefleddertes Büchlein, orangefarben, auf dem Titel acht waagerechte Linien und neun Wörter: Bertolt Brecht. Die heilige Johanna der Schlachthöfe. Edition Suhrkamp. Welches Gefühl stellt sich ein?
Erstens Sentimentalität, das ist ja klar, denn die Proben in der Aula, bei denen die verehrte Mitschülerin Anne eine wunderzarte Johanna war (und der Rezensent die großkapitalistische Schweinebacke Mauler), liegen 33 Jahre zurück. Zweitens Ehrfurcht: Oh, wir meinten es ernst, und Bertolt Brecht hatte die Worte, nach denen wir suchten. Drittens ... ach, drittens.
Es ist ja so langweilig.
Pierpont Mauler handelt in Chicago mit Fleisch, und es geht ihm um sein Geld und kein bisschen darum, die Menschheit zu ernähren. "Die oben sitzen oben nur, weil jene unten sitzen", sagt Johanna, und als sie darum den Widerstand anzettelt und mit Mauler verhandeln will, sagt dieser: "Abgerissenes Pack, was? Neidisch aussehend, was? Und gewalttätig, wie? Ich bin nicht zu sprechen."
Dieser Mauler hat sein Fleischimperium abgestoßen, weil ihm Freunde von der Wall Street einen Tipp gegeben hatten. Die Arbeiter, zuvor lausig bezahlt, werden nun noch lausiger bezahlt, falls sie noch Arbeit haben. Johanna von den Schwarzen Strohhüten will Mauler bekehren und die Arbeiter zu Gott führen, aber Gott will und kann niemandem helfen, und Johanna verrät die Arbeiter, indem sie deren Streik verrät. Mauler gewinnt, denn als er sein Imperium zurückkauft, ist seine Konkurrenz erledigt, und er kann viele Arbeiter entlassen und die restlichen noch viel lausiger bezahlen.
Bertolt Brecht wollte erziehen, Botschaft und Moral sind der Sinn seines epischen Theaters. Holzhämmer aber nutzen sich ab; das fällt hin und wieder auch auf, wenn man heute 40 Jahre alte SPIEGEL-Hefte liest – Brecht ist schlimmer. Wenn Werke überdauern sollen, brauchen sie Tiefe, Widerspruch, auch Humor wäre hilfreich.
Es gibt ja unterschiedliche Gründe dafür, dass Meisterwerke irgendwann wie das Gegenteil wirken. Wie träge heute Anna Karenina zu lesen ist! All diese kürzbaren Sätze, das ganze Geschwurbel; 200 Seiten weniger, und es entstünde ein Text für unsere Zeit.
Die Heilige Johanna ist noch immer 149 Seiten flott, aber fürchterlich eindimensional, so vorhersehbar. Der miese Mauler bleibt mies. Beziehungsweise: Er bleibt bis kurz vor dem Ende mies, dann kommen ihm natürlich doch die erwarteten Zweifel, denn Johanna Dark hat den letzten Suppenteller von sich gestoßen und ist edel gestorben, "im Dienste Gottes, Streiterin und Opfer". Fahnen bedecken in den Schlachthöfen den gepeinigten Leichnam, es ist vorbei, halleluja.
Von Klaus Brinkbäumer

DER SPIEGEL 31/2017
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